doch jammern die Herren, dass diese Sachen nicht das Evangelium sind und die Menschheit ummodeln können! Mit den Dichtern und Componisten ist es fast ebenso! Alle leiden daran, dass unsere Zeit erst zu einer neuen herrschaft grosser Tatsachen im Durchbruch liegt, Alle klammern sich an Vergangenes und machen sich eine künstliche Bildung, weil für eine natürliche und zeitgemässe die Anknüpfungen fehlen. Oft denke' ich: Käme nur einmal ein rechtes Wetter und übergösse Alles mit Hagel wie Quadersteine so gross, was jetzt prangt und sich brüstet! Auch die Kalmücken nähm' ich zu dem Ende mit Vergnügen an, wenn sie nur Alles kurz und klein hackten wie die Türken in Alexandria, die nichts leben liessen als den Koran.
Unser ganzes Zeitalter ist ja ein solches buchmässiges und schriftgelehrtes, wie es das alexandrinische war ...
Heinrichson war über diese Humoreske sehr unwillig. Er nannte sie geradezu eine outrirte Barbarei und warf Leidenfrost vor, dass er sich in auffallenden Behauptungen gefalle, die an burschikose Renommisterei grenzten..
Sie wissen nicht recht, Leidenfrost, sagte er mit sei
nem feinen, spitzen Tone, welcher stimme Ihres inneren Sie folgen sollen! Bei uns Malern sprechen Sie wie ein Maschinenbauer und wenn Sie hinausgehen in die grosse Willing'sche Maschinenfabrik und dort Modelle zeichnen, so werden Sie da gewiss wieder von schönen, idealischen Formen reden und hoffentlich die Lokomotiven mit hässlichen Tintenfässern vergleichen, ja nicht einmal mit diesen, sondern mit plumpen, chemischen Zündfeuerzeugen oder Apotekerbüchsen für Pferdecuren. Ich wette, dass Sie eben im Begriff sind, einen neuen Hebebaum zu erfinden und wenn er gut ist, wird der Königshasser die Demütigung erleben, dass man ihn beim Kölner Dom in Anwendung bringt.
Aha! rief Leidenfrost und pfiff die Marseillaise.
Die Politik, sagte Siegbert zur Vermittlung, die Po
litik, lieber Heinrichson, spielt doch auch sehr in diese fragen hinein! Sie sind conservativ und haben Ursache dazu. Ein Maler, dem man zu Gefallen echte isländische Schwäne vom König ankaufen lässt, würde undankbar genannt werden müssen, wollt' er demokratische Auffassungen teilen. Diese Gêne macht ja leider uns Alle so zahm und verpflichtet uns. Dennoch gibt es Demokraten unter uns. Auch Reichmeier ist Demokrat, solange die Demokratie sich nicht auf communistischen Gelüsten ertappen lässt. Leidenfrost schüttet aber das Kind mit dem Bade aus und ist in seinen Irrtümern um so gefährlicher, als er selbst die Geheimnisse unsrer Kunst kennt und in Weihemomenten noch Glauben genug an sie besitzt, sie in seinem Sinne zu üben. Warum wollen wir in der hereinbrechenden Barbarei des Materialismus die Flucht ergreifen? Warum die Fahne Rafael's und Dürer's im Stich lassen und zu den Fabrikarbeitern und Nützlichkeitslehrern übergehen! Auch ich fühle für die praktischen Bedürfnisse des Volkes und die notwendigkeit, Alles zu bekämpfen, was die Tyrannei des alten Systems aus der Kunst entlehnt, um sich zu schmükken und scheinbar als Blüte der Humanität darzustellen, aber ...
Nun, rief Leidenfrost, nun? Sie sagen da etwas Entsetzliches, Wildungen! Sie stocken schon! Die Tyrannei entlehnt aus der Kunst, um sich zu schmücken und sich scheinbar als Blüte der Humanität darzustellen.. schlagendes Wort! Bricht diese nichtswürdige Lüge aber nicht der Kunst den Hals für immer?
Nein, sagte Siegbert ruhig, sie beschämt nur die Tyrannei. Die Kunst selbst kann, darf nicht leiden unter ihrer falschen Anwendung. Der Sinn für das Ideale darf nicht aussterben, die neidische Feindschaft gegen das Schöne nicht gehegt und befördert werden. Sagen Sie selbst, Leidenfrost, in unserm neuen Freunde, dem liebenswürdigen Franzosen Louis Armand, liegt nicht bei all seiner Vortrefflichkeit und seiner warmen Empfindung für die Leiden des Volkes etwas in ihm, was man einen mangelnden sechsten Sinn, den der Schönheit nennen könnte?
Fünf Sinne brauchen wir nur! antwortete Leidenfrost trocken.
Reichmeier fragte noch einmal nach dem Namen des Franzosen, den er eben erwähnt hörte..
Louis Armand! wiederholte Siegbert.
Louis Armand aus Paris? Ich kenne einen Vergolder dieses Namens, der dicht an Delaroche's Atelier wohnte.
Heinrichson, dem das Gespräch zu politisch wurde und es darum auf Anderes lenken wollte, sagte:
Gewiss, derselbe, oder ein Agent seines Geschäftes, der sich hier niedergelassen hat. Man rühmt die Proben seiner Gemälderahmen und hat Vieles bestellt ...
Er hatte in Paris ein bescheidenes, aber gesuchtes Geschäft, ergänzte Reichmeier. Das ganz Landhaus einer vornehmen Dame, der Gräfin d'Azimont, sah ich ihn einmal mit Spiegeln auslegen, wo er vielen Beifall erntete. Ich habe einige enkaustische Sachen für diese Einrichtung gemalt ...
Heinrichson verstand Reichmeiern und merkte die Absicht, dass er ihm behülflich sein wollte, den politischen Faden abzuschneiden, den er nicht verfolgen wollte, da er ein leidenschaftlicher Anhänger des Bestehenden war und nur mit Vornehmen umging.
Ein Handwerker, sagte er, der von Künstlern lebt, sollte gegen die Künste dankbarer sein. Ich finde es sehr komisch, Gemälderahmen zu machen, Spiegelpaläste zu zaubern und gegen Gemälde und den Luxus überhaupt, wahrscheinlich als Sozialist, zu polemisiren. Apropos! Die Gräfin d'Azimont..
Tragisch ist Das, bester Heinrichson, unterbrach Siegbert, der, wenn er einmal in Erregung war, von seiner Glut für die richtige Überzeugung nichts vergab und nun nicht dulden mochte, dass Heinrichson zu der ihm völlig gleichgültigen Gräfin d'Azimont ablenkte. Tragisch find' ich Das, wiederholte er, wenn ein Mann, der in seiner Teorie