die gewaltige Rührsamkeit und praktische Umsicht dieses stolzen Kirchenlichtes irgend verkennen. Um Gelbsattel recht schlagend zu bezeichnen, könnte man sagen, der Propst war auf dem Gebiete der Kirche, was der Heidekrüger Justus auf dem der Politik war.. Der grosse Mann!
Als Gelbsattel sein wildes Beichtkind, Melanie, begrüsst hatte, war er ausserordentlich freundlich und drohte ihr recht schelmisch mit dem Zeigefinger, dass sie so selten die Johanniskirche besuchte ... Und noch am letzten Sonntage, sagte er, hab' ich über die Vergänglichkeit alles Eiteln gesprochen, mein schönes Kind!
Ich war leider, sagte Melanie, an diesem Tage von der Vergänglichkeit meiner Schönheit in einem Orte tief überzeugt, den ich Sie eben habe nennen hören, Herr Propst, in Hohenberg. kennen Sie Hohenberg?
Denke dir, sagte die Mutter, die Frage unterbrechend.. Guido Stromer! Er macht wirklich wahr, was er beim Abschied äusserte ...
Was ist mit ihm?
Er will in die Stadt versetzt sein.
Und fräulein Melanie, sagte der Propst, ist gewiss das hüpfende Irrlicht, das ihn hierher verlockte. Kann ich zugeben, dass er mir eine so brave Beichtbefohlne raubt und mir wie ein Wolf in meinen Schafstall bricht?
Ein so reicher Hirt! sagte Melanie. geben Sie ihm getrost ein Paar von Ihren doch verlorenen Seelen ab! Ich versichre Ihnen: Er predigt nicht so gut, als er spricht! Wirklich, gibt es nicht irgendwo eine offne Nachmittagspredigerstelle? Ich will mich, weil ich Guido Stromer lieb habe, mitten unter die alten Spittelfrauen setzen, die wahrscheinlich doch allein seine Gemeinde bilden werden?
Weil Sie ihn lieb haben? rief der Propst mit seiner sonoren stimme. Da werde' ich eifersüchtig! Wie? Meine vernunftklare, durchsichtige, krystallne Melanie will zu einem Pietisten der alten Schule? Nein, meine kleine Sünderin! Diese Metode, Sie zu bessern, hat sich überlebt.
Pietist? erwiderte Melanie. Guido Stromer Pietist?
Herr Propst, ich glaube, Sie irren sich! Der Plessner Pfarrer ist nichts weniger als Pietist.
Aha! antwortete schmunzelnd der freundliche Herr, dessen Falten immer glätter wurden; vor Ihnen schwankte der starre Dogmatiker! Haben Sie dochwol nicht unter vier Augen einen Tartüffe, einen "inneren Missionär", in ihm erkannt?
Ich berufe mich auf das zeugnis meiner Mutter, sagte Melanie. Stromer hatte vor uns Allen kein Hehl, dass über ihn eine ebensolche Revolution gekommen wäre wie über die Staaten. Er hat jetzt entdeckt, dass im Regenbogen wirklich sieben Farben blinken! Ja sogar die Kunst liess er gelten und meinte, die griechischen Götter wären zu früh von der Erde verschwunden. Wenigstens vermut' ich, dass Das seine Gedanken waren, als er von der Leda hörte oder, wie Se. Excellenz, Herr von Harder, die Dame nannte, von der Lady, und so lange schwieg und grübelte ...
Gelbsattel lachte über die Kunstkenntniss des genannten Hofmanns und äusserte dann:
Haben Sie Kunstgeschichte mit dem Stromer getrieben? Machen Sie denn Alles verwirrt? Die Maler und die Seelenhirten? Nein, nein, diesen vertrockneten alten Pietisten, der mit der Fürstin Amanda von Morgens bis Abends gebetet hat und sich recht in dem Extreme der Momiers oder wie wir diese Form der Gläubigkeit unter dem Namen der Mucker erlebten, gefiel, diesen sollen Sie mir nicht auf Bilder bringen, die man vom Kunstverein aus Rücksichten ankaufen oder empfehlen muss, schon um die neue, vielgestaltige Melusine in jeder Form ihrer Zaubereien zu haben. Nein, nein, der bleibt in Hohenberg und sorgt dort ein wenig besser für die schulen, als er bisher getan hat. Er schreibt von Zerstreuung, unglücklicher Zerrissenheit und Zweifelsucht. Er soll Seidenzüchter werden, wie andre Pfarrer tun! Brav Maulbeerbäume anpflanzen, Seidenwürmer hegen und Cokons gewinnen! Die Regierung zahlt ja dafür nicht nur die höchsten Preise, sondern teilt auch Denen, die sich in der Seidenzucht auszeichnen, Medaillen aus! Ich kann ihm nicht anders schreiben, als: Guido Stromer! Hübsch Seidenwürmer ziehen! Doch ich eile zum Justizrat, mit dem ich dringende Geschäfte habe. Und wenn ich nächstens von der Kanzel spreche, hoffe ich fräulein Melanie mir vis à vis zu sehen. Ich werde über jenen Spruch reden, über den wir uns einmal erzürnt haben, wissen Sie wohl noch, fräulein? Vor wieviel Jahren war Das?
Erzürnt? fiel die Mutter ein, die aufgestanden war, um dem Propste das Geleite zu geben ...
Lassen Sie sich's nur von ihr erzählen! Dem holden Mädchen! Sie weiss es schon! Sie wird ganz rot! Ganz rot! Adieu meine Damen! Ha, ha! Auf Wiedersehen!
Damit küsste der Propst der Mutter die Hand. Die Tochter litt diese Huldigung nicht, sondern kehrte ihm schmollend den rücken.
Als Gelbsattel hinunter stieg zum Vater, fragte die Mutter, was Das für ein Streit gewesen wäre?
Ach! sagte sie, ich bin wenig in der Laune, an diese alten Torheiten zu denken. Ich sollte im Confirmationsunterrichte einmal den Spruch hersagen: Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht! Alle schnatterten, obgleich sie im Geheimen kicherten, den Spruch nach, nur ich weigerte mich und war durch nichts dahin zu bringen, ihn zu wiederholen. Ich glaube gar, ich ging soweit, ihn für einen dummen Spruch zu erklären, da anständigen Mädchen niemals einfallen würde, bösen Buben nachzugehen, wenn diese auch