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er dem Consistorium kein klares Bild, keinen Henkel, schrieb ich ihm einmal auf seine ewigen Klagen um Verbesserung, um ihn anzufassen. Auf einer Rundreise durch seine Gegend wollt' es die Amtspflicht, dass ich bei ihm vorsprach. Er wurde heftig. Er sagte mir die bittersten Dinge und nannte seine Ehrlichkeit den Henkel, an welchem ihn freilich die Lügner nicht zu fassen wagten. Auf so wildes Reden hin, tat man besser, ihm die nächste Vacanz zu geben. Er bekam sie nach Angerode als Stadtpfarrer und starb in den kaltgründigen alten Zimmern des Tempelhauses sehr bald nach der Übersiedelung. Von der Universität und aus Schulpforte her, wo ich, Wildungen, Rodewald und ein gewisser Rudhart Contubernalen waren, weiss ich, dass diese Wildungen von dem Johanniter Hugo von Wildungen stammen und oft sagte er mir, wenn sich gewisse Urkunden fänden, könnte er ein überreicher Mann sein. Ich gestehe, dass ich später, da mir die Gegenstände seiner etwaigen Ansprüche selbst so wunderbar zur Bedingung meiner eigenen Existenz wurden, mit einem gewissen sonderbaren Mistrauen ihn nach Angerode ziehen sah. Wie nun, wenn sein Sohn, auf Veranlassung des Prozesses, in dem er arbeitet, in Angerode Nachforschungen gehalten hat, die mit Entdeckung eines eingemauerten Archivs endeten? Ich habe sogleich Auftrag gegeben, dort weitere Untersuchungen anzustellen und bin erstaunt, bei Ihnen schon die Spuren dieses unerwarteten Incidenzfalles anzutreffen.

Schlurck lächelte und sagte:

Bester Freund, Sie nehmen mir eine grosse Last vom Herzen. Dieses alte Ding da ist auf nicht ganz ostensible Art in mein Haus gekommen; aber wenn ich dabei etwas verbrach, so entschuldigt mich der Eifer für unser gemeinschaftliches Interesse. Ich will Ihnen diese Sache erzählen.

Gelbsattel's Neugier wurde durch eine Unterbrechung gestört ....

Bartusch war eingetreten und flüsterte seinem Prinzipal ins Ohr, dass der Amerikaner da wäre ...

Rechnen Sie mit ihm, sagte Schlurck. führen Sie ihn oben in ein anständiges Zimmer! Zählen Sie seine Caution und stellen Sie ihm Scheine dafür aus soviel er will, ich werde sie unterschreiben. Den Knaben kann ja Melanie unterhalten ...

Bartusch nickte und ging, die Hand voller Papiere ....

Es währte einige Sekunden, bis Schlurck den unangenehmen Eindruck dieser Unterbrechung überwunden hatte. Dann erzählte er dem aufhorchenden Freunde:

Ich war vor etwa acht Tagen in Hohenberg. Die Teilhaber der fürstlichen Masse hatten sich dort versammelt und nach den bittern Betrachtungen des Tages folgten Abends gesellige Tröstungen und Erheiterungen, so gut es gehen wollte. Ein kleiner Ball hatte ungewöhnlich spät gedauert. Das schöne Mondenlicht verführte mich, eine Dame, die ich sehr schätze, nach haus zu begleiten, und, wie gesagt

Schlurck fuhr sich mit der Hand an den Hinterkopf, wie er pflegte, wenn er eine künstliche Verlegenheit schildern wollte, strich das wenige dort sauber gelegte Haar glatt und warf die Brille wieder auf seine frivol die Öffnungen aufblasende kleine Stumpfnase ...

Nunnununterbrach Gelbsattel schelmisch diese sonderbare Gebehrdensprache. Sie verweilen ja sehr lange bei der Dame im Mondenschein ....

Nicht im Mondenschein, fuhr Schlurck fort, dafür sind wir nicht mehr romantisch genug; genug, es war über zwei Uhr, als ich wieder aus dem dorf Plessen zum Schloss zurück will. Komm' ich da an eine Schmiede, die am fuss des berges liegt, und sehe, dass einem Güterwagen eben die Achse gebrochen ist. Der Fuhrmann hatte ohne Zweifel der Hitze wegen in der Nacht fahren wollen und war etwas im Schlaf gewesen. Genug, der arme lag halbtodt unter dem Rade, dessen gebrochene Felgen glücklicherweise nicht mehr von der ganzen Kraft des nicht übermässig bepackten Wagens gedrückt wurden. Das laute Winseln eines gleichfalls verletzten Hundes, mein eigenes Rufen weckte die Leute in der Schmiede. Man trug den Fuhrmann hinein und entleerte etwas den Wagen, um ihn leichter zur Verbesserung des Rades in die Höhe schrauben zu können. Bei dieser gelegenheit entdeckt' ich, als ich eben übermüdet zum schloss hinaufsteigen will, einen Gegenstand unter den ausgepackten Sachen, der mich wahrhaft überraschte.. diesen alten Schrein! Es war das Kreuz mit den vier Kleeblättern in seinen Enden! Unser Prozess im neuen ernsten Beginnen, die Wichtigkeit der daran sich knüpfenden Verhältnisse, Befremden über diese seltsame Erscheinung des protestantischen Johanniterkreuzes von Angerode, eine Art von Aberglauben über die Weisheit des Zufalls, alles Das bestimmte mich, die Bewohner der Schmiede zu veranlassen, den Schrein bei Seite zu stellen, wieder aufzupacken und dem Fuhrmann, wenn er sich erholt hätte, das Geschehene à tout prix zu verschweigen. Nachdem ich mich über den Fund orientirt hatte, konnte man ihn ja unter irgend einem Vorwande dem Besitzer wieder zustellen.

Gingen die Bewohner der Schmiede auf dies riskante Ansinnen ein? fragte der Propst erstaunt, und waren Sie ihrer so gewiss ...

Ich hatte mit einem alten mann zu tun, der blind ist, sagte Schlurck, und seinem Sohne, der an Taubheit leidet. Meine Amtswürde nahm ich zu hülfe und wusste ihnen begreiflich zu machen, dass es sich hier um eine wichtige Entdeckung im Interesse des Staates handelte. Sie trugen mir den Schrein an einen verborgenen Ort. Kaum hatte' ich einige Stunden geschlafen, als der alte Schmied sich von dem jungen zu mir hinaufführen liess und um Gotteswillen bat, ihnen zu erlauben, den Schrein herauszugeben, der Fuhrmann gebehrde sich wie rasend, an dem Schrein läge mehr, als ein Mensch ahnen könne ... denken