Was ist Euch, Peters? Seid Ihr krank? Erholt Euch!
Ich überleb's nicht, stöhnte der von innerer Qual gefolterte Mann, ich überleb's nicht.
Aber Peters, suchte ihn sein Weib zu beruhigen, erkennst du nicht die jungen Herren? Was hast du? Ist's dein Bein, was dich schmerzt? Der Wagen ist auf dich gefallen, als das Rad brach? Sollen wir Leinen in wasser tauchen? Willst du nasse Leinen auflegen? Sprich nur was, um Gotteswillen!
Statt aller Antwort schüttelte Peters heftig mit dem Kopf und lehnte mit der Hand jede Hülfleistung ab.
Ich erkenne die Herren wohl, begann er endlich, als Alles gespannt lauschte, aber vergeben Sie's mir, Herr Dankmar, ... Gott ist mein Zeuge ...
Peters! rief Dankmar von einer Ahnung ergriffen; der Schrein –
Ist fort! sagte Peters dumpf und seine Gesichtszüge verzogen sich wie das Lächeln eines Wahnsinnigen.
Grimmiger Zorn packte Dankmarn.
Mensch! schrie er und rannte an den Wagen, um das Leintuch abzureissen. Er sah Kisten, Fässer, Ballen genug. Der Schrein ist da! Verpackt unter den andern! Du irrst, Peters!
Fort! stöhnte Peters dumpf.
Katrine brach in ein lautes Schluchzen aus. Die Hunde bellten nicht mehr. Der Pelikanwirt musste sich erschöpft und ermüdet auf einen Futterkasten an dem Stalle setzen. Der Hausknecht löste still die Pferde von der Deichsel und nahm ihnen die Schellenhalfter ab. Müd und wie traurig und mit bösem Gewissen schlichen die armen Gäule in den Stall. Alles stumm im hof und fast gespenstisch ...
Siegbert, der seinen Bruder fürchterlich leiden sah, nicht minder wie den unglücklichen Fuhrmann, ergriff endlich das Wort und sagte:
Erinnert Ihr Euch auch, den Schrein wirklich aufgeladen zu haben?
Ha! ha! war die ganze Antwort.
Wo entsinnt Ihr Euch, dass Ihr ihn zuerst vermisstet, fuhr Siegbert fort.
Hinter Hohenberg und Plessen! antwortete der Fuhrmann.
Auf freiem Feld?
Im dorf Plessen, an der Schmiede.
Wo Ihr das Rad herstellen liesset, das gebrochen war?
Dort.
Der Wagen musste abgeladen werden?
Das musst' er.
Ihr waret indess in der Schmiede, wo das Rad hergerichtet wurde?
Ich lag halbtodt.
Armer Mann! Man muss Mitleid mit Euch haben. Aber der Schrein war meinem Bruder von Wert. Er entielt Documente von seltener Wichtigkeit. Er würde ihn selbst mit sich geführt haben, wenn er nicht noch im Harz Geschäfte gehabt hätte. Er glaubte den Schrein Euch auf die Seele gebunden zu haben.
Er war's auch.
Aber Ihr wurdet von dem Sturz des Wagens ohnmächtig. Ihr wusstet vielleicht nicht, dass man, um das Rad herstellen zu können, die Last des Wagens erleichtern musste. Man packte ihn ab, und als Ihr Euch erholt hattet, als das Rad fertig war und Ihr, unterstützt von den Leuten in Plessen, weiterfahren konntet, vermisstet Ihr erst das anvertraute Gut?
O nein, sagte Peters und richtete sich mühsam auf. Als ich mich erholte, schalt ich, dass man in der Schmiede so schlechte Hebebäume hatte, um nicht einmal einen so leichten Wagen unabgepackt zu lassen. Ich fluchte, wie man mir meine Fracht abladen konnte. Ich raffte, es war in der Dämmerung des Morgens – denn ich fuhr der Hitze wegen in der Nacht – ich raffte gleich Alles zusammen, was um die Achse zerstreut herumlag. Ich wusste, wo der Schrein stand, ich hatte ihn immer im Auge, ihn, der mir so heilig anvertraut war. Ich fasste wohl alle Stunden an die Leinwand, ob ich auch noch das Kreuz auf dem Dekkel fühlte. Nach dem fasst' ich zuerst. Ich find' es nicht, das Kreuz auf dem Holze ist nicht da. In meiner Ohnmacht hatte man abgeladen, Alles auf dem Wege liegen lassen und war mit dem Rad an die Schmiede gegangen, von der mir funfzig Schritte weit das Unglück passirte. O Gott! Wie war mir, als ich den Schrein nicht fand! Noch vor einer halben Stunde hatte ich das Kreuz gefühlt .... Um zwei Uhr Nachts fuhr ich aus. Um halb drei brach das Rad; der Wagen stürzte so, dass mein Bein gequetscht wurde. Ich schrie auf und rief und jammerte. Man kam zur hülfe. Eine halbe Stunde mocht' ich betäubt gelegen haben. Nachdem hink' ich und sehe mich allein unter meinen abgeladenen Gütern. Der Mond stand noch am Himmel. Alles still. Kein Mensch um mich. Nur im schloss Hohenberg oben entdeckt' ich helle Fenster .... Musik, wie von einem Tanz her, den sie dort bis an den Morgen hielten, und von der Schmiede hört' ich die Hammerschläge. Der Morgen graute. Ich übersehe meine Güter. Die kalten Umschläge, die man dem Bein gegeben, hatten ihm gut getan. Ich konnte leidlich gehen. Da! Mein erster blick sucht den Schrein, ich find' ihn nicht. Jesus! Es war mir in meiner Betäubung, als hätt' ich einen Mann gesehen, der ihn forttrug; einen Mann in einem Mantel .... Ich hörte den Schrein an einem Steine poltern; denn er war schwer zu tragen, genau gewogen, sechsundvierzig Pfund und ein halbes. Ich sag' es noch – es war kein Traum – geraubt ist der Schrein. Gestohlen ist er