noch soviel lockten! Darüber gab es denn viel Gelächter von den Mädchen und soviel Zorn von Seiten des Propstes, dass wir hart aneinander gerieten und ich meinen Shawl und Hut nahm und davon lief. Hackert, der mich abholen sollte, wartete schon und wie ich vor Ärger weinte, meinte der in seiner trockenen Art: Es wäre für junge Mädchen doch der beste Spruch in der ganzen Bibel, nur müssten die pfaffen gleich aufrichtig erklären, dass unter den bösen Buben Leutnants und Referendare zu verstehen wären! Ich bin damals mit Hackert, der mich in die Stunden bringen sollte, zweimal lieber in's Feld hinausgegangen, nur um nicht wieder in die Lage zu kommen, den garstigen Spruch herzusagen.
Die Mutter gedachte gerührt, aber auch erschreckt der alten zeiten! ... Melanie aber hörte mit Verzweiflung, dass es nun voll ein Uhr schlug!
Neuntes Capitel
Ein luterischer Papst
Ehe Propst Gelbsattel mit dem Justizrate zusammentraf, war dieser schon seit einer halben Stunde sehr mismutig nach haus gekommen.
Unterwegs hatte mancher den sonst immer freundlichen Justizrat Franz Schlurck gegrüsst, er hatte heute nur kurz und flüchtig erwidert. Die Art, wie ihm ein wildfremder Mann, der sogar von ihm etwas zu wünschen und zu ersuchen hatte, im Hohenberg'schen Palais begegnet war, lag ganz ausserhalb des Kreises der Erfahrungen, die er täglich machte. Er hatte durch die glatte Art, wie sich Menschen, die etwas begehren, gefügig zeigen und von selbst Das aufdrängen, was eine Bestechung sein soll und nur als ein Geschenk geboten und genommen wird, sich eine so heitere, sorglose Auffassung seiner Praxis angewöhnt, dass ihm heute zum ersten male, als ihm das fürchterliche Wort: Schurke! zugedonnert wurde, das schöne Rosenlicht, das ihn immer umfloss, in Nacht verwandelt erschien. Er tappte auf der Strasse hin wie im Finstern. Zwar hatte er noch Geistesgegenwart genug, dem berühmten arzt, Sanitätsrat Drommeldei, der ihm begegnete und ihm zurief: Ei, ei, Justizrat, was machen Sie, Sie werden alt! zu antworten: Alt? Nimmermehr! Das Altwerden ist eine dumme Angewöhnung! Und der Arzt, der wie alle Söhne Äskulap's mehr das Geistreiche, Witzige, Abgerissene, als das Systematische, Schulgerechte liebte, hatte ihn veranlasst, diese paradoxe Äusserung rasch, da er zu Egon musste, den er für sehr bedenklich erklärte, zu beweisen, aber an Das, was er sagte, glaubte er heute selbst nicht. Er hatte gesagt:
Nie werde' ich alt, Drommeldei! Das Altwerden ist eine dumme Angewöhnung! Nichts Anderes! Wir kommen der lahmen und hinfälligwerdenden natur ja immer auf halbem Wege entgegen! Nehmen Sie schon in der Jugend! Der Knabe quält sich förmlich ab, ein Jüngling zu werden! Er raucht Cigarren, dass ihm grün und gelb vor den Augen wird! Er bindet sich Cravatten um den Hals und kräht Alt wie ein Hahn, während er noch den reinsten Kanarienvogelsopran in der Kehle hat! Ist er dann mit Ach und Krach ein Jüngling geworden, so quält er sich schon wieder ein Mann zu sein! Er will heiraten, solid werden, spricht vom Glück der Ehe und sieht Kinder an der Mutterbrust neben sich und schaukelt schon welche auf den Knieen. Gut! Dann wird er ein Mann! Nun will er gravitätisch erscheinen und spricht von seiner Würde. Bequemlichkeit wird die Belohnung seiner Anstrengungen, Brot zu verdienen. Auf den Bällen tanzt er nicht mehr. Mit den gesundesten Schenkeln gebehrdet er sich wie ein Casinogast und spielt Whist. Setzt er sich ans Klavier, so konnte' er sonst ganz leidlich singen. Er kann es auch noch; aber aus Bequemlichkeit hebt er nicht mehr die volle Brust, sondern stöhnt und ächzt und lässt die Flügel hängen. So geht Das fort, bis dann natürlich das Alter wirklich da ist und die natur frohlockt, ihren Sieg über den Geist davongetragen zu haben. Nein, nein, Doktor, sagen Sie's allen Ihren Patienten! Das Alter ist nichts als eine dumme Angewöhnung.
Das war so flüchtig und schalkhaft von ihm hingesprochen worden und der Arzt hatte darüber gelacht und sich's als Anekdote gemerkt – er heilte viele seiner Patienten mit Anekdoten – aber Schlurck hielt heute seiner eigenen Laune nicht Stand. Er knickte und sank recht erschöpft in seinem kleinen dunklen Arbeitszimmer in einem grünsaffianen Lehnsessel zusammen. Das empörende Wort des Fremden hatte ihn zusammengerüttelt, wie er sich selbst sagte, gleich einem alten Sack Nüsse. Das rasselte ohne Halt hin und her. Das lärmte wohl und war eine Art Widerstand, aber schlaff! schlaff! sagte er sich. Ich konnte ihm nicht an die Kehle fahren, denn ich war ein Esel gewesen mit meinem: Jährlich? Warum liess ich nicht Bartusch etwas abmachen, wozu mir im grund das Geschick fehlt! Und wenn ich auch nicht das wahnsinnige: Jährlich? geflüstert hätte, besäss' ich denn die Kraft, ihm den Schurken zurückzuschleudern? Nein! Der Witz macht schwach, nur Pedanten haben Kraft.
Bartusch hatte seinem Principal eine Menge von Papieren vorzulegen, die er ohne langes Besinnen und Prüfen unterschrieb. Er bereitete jenen dann auf den Empfang Ackermann's vor und erzählte zu Bartusch's grossem Erstaunen in der Hauptsache Das, was er im Palais erlebt hatte. Bartusch sollte ihm alle nur irgend geprüften und sichern Papiere vorlegen und die Beratung mit ihm allein pflegen. Er wünschte des Handels überhoben zu sein.
Bartusch,