zu werden, und darin wären sie Alle gleich, die Vornehmen und Geringen, die Reichen wie die Armen.
Melanie blickte gerührt und sich getroffen fühlend nieder, während sich Jeannette, um ihren Drang, über diese verliebte Salbung laut zu kichern, zu unterdrükken, auf die Lippen biss und immer so tat, als wollte sie sagen:
Das dumme Ding ist verrückt!
Franchette, sagte er, fuhr Fränzchen fort, du musst die Welt nehmen wie einen Spiegel, in dem du dich selber betrachtest. Meine Spiegelrahmen machen mich nicht eitel, sondern sagen mir täglich: Sei aufmerksam auf dich selbst! Wo du irgend etwas erfährst und erlebst, was nicht so beschaffen ist, dir sogleich dein Bild und nur dich, nur dich in voller Reinheit wiederzugeben, da zieh dich zurück, denn es ist Gefahr da. Und wo du etwas erlebst und erfährst und du siehst dich zwar im geist leidlich dabei, bist aber nicht so gestaltet, wie du dich sonst lieb hast, gewohnt bist, so fliehe wiederum, denn dann hast du dich zwar nicht schon ganz verloren, aber du bist in Gefahr, es doch für immer zu tun oder eine Gestalt anzunehmen, die nicht mehr deine eigne ist.
Himmel! rief Melanie. Das ist ja ein Pfaff, ein förmlicher Jesuit, der dich katolisch machen will und statt in die Ehe, in ein Kloster praktizirt!
Mir recht! sagte Fränzchen träumerisch. Aber ich denke Nein! Er sprach wenig Gutes von Denen, die Alles von der Demut verlangen! Er will den Menschen doch recht stolz. Man soll sich nur vor Denen beugen, sagte er noch an dem Abend, die man nachzuahmen wünscht. Wir könnten uns Gott nicht anders vorstellen, als wie einen hochvollendeten, nachahmungswerten Menschen und deshalb wäre die christliche Religion die beste, weil sie gelehrt hätte, der vollkommenste Mensch wäre Gott.
Fränzchen! Fränzchen! sagte Melanie. Das klingt nun wieder gar wie Ketzerei. Nimm dich doch ja in Acht! Der Teufel nimmt allerlei Gestalten an und in diese französische Maske bist du schon so verliebt, dass ich für meine Falbalas fürchte. Mit der Putzmacherei wird es wohl aus sein, Fränzchen! Er wird sich etabliren, dich heiraten und deine Freundin Melanie, die keinen so schönen Franzosen findet, wird nichts zu tun haben, als sich auf ein hübsches Hochzeitgeschenk zu besinnen.
Behüte! antwortete Fränzchen, erglühend und schamgefärbt. Wie könnt' ich daran denken?
Er hat sie ja noch nicht ein einz'ges mal geküsst! fiel Jeannette ein.
Das wird schon noch kommen, meinte Melanie. Wenn die Welt dir jetzt ein Spiegel sein soll, der dir immer sagt, wie weit du bei gewissen Veranlassungen gehen kannst, so erleb' ich, dass du in seinen Augen dich ganz rein und unschuldig erblickst, je näher er dir gekommen ist und jemehr er dich geküsst hat. Er hat gewiss schwarze Augen?
Wie Kirschen! sagte Fränzchen verschämt niederblickend.
Da sieh Einer! rief Melanie, während Jeannette übermässig lachte und doch eigentlich von einem gewissen Neide berührt wurde; wie Kirschen! Man sieht, dass Ihr schon im Obstgarten bei den Früchten seid! Da werdet Ihr bald an dem Beete stehen, wo die verbotenen wachsen! Fränzchen! Fränzchen! Dein moralischer Franzos gefällt mir. Kann man ihn nicht einmal hierher bestellen, um uns einen Spiegelrahmen zu machen? Versteht sich, nicht von der Sorte, wie deine Augenspiegel sein sollen! Wir haschen ihn dir nicht weg! Einen ordentlichen Rahmen? Was?
Fränzchen schien über die Gefahr, ihren neuen Freund zu verlieren, ganz beruhigt und hielt sich bei den Worten des Fräuleins nur an die Möglichkeit, ihm einen Verdienst zuzuweisen.
Ich will es ihm sagen, antwortete sie, wenn ich ihn wiedersehe.
Siehst du ihn denn nicht täglich? fragte Melanie.
Sie hat ihn seit vorgestern nicht gesehen, die Ärmste! berichtete Jeannette.
O Das ist garstig, sagte Melanie, er vernachlässigt dich schon, nachdem er mit dir eben erst philosophirt hat? Das darf man nicht, oder man ist kalt oder kokett. Auch die Männer sind kokett, Fränzchen ...
Fränzchen schüttelte den Kopf und sagte:
Hab' ich denn Ansprüche auf diesen? Jeannette malt Alles anders aus, als es ist. Er wohnt im haus, kommt oft zu Märtens und ist freundlich gegen mich. Das ist Alles ...
Wenn ein Mann mit einem Mädchen so philosophisch gesprochen hat, wie dieser Franzos mit dir vorgestern, sagte Melanie, so ist man ein ganz abscheulicher Mensch, wenn man am folgenden Tag sich nicht wieder sehen lässt. Philosophiren, meine liebe Franziska, ist bei allen Männern das erste Capitel der Liebe..
Er konnte nicht kommen, entschuldigte ihn Fränzchen, die in den Verhältnissen ihres Freundes doch schon bewanderter war, als sie sich den Schein zu geben wagte; ein vornehmer Herr, den er sehr verehrt, war gestern Abend angekommen. Er kennt ihn von Paris und ist die Nacht wohl bei ihm geblieben, da er viel mit ihm zu sprechen hätte.
Ein vornehmer Herr?
Ein vornehmer Herr! bestätigte Franziska mit der grössten Zuversichtlichkeit.
Melanie lachte laut auf.
Fränzchen! rief sie, was bist du für ein armer Tropf! Gesteh' es nur, du bist mit dem philosophischen Spiegelrahmenmacher viel weiter, als du sagen willst und der Bösewicht, der des Nachts nicht nach haus kommt, macht dir Windbeuteleien vor. Sag