Papiere wollen wir in meinem Zimmer unterschreiben. Mühseliger Tag! Er wiegt schwerer als seit lange einer, und doch gehört er zu denen, die ich in anderm Sinne als Kaiser Titus einen verlornen nenne!
Bartusch ging zur Justizrätin, bei der Lasally schon wartete.
Schlurck stieg mismutig die Wendeltreppe hinunter in sein Zimmer zum Abschluss der Verhandlung mit Ackermann, die seit lange seine schmerzlichste Erfahrung war. Etwas Halbes war ihm ... Nichts.
Zehntes Capitel
Die Ganzen und die Halben
Eine Werkstatt der zeichnenden Künste musste so gebaut sein wie die des berühmten Professors Berg, um neben der Bestimmung, dem Künstler gelegenheit zu ungestörtem Fleisse zu geben, auch als ein freier Tummelplatz heitrer Laune und scherzhaften Gespräches dienen zu können.
Der grosse Anbau seines italienischen Hauses war eine Halle, massiv gebaut, aber doch in Form jener antiken Bauart gehalten, die den Ursprung aller Architektur aus zusammengelegten Blöcken durch bunte Malerei, Vergoldung und Zierrat aller Art nicht verbergen will. Schimmerte auch die Decke nicht in goldenen Verzierungen, so wurden ihre Balkengevierte doch durch Farbenschmuck aller Art sehr frisch gehoben. Die Form der Halle war eine dreiteilige. drei grosse nach Norden gehende Fenster warfen das der Malerei nötige Licht in den gewaltigen Raum, der durch zwei von der halben Decke herabgehende schwere grüne Vorhänge in zwei kleinere und eine grössere Abteilung getrennt war. Liess man die wuchtigen Vorhänge zufallen, so waren die hinter ihnen beschäftigten Maler voneinander getrennt. Standen sie offen, so gewährten sie die Möglichkeit einer gemeinschaftlichen Unterhaltung durch das ganze Atelier.
In dem ersten Dritteil sassen einige Schüler und Anfänger, in dem grossen Zwischenraum die selbständigen jüngern Kräfte, die sich um Professor Berg scharten, im dritten war dieser selbst beschäftigt.
Die grosse Südwand, ganz massiv, war in pompejanischem Geschmacke gemalt. Die rote Farbe hatte in dem bunten Gemisch den Vorrang.
An der Ostwand war der doppelte Eingang, einer von unten her und einer oben von der Altane, die das erste Stockwerk des Hauptgebäudes mit dem Atelier verband. Auf der Hälfte der Stiege, die von oben her kam, schloss sich ihr von unten herauf eine andere an, die in einer langen hölzernen, mit grauer Ölfarbe gestrichenen brücke endete, die durch das ganze Atelier ziemlich nahe an der Südwand sich hinzog – diese brücke diente für grosse Gemälde, welche von dem Fussboden aus nicht gemalt werden konnten. Hier und da liess sie sich auseinandernehmen und auf Rollen nach Belieben vor grosse Cartons oder Ölbilder vorrücken. An der Westwand, im engern Atelier des Professors Berg, waren sehr geschmackvolle Frescoverzierungen angebracht. Zwischendurch standen Statuen, meist von einem Blumenetablissement umgeben. Die Teppiche und Wandsophas, die ursprünglich in der ganzen Halle anzutreffen waren, hatten sich nur noch in dem engern raum des Lehrers in dem eleganten Zustande erhalten, wie ursprünglich dieser ganze kleine Kunsttempel gedacht war. Hier fanden sich noch Stühle und Polster, die man den Fremden anbieten konnte. An den andern Punkten hatte jugendliche Zwanglosigkeit schon mancherlei Zierrat für seine Bestimmung untauglich gemacht, zum grossen Ärger des mit Überwachung dieser Räume beauftragten Dieners. Auch die grossen mit Steinkohlen nur heizbaren Öfen hatten sich im Winter schon mit manchem anschwärzenden Protest gegen den Traum eines sich hier nach Italien versetztglaubenden Idealisten geltend gemacht. Die parkettirten Fussböden waren selbst beim Professor nicht recht wieder zu erkennen und trugen alle Merkmale, dass der wahre Künstler, wenn er einmal in die freie Ausbildung seiner herrschaft über Kreide und Farbe gerät, an äussere Eleganz und fashionable Bestimmung nicht mehr denkt.
Siegbert arbeitete im Mittelraum.
Nicht weit von ihm Leidenfrost.. Neben diesem ein junger schöner schlanker Mann, Namens Heinrichson, derselbe, dem zu Gefallen Frau von Harder den Ankauf zweier Schwäne aus Island für die königlichen Gärten veranlasst hatte. Neben ihm stand jener Ofenschirm, hinter welchem Frau von Trompetta die Bewegungen jenes Schwanes, der Jupiter vorstellen sollte, und seine Angriffe auf eine hölzerne Figur, die die Leda sein sollte, mit so vieler Angst beobachtet hatte ...
Dann kam ein junger Maler, Namens Reichmeier, ein Verwandter des Bankiers von Reichmeier.
Diese vier Maler arbeiteten in der mittlern Halle.
In der Vorhalle standen drei oder vier Schüler.
Der Raum, den Berg allein einnahm, war noch mit einem kleinern, von Tapeten gebildeten oben offenen Cabinet versehen für die Aufnahme lebender Akte.
Siegbert, Leidenfrost, Heinrichson und Reichmeier waren in einem gespräche begriffen, wie man es mit Unterbrechungen, langen Pausen allenfalls bei mechanischgeistiger Production doch führen kann. Sie hatten vom Morgen an stark an grösseren arbeiten geschafft und nahmen jetzt gegen Mittag leichtere vor, die wohl erlaubten, dass dann und wann ein Scherz die gesammelte Stimmung durchkreuzte, die vielleicht gerade mit etwas vorher schon ernst Bedachtem beschäftigt war.
Siegbert arbeitete an seinem Albumblatt für Frau von Trompetta.
Die drei andern Maler standen eben hinter ihm und wollten wissen, was er in's Getsemane "stiften" würde.
Man sah noch in schwachen Andeutungen eine orientalische Gegend ... Palmen, Felsgestein, Ölbäume. Am Boden ein schlafender Christus ... Vor ihm eine noch nicht fertige undeutliche Figur ... Negerknaben mit fackeln ... In der Ferne ein Kameel mit Dienern.. Andeutungen am Horizont zufolge, die auf Sterne raten liessen, sollte die Beleuchtung Nacht sein.
Ist das unklare Menschenbild da vielleicht, sagte Max Leidenfrost, eine kleine Figur mit zusammengetrockneten, sogenannten Silen- oder Sokrateszügen, ist Das vielleicht einer von den heiligen drei Königen, der nach dreissig Jahren einmal wieder nach Jerusalem