1850_Gutzkow_030_239.txt

kommt, um den inzwischen stattlich herangewachsenen Heiland zu sehen? Er scheint sich recht zu verwundern, wie die kleinen Kinder mit der Zeit so aus Krippen herauswachsen können..

Siegbert antwortete, indem er mit dem Gummi die Negerknaben etwas corrigiren wollte:

Diese Jungen tragen fackeln, um in die Nacht eine Art Rembrandt'scher Beleuchtung zu bringen. Die schwarzen Mohrenjungen hätten sich unter den Fakkeln so prächtig ausgenommen ... sie kommen auch nicht fort.

Nein, Nein! sagte Heinrichson und hielt die Hand mit dem Gummi zurück, nicht zu rasch mit dem Ändern und Vertilgen! Ein vernünftiges Motiv muss man nicht so bald aufgeben. Leidenfrost's idee scheint nicht einmal die rechte zu sein. Ich glaube nicht, dass Sie der Frau von Trompetta humoristische Witze in's Album malen wollen, die sich nicht biblisch rechtfertigen lassen ...

Wäre denn Das bloss ein Witz, fragte Leidenfrost, wenn einer von den drei Königen einmal wieder einen Besuch in Galiläa machte? Könnt' er Jesus nicht gesagt haben:

Braver Mann, ich hielt so viel von Ihnen, aber Sie sind auf dem Wege sich in's Unglück zu stürzen! Sie wollen eine neue Religion stiften und ich komme, weil ich mir etwas Anderes in Ihnen vermutete, express aus Indien, um Ihnen zu sagen, dass wir dort einige noch recht gute alte Religionen haben! Die beiden Mohrenjungen mit den fackeln würden eine treffende Symbolisirung der näheren Aufklärung über diesen Gegenstand sein ... Lesen Sie die Zendavesta und die Vedas, meine Herren! Selbst Gützlaff gesteht, dass Confucius kein Confusius war.

Ich vermute eher, sagte Reichmeier, der an Eleganz mit Heinrichson wetteiferte trotz der Atelierüberhemden, die sie trugen; ich vermute eher, dass wir einen Abgesandten des Hauptmanns von Capernaum vor uns haben, der Jesus zu seinem Herrn beruft. Der Heiland versichert ihm, dass er das Wunder bereits verrichtet hätte, er möge nur nach haus gehen und sich schlafen legen ...

Nein, meinte Leidenfrost trocken ohne die Miene zu verziehen, ich kann nimmermehr glauben, dass diese hohe, stattliche Figur, die ich da vor dem Heiland entstehen sehe, ein Unteroffizier oder eine Ordonnanz ist. Ich will dem militairischen geist der Juden nicht zu nahe treten, aber so stattlich war doch wohl die Rekrutirung ...

Ich glaube, unterbrach Heinrichson diese frivolen Spässe, ich glaube, dass sie gar kein Kriegsheer hatten und dass der Hauptmann von Capernaum ein römischer Centurio war. Die Mohrenjungen sind dann schon eher angebracht. Man könnte annehmen, dass dieser römische Hauptmann aus jener Armee hervorgegangen ist, die schon unter Antonius bei der Cleopatra afrikanische Luxusstudien machte..

Mein Himmel, unterbrach Siegbert, dem des Spottens und Schraubens doch am Ende zu viel wurde, diese für zwei Maler, die auf einige Ausstellungen schon Heiligenbilder geliefert hatten, charakteristischen Äusserungen, mein Himmel, welche Verwirrung über die Auslegung einer sehr einfachen und, wie ich fast glaube, nicht genug ansprechenden idee! Ich will ja nichts Anderes, als hier in einfacher Tusche die Tatsache wiedergeben: Nicodemus kommt zum Herrn bei der Nacht. Hier schlafen unter freiem Himmel die Jünger, von denen nur einige sichtbar sind. Christus wachend hat sich erhoben und empfängt den nächtlichen Besuch des vornehmen Pharisäers, der, von innerster achtung vor dem Religionswerke des Heilands durchdrungen, doch noch nicht den Mut hat, ihn öffentlich zu bekennen. Die beiden Mohrenknaben leuchten ihm in den Garten. Hinten steht das aufgezäumte Kameel, auf dem er aus der Stadt gekommen, nur von einigen vertrauten Dienern begleitet. Auch diese wie die Mohrenknaben wollt' ich in ehrerbietiger Andacht erscheinen lassen. Hinten ganz fern sieht man die Zinnen von Jerusalem.

Sehr schön! rief Heinrichson mit einer gewissen gentlemanliken Herablassung. Die Skizze ist würdig, in Öl ausgeführt zu werden. Wie herrlich diese Beleuchtung durch die Sterne und die fackeln! Schon sehe' ich, dass Sie beabsichtigen, das rote Licht grell auf die schlafenden Jünger fallen zu lassen. Es kann ein recht sanftes Leben in das Ganze kommen! Diese Nachtstille, diese schlummernde Pflanzenwelt! Und dabei das heilige Wachen des Glaubens und die feierliche Beherrschung der schlummernden natur durch die Macht des Geistes! Ich sehe das Blatt schon fertig vor mir und verspreche Ihnen davon eine gute wirkung ...

Auch Reichmeier stimmte dem feinen und so ausnehmend wohlwollenden Urteile Heinrichson's, das Siegbert fast stutzig machte, bei und nannte das Ganze einen "guten Gedanken". Doch tadelte er die Mohrenknaben.. Siegbert hätte selbst schon angedeutet, dass diese Vermutung auf Abwege führen und für nicht echt jüdisch gehalten werden könnte. Die Juden hätten niemals solche Sklaven gehabt ...

Ach was! rief Leidenfrost. Welcher Künstler wird sich denn an solche Niemals! Niemals! kehren? Wir haben auch keine Sklaven und doch Jockeis und wer sich einen Neger halten kann und die Kreuzung der Racen unter seinem Gesinde nicht fürchtet, der lässt sich gerade von einem Neger dahin begleiten, wo einheimische Bediente vorlaut und unzuverlässig sind. Bleiben Sie ja bei den Negerknaben, Wildungen! Auch bei dem Kameel! Die alten Italiener waren darin ja so prächtig ungenirt. Auf Paul Veronese's grossen neutestamentarischen Scenen kommen alle die Neger vor, die man in den Häusern der vornehmen Venezianer damals herumlaufen sah, Papageien und Affen, wie sie einmal zur orientalischen Anschauung gehören ...

Siegbert, ermutigt durch diesen Beifall und sonst schon den ganzen Vormittag in aufgeregter Laune, fiel