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bittersten Unmut wühlte Schlurck unter den Papieren und zerrte fast an den Siegeln.

Er überlegte, ob es besser wäre, dem Besitzer, dessen Anmeldung er jede Secunde erwartete, einfach zu gestehen, er hätte, um den Eigentümer zu entdecken, die Kiste öffnen lassen, oder ob er siedas Schloss war durch ihn verdorbenmit einem neuen versehen sollte.

Das Letztere war verdächtiger, als für ihn, einen Notar, einen Mann der öffentlichen Treue, das erste.

Auch auf den Gedanken verfiel er: Wie? Wenn der Eigentümer durch dich erst belehrt würde, welchen Gebrauch man von diesen Papieren machen könnte? Wenn du dich anheischig machtest, ihm zu einem grossen Reichtum zu verhelfen und er den Gewinn mit dir teilte?

Indessen erschrak Schlurck vor dem gefährlichen Scheitern eines solchen Planes und vor der notwendigkeit, sich dadurch für immer das Patronat der Stadt zu verscherzen, für deren Interessen er nicht nur die alten Häuser und Grundstücke verwaltete, sondern auch in vielerlei anderer Hinsicht fruchtbringend beschäftigt war.

In diese quälenden Betrachtungen vertieft, zog er diejenigen Urkunden hervor, welche unstreitig die wichtigsten der ganzen Sammlung waren.

Es war zuerst diejenige, in welcher der päpstliche Stuhl den Ritter Hugo von Wildungen von seinem Ordensgelübde, kein Eigentum zu haben, freispricht und ihm gestattet, wie es darin hiess: quasi ex pallio sancto ab haereticis et latronibus dilacerato lumbum suum szippliciter adimere et togae suae equestri juxta crucem immaculatam bona fide affigere, d.h. von dem durch Ketzer-und Räuberhand gleichsam zerrissenen heiligen Mantel auch seinen Fetzen demutsvoll anzunehmen und auf dem Ritterkleide neben dem unbefleckten Kreuze in gutem Glauben zu befestigen.

Diese Urkunde war nötig um zu beweisen, dass Hugo von Wildungen das ihm zuerkannte teil der grossen Verlassenschaft des Ordens wirklich antreten durfte und sein früherer Protest auf dieselben Gründe, die er für ihn angeführt hatte, auch aufgehoben werden konnte.

Seine Bereitwilligkeit, die ihm zuerkannten Häuser und Güter von den protestantisch gewordenen und sich auflösenden Brüdern anzunehmen, lag hier in dem Fascikel, das auf jene päpstliche Urkunde folgte. Früher kannte man nur seinen Protest. Er war im Ratsarchive der Stadt niedergelegt und war die Hauptkraft des Beweises, dass der nächste Herr an diesen streitigen Gütern die alte Commune war; hier in dem Schrein lag nun des Ritters Zurücknahme jenes Protestes, unstreitig mit dem päpstlichen Dispens das wichtigste Document!

Beide alte Blätter hatte der Justizrat in der Hand, als es klopfte.

Rasch stiess er den Deckel des Schreins und diesen selbst zurück und warf die Urkunden in ein Fach seines Schreibtisches.

Der Eintretende war Propst Gelbsattel ...

Schlurck und Gelbsattel verstanden sich sehr gut ...

Es waren Menschen, die eine ziemlich gleiche Lebensphilosophie hatten, nur dass sie sie anders aussprachen.

Die gesellschaftliche Stellung und die äussere Etikette seines Berufes bestimmte den Einen, vorsichtiger und behutsamer zu sein als der Andere, aber im grund kamen sie fast auf die gleichen Prinzipien zurück und hatten sich gern.

Die kleine pietistische Färbung, die sich Gelbsattel gab, störte Schlurck nicht; denn er war gar nicht in dem Grade Neolog, wie man seiner frivolen Äusserungen wegen schliessen mochte. Er hatte sogar Anfälle von Aberglauben, ja von Mystik. Nur die kleinen hierarchischen Mucken, die Gelbsatteln zuweilen anflogen, seine jeweilige sogar katolische Stimmung mochte Schlurck nicht leiden und zuweilen in der Vertraulichkeit der Loge, deren Brüder sie waren, hatte er ihm oft ganz scherzhaft gesagt: Gelbsattel! Sie sind ein heimlicher Jesuit! Davon abgesehen, vertrugen sie sich sehr gut, billigten fast Alles, was sie wechselseitig mehr durch Andre, als unmittelbar von sich selbst erfuhren und hatten jetzt auch durch den Prozess über die alte Johannitererbschaft Berührungspunkte des gemeinschaftlichen Interesses genug.

In dieser Angelegenheit war es auch, dass Gelbsattel seinen Freund zu sprechen wünschte.

Doch schickte er die zeitgemässe Frage voraus:

Nun Freund, wie ist es? Haben Sie Aussicht in Schönau gewählt zu werden?

Weder Aussicht, sagte Schlurck etwas erheitert durch diesen immer anregenden Besuch, weder Aussicht noch Absicht.

Sie ergriffen die gelegenheit doch mit so grosser Lebhaftigkeit.

Beim Dessert, als wir Rosinen kauten und Mandeln knackten und einige Reubündler mir zu viel Champagner eingeschenkt hatten. Die ruhigere Erwägung hat mir gesagt: Schlurck, bleib' vom Feuer! Verbrenn' dich nicht! Es ruinirt deine Praxis und zwingt dich, mehr Charakter zu haben, als für deine Zufriedenheit brauchbar ist!

Aber Sie haben sich doch beworben und einen einflussreichen Mann wie den Heidekrüger für sich in Schönau werben lassen!

Hab' ich, sagte Schlurck; aber der gerechte Verwalter meiner Angelegenheiten, dieser treue negotiorum gestor, hat sehr ungerecht an mir gehandelt. Er lobte mich und zeigte sich im fremden Lobe so edel, so uneigennützig, dass man seinen Edelmut und seine Entsagung bewunderte und ihn, den edlen und Entsagenden, nun selber wählen wird. Seine Rede soll ein Meisterstück bäurischer Verschlagenheit gewesen sein, ein Seitenstück zu des Antonius berühmter Rede gegen den Brutus am Leichnam des Julius Cäsar.

Wenn Sie denn durchaus keine Neigung mehr haben, als Bewerber aufzutreten, sagte Gelbsattel lächelnd, so ist wenigstens so viel erfreulich, dass in Justus ein liberal-conservativer Mann gewonnen wird ...

Richtig, sagte Schlurck, das ist so eine Art hölzernen Eisens, wie es unsre Zeit braucht. Liberal-conservativ! Es ist mir immer so, wenn ich Das höre, als wenn mir Einer künstliche Artischocken aus Schweinsohren geformt vorsetzt. Man bewundert den Koch, nicht die natur,