Bette.. Am Morgen gab es dann Vieles zu ordnen, nachzusehen, zu tadeln. Der Tag sollte wichtig werden. Man nahm die Vorbereitungen auf ihn nicht leicht. Da waren Kleider zerdrückt, andre nicht mehr gefällig. Es gab ein Wählen, Lärmen, Laufen hin und her. Des auch schon in der Frühe vielbeschäftigten Vaters wurde sie kaum ansichtig. Gegen zehn Uhr bekam sie endlich eine ruhigere Stimmung. Am liebsten hätte sie gewünscht, es hätte schon jetzt am haus recht wild und stark geklingelt. Jeannette erzählte ihr, sie hätte einen Bedienten des Geheimrates von Harder schon auf der Strasse gesehen, die Excellenz wäre also angekommen ... Ernst hatte Jeannetten Alles erzählt, was er so offen nicht einmal der Geheimrätin beichten wollte ... Melanie lachte über diese uns noch rätselhaften Vorfälle und überliess ihrem Mädchen, den Anteil, den sie daran hatte, nach Belieben zu erraten. Den wahren Schlüssel dieses Geheimnisses behielt sie noch selbst.
Um elf Uhr war sie in einfacher aber geschmackvoller Kleidung bereit, Jeden zu empfangen, und käme Kaiser und Fürst! Den Gedanken an eine Selbsttäuschung über Egon mochte sie durchaus nicht fassen ... Bekümmerter war sie um das Bild. Sie schien mit der Art, wie es Dankmar empfangen haben musste, nicht zufrieden. Oft wenigstens fragte sie Jeannetten, ob man sich wohl auf Menschen verlassen könnte, die von einem mann, wie dem Prinzen, so freundlich gegrüsst wurden.. Sie meinte den Amerikaner und seinen Knaben ... Dann kam sie auf diesen Knaben, den sie anfangs und um Dankmarn zu nekken, ein Mädchen genannt hatte und ein Sinnen überfiel sie wirklich, ob nicht jener Knabe ein solches wäre und in Beziehungen zu ihrer neuen Eroberung stünde, die sie fürchten müsse! Etwas, was sie mit dem Vater des Knaben im Heidekrug und mit dem Bilde der Fürstin Amanda erfahren hatte, schien sie darauf zu führen, sich solche Vermutungen lebhafter auszumalen.
Es schlug halb zwölf. Noch immer nichts, was sich zur Aufklärung der letzten Tage anmelden wollte ...
In ihrer Ungeduld rannte sie da und dortin, endlich zu den Mädchen, die für das Haus zu arbeiten pflegten. Es war heute grade nur eine da, ein heiteres junges Mädchen von gefälligem Äussern. Sie arbeitete gerade an einem Besatz für Melanie. Jeannette stand neben ihr und Beide lachten eben, als Melanie eintrat.
Ihr seid sehr lustig! Worüber lacht Ihr? fragte Melanie.
Das Mädchen stand ehrerbietig auf und wurde blutrot.
Jeannette, eine Zofe, die sich gegen Melanie oft einen sehr vertrauten Ton gestattete, woran aber diese wohl selbst Schuld war, Jeannette antwortete für die Näterin:
Fränzchen ist verliebt, fräulein, und wie Sie sehen, bis über die Ohren!
Fränzchen, in wen bist du verliebt? sagte Melanie und setzte sich zu ihnen. Erzähle mir wie verliebt du bist!
Jeannette ist eine Spötterin, sagte das Mädchen, das man Fränzchen nannte. Ein armes Mädchen fühlt leicht etwas, so gut wie Andre, aber sie nimmt sich wohl in Acht, es so rasch Liebe zu nennen, wie Die!
Der Tausend! sagte Melanie. Das klingt ja wie aus einem Buch.
O, sagte Jeannette, es muss auch etwas ganz Absonderliches sein, was ihr in's Herz gefahren ist! Seit wir fort sind, ist Franziska Heunisch fast eine Gelehrte geworden.
Also ein Student? fragte Melanie die Nichte unseres guten Heunisch aus dem wald. Blond? Schwarz? Jura? Medicin? Fränzchen! Fränzchen! Lass dich mit Studenten nicht ein! Ihre frischen Wangen müssen erst recht welk werden, bis sie heiraten können und dann heiraten sie immer erst noch die Töchter ihrer Vorgesetzten.
Es ist kein Student, sagte Fränzchen Heunisch verschämt.
Sie sagt's nicht, wer's ist! meinte Jeannette. Und doch ist er gewiss viel hübscher als der alte Fürst von Hohenberg, den sie noch ein Jahr vor seinem tod lieben sollte.
Jeannette lachte zu dieser Äusserung laut auf.
Fränzchen aber warf ihr einen ernsten blick zu und wurde noch röter, diesmal aber vor Unwillen über Jeannettens lose Zunge.
Was ist Das? fragte Melanie. Verliebt in den alten Fürsten Hohenberg?
fräulein, sagte Fränzchen mit einem erneuten verweisenden blick auf ihr Mädchen. Jeannette ist oft recht schlimm ...
Warum denn, sagte die Zofe keck; wissen wir's doch Alle! Armes Täubchen! Die Wandstablers waren nahe daran, ihr recht die Federn auszurupfen.
Melanie drang wiederholt nach Aufklärung. Fränzchen schwieg. Die Nadel zitterte in ihren Händen ...
Jeannette aber sagte:
Ach ziere dich nicht, Fränzchen! Abenteuer, wo man mit heiler Haut davonkommt, sind immer lustig anzuhören. Fränzchen ist doch die Nichte des Jägers Heunisch, den wir mit seinem grossen Fuchsbart bei Hohenberg öfters gesehen haben. Als noch der alte Fürst lebte, empfahl sie Heunisch an die Wandstablers, um im Palais einen guten Posten zu bekommen. Sie kennen doch die Wandstablers, fräulein?
Melanie sagte, sie hätte von den drei Geschwistern gehört.
Jeannette fuhr fort:
Die Wandstablers liessen mein Fränzchen kommen und betrachteten es von allen Seiten, ja untersuchten's, wie Herr Lasally tut, wenn er Pferde kauft. Endlich behielten sie sie im Palais und Fränzchen zog heute hinein und morgen lief sie, wie sie ging und stand, davon. Was mit ihr geschehen ist, davon hat nichts in der Zeitung gestanden.