dass Leidenfrost aufrichtig sagte, wie er diesen Stoff behandeln würde! Was tut Das? Ich müsste mir vorkommen, als wäre meine Malerei mein Elend und Jammer, wenn ich vor der Ideenwelt der Andern immer gleich erschräke!
Diese Meinung teil' ich nicht, sagte Reichmeier. Hat man von einer andern Auffassung den Effect erkannt, so bin ich der unglücklichste Mensch, wenn ich bei meiner eignen, die vielleicht nüchterner ist, bleiben muss ...
Diese Empfindung, antwortete Siegbert, haben Sie nicht aus Italien, sondern aus Paris mitgebracht. Sie Glücklicher, Sie hatten die Mittel, auf Reisen zu gehen und wählen Paris für Rom und Florenz! Was haben Sie bei Vernet und Delaroche gelernt? Vortreffliche Farbenzusammenstellungen, rasche Pinselführung, aber auch eine knechtische Verehrung vor dem Götzen Effect, den Ihnen unser guter treuer Eckart der Kunst, Professor Berg, nicht wieder austreiben kann. Ihr seid die wahren Eklektiker der Kunst! Ihr malt die Heiligen, die Griechen, die Fischerknaben, die Betteljungen, die Grenadiere, Alles durcheinander, wenn sie einen brillanten Moment abwerfen, wie Schauspieler, denen jede Rolle, jeder Geschmack recht ist, wenn sie nur gelegenheit finden, sich darin als Virtuosen zu zeigen.
Die Deutschen malen langweilig, sagte Reichmeier kurzweg. Jeder denkt, wenn er sich selbst gegeben hat, wär' er ein Poet mit dem Pinsel. Das ist eine alte Sage, die von unsern Akademieen und den bezahlten Professoren noch aufrecht erhalten wird. Aber die Geldbeutel der Käufer glauben nicht mehr daran. Sehen Sie nur zu, lieber Wildungen, was geschehen würde, wenn man von unsern königlichen Frescomalern ihre Nibelungensuiten, nach der Elle gemessen, auf den Markt brächte; wer würde viel dafür geben, auch wenn er die Wände hätte, diese schöngezeichneten bunten Tapeten passend aufzukleben!
Drum Dank dem Himmel, antwortete Siegbert, dass noch Möglichkeiten sind, die Kunst von der Liebhaberei des Privatgeschmackes frei zu halten! Sagen Sie nicht, ein Fürst, der auf grosse Bauten viel verausgaben kann, folge in ihrer Ausschmückung doch auch nur den Eingebungen seines Privatgeschmackes! Nein! Wir mögen über Geschmacksrichtungen streiten, soviel wir wollen, eine Kirche bringt ihren eigenen Geschmack mit sich, ein Königspalast gleichfalls, eine offene grosse Halle gleichfalls. Jede Anknüpfung der Kunst an grosse Institutionen veredelt das verstekkte Gelüste der Privatliebhaberei und könnten wir es dahin bringen, dass alle Anknüpfungen der Künste noch, wie in alten zeiten, grossartige, allgemeine, vom ganzen Staatsleben unterstützte wären, so würden wir aller Willkür der Kritik, aller Anarchie der Production überhoben sein und Das malen, dichten, meisseln, componiren, was die Zeit wirklich will und was sich für das Allgemeine und die Würde der Kunst schickt.
Ein wahres Wort! mischte sich jetzt wieder Leidenfrost beistimmend ein. Ja! Wildungen, Sie sind auch so ein Nicodemus, der nur manchmal bei Nacht in den Hof der Wahrheit kommt! Sie wissen das Bessere und handeln nicht immer darnach, von Heinrichson und seinem alten mytologischen Schwäne-Kram und Reichmeier's Melodramen-Malerei ganz zu schweigen! Ich habe Sie gestern mit Champagner gelabt, ich darf Ihnen heute Wermut reichen. Wenn Ihr wahr sein wollt, gibt es eigentlich keine ideale Malerei mehr, es gibt nur noch Landschaften, Jagdstücke, Portraits und auch die sind schon verdrängt durch die Lichtbildnerei. Die wahre Bestimmung der neuern Malerei ist Zimmerschmuck, und in allen andern Bestimmungen erblick' ich nur Krücken, auf denen sie notdürftig so dahinhumpelt! Kirchengemälde! Wer baut denn Kirchen aus Kirchendrang? Sind denn Kirchen nötig? Schmelzen nicht alle Gemeinden der positiven Staatskirche so zusammen, dass sie in einem mässigen saal Platz hätten? Und die Dissidenten, die Sektirer, die eigentlich Frommen wollen keine Bilder. Um die paar Kirchen, die der Gustav Adolf-Verein bauen lässt, wird man doch nicht sagen, dass noch das Kirchenbauen an der Zeit ist! Cornelius mit seinem ganzen jüngsten Gericht ist eine alte Reliquie von Anno Schwartenleder. Da sind wohl mehr Gedanken sichtbar als bei Rubens mit seinen dicken zu Gnaden angenommenen Blondinen und den alten wasserbäuchigen Sündern, die von den Teufeln gepiesackt werden; ja, Cornelius hat Kohlrauschen's deutsche geschichte gelesen und weiss, wer Segestes war und Rubens hat nicht den Kohlrausch gelesen ... aber die ganze geschichte mit den jüngsten Gerichten und den Posaunenengeln und den Zornschalen ist alte Schweinsschwarte. Die Narrenspossen! Und nun Gott Vater, Gott Sohn, Gott der heilige Geist und solches bunte Farben-Gepinsel mehr! Sind denn Ruhmeshallen an der Zeit? Was ist denn Ruhm? Ein König setzt sich zu Gericht und sagt, was Ruhm ist! Ich will ein Volk sehen, das seine Kränze durch millionenfache Acclamation austeilt und was erleb' ich, Den, den ein paar Tausend bewundern, wollen ein anderes paar Tausend mit Kot bewerfen! Ehe nicht unsre ganze Gesellschaft geändert ist, ehe nicht die herrschaft des Volkes entschieden hat, was heutzutage noch die Schultern des Menschen tragen, seine Hirnfasern glauben können, ist alle Kunstpflege Spittalsuppe. Der tut fromm und mischt seine Farben statt in Öl in Tränenwasser der Andacht, wie sankt Fiesole; der malt lange Hünen und ausgereckte Recken, die Cuvier zu Mammutszusammensetzungen hätte benutzen können, zu präadamitischen Zeuglodons; der liebäugelt mit dem allgemeinen Begriff des Schönen und lockt sich ein Situatiönchen aus einem Gedichtchen oder einem Märleinchen hervor – und das Gequängel und Gepimpel wird noch dazu von einem ebenso confusen Geschmacke bezahlt, beliebäugelt ... und