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etwas hasst, in der Praxis davon zu leben gezwungen ist. Erinnern Sie sich, Leidenfrost, wie erschüttert Armand war, als er zufällig auf jenen Spiegelpalast zu sprechen kam. Sagte er nicht, dass er dort den Prinzen Egon kennen gelernt hätte?

Nein, berichtete Leidenfrost, er hat ihn dort nur nach früherer Bekanntschaft in Lyon wiedergefunden.

Wohl! fuhr Siegbert fort. Aber darin müssen Sie mir Recht geben, dass unserm Armand doch ein gewisser höherer Sinn fehlt für das Schöne, das Träumerische und Ideale in unserm Sinne. Ich gebe zu, dass man im Schweisse seines Angesichts, vom untersten Schmuze der Arbeit niedergezogen, nicht im stand ist, sich zu einer reinen und heiteren Auffassung auch der Dinge aufzuschwingen, die zunächst keinen handgreiflichen Nutzen tragen. Aber aus dem Nichtvermögen entstand hier auch das Nichtwollen. Sie verwerfen die Kunst als Ausgeburt des Luxus diese Communisten! Und kann man im grund den Ursprung der meisten Kunstwerke in etwas Anderem, als in der leidenschaft für den Luxus finden? Solange noch dem Überflüssigen die jammervolle Nichtbefriedigung des Notwendigen gegenüber existirt, solange ist auch die Kunst zur Gesellschaft schief gestellt. Wer die Kunst selbst anfeindet, weil sie überhaupt da ist, ist ein Barbar. Wer aber begehrt, dass die Kunst aus andern Beweggründen da sein solle, als nur in Folge der ungleichen und grausamen Einteilung der Gesellschaft, dem muss ich Recht geben und halte ihn für einen um so grösseren Menschenfreund, je mehr er die Kunst selber liebt. Jetzt sind wir die Sklaven der Reichen! Jetzt liegt an jedem Pinselstriche, den wir über die Leinwand ziehen, der Fluch des Elends der Gesellschaft! Wer sich damit tröstet, sich zu den Vornehmen, zu den Begüterten zu halten und in der Bezeichnung eines Reactionärs für sich etwas Ehrenvolles findet, der mag malen, dichten, componiren und von der Gunst der Grossen Tausende verlangen, um seine Schöpfungen beim hellsten Lichte in's Leben treten zu sehen. Ich kann nicht zu diesen Glücklichen gehören. Ich möchte, dass die Kunst etwas Notwendiges wäre und der Staat selbst, der durch die Volkssouveränetät frei gewordene Staat, sie mit in seine Sphäre aufnähme. Welch ein Gefühl, zu schaffen für eine Nation! Welche Wonne, mit seinem Talent einem grossen, schönen Ganzen zu dienen! Nicht Aufdringling mehr, nicht geduldeter Sklave der Reichen, beschützter Schwächling, den die Tyrannen in ihre Obhut nehmen müssen; nein, ein Priester des Volkes, berufen und geweiht vom Genius des Vaterlandes! Welche Bilder, welche Gedichte, welche Gesänge sollten dann entstehen! Wie würde die schwache Kraft des Einzelnen wachsen und mit Adlerschwingen emporfliegen! Wie würde Feindschaft, Isolirung, Geschmacksanarchie weichen und Alles zu Gesammtschöpfungen sich vereinigen, da hinfort nicht mehr aus uns die Willkür, sondern die idee selbst herausbricht und in duftende, bunte Blüten schiesst! Jetzt leben wir versteckt, fast, wie Lessing's Maler sagt, vom Diebstahl der natur; dann würden wir geborne Krösusse sein und die natur zu bereichern scheinen!

Heinrichson schickte sich nach diesen Worten an, zum Zeichen des Aufbruchs seine Pinsel zu reinigen,.. eine lästige Arbeit, mit der die Maler, wenn sie in Öl arbeiteten, ihr vormittägiges Tagewerk beschlossen. Des Nachmittags kamen Wenige in das Atelier, so anziehend auch die Kühle des Raumes war ...

Reichmeier aber lobte diesmal zu Heinrichson's Ärger Das, was Siegbert gesagt hatte. Nur bedauerte er, dass man selbst in Frankreich, wo doch das nationale Leben am unmittelbarsten in jedem Einzelnen sich wiederfände, es nicht dahin hätte bringen können, die von der Regierung selbst beschafften künstlerischen Bestellungen ohne Neid von den Künstlern, die leer ausgingen, betrachtet zu sehen. Indessen fügte er hinzu, ist es doch immer erhebend zu beobachten, wie die gewöhnlichsten Bauern und Handwerker durch das Museum von Versailles wandern und sich die Heldentaten der französischen Nation von Chlodwig bis zu den Feldzügen in Algier betrachten. Auch die Teater und sogar die Literatur sind in Paris weit mehr Volkssache als bei uns, und Niemand murrt darüber.

Und doch noch Alles zu sehr Spekulation, sagte Siegbert, zu sehr Willkür des Einzelnen!

Mein Freund Wildungen, nahm Leidenfrost in seiner ruhigen kaustischen Weise die Erörterung auf, mein Freund Wildungen will Griechenland wiederherstellen und weiss nicht, was er da erst Alles abschaffen müsste. Ich will von unsern zwanzig Grad Reaumur im Winter nicht sprechen. Man hat bei uns die Kirchen gebaut, ohne Rücksicht auf das Klima, rein aus Nachahmung der warmen Gegenden, die die Wiege des christentum waren! Aber dies Christentum selbst ist seinen Plänen im Wege. Gerade dieser Religion verdanken wir die gänzliche Unmöglichkeit, die schönen Künste irgendwie anders in den Staatszweck einzuführen, als wir sie jetzt haben. Schafft uns erst die Verachtung der Welt, die mönchische Isolirung, den Miskredit des absolut Schönen, die Zweideutigkeit alles Formenreizes ab, und hernach wollen wir mit der Menschheit sprechen! Das macht sich aber nicht. Apollo steht auf dieser Wolkenschicht und Christus auf der andern. Die Menschen fallen nicht dort, sondern hier nieder, nicht vor dem schönen griechischen Gotte mit den menschlich vollendeten Gliedern, sondern vor dem ernsten, strengen verhüllten Lehrer der Entsagung! Die Tugend und Entaltsamkeit ist den Menschen so ehrwürdig, dass sie aus Einem, der sie bis zur höchsten Vollendung übte, Gott selbst gemacht haben. Ehe nicht einmal ein Prophet kommt und die beiden Wolkenglorien verschmilzt, dem Apollo einen Heiligenschein, dem Christus eine Leier in die Hand gibt