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unpraktisch, träumerisch, zerflossen fand! Wie klar durchschaute er den niezulösenden Widerspruch zwischen Siegbert und Melanie! Wie unmöglich schien ihm für jemals diese Vereinigung! Wie scharf, treffend, nur für seine Bruderliebe beleidigend treffend war nun der Spott des kecken Leidenfrost, der diesen Contrast so lebendig aufgefasst und in seiner ganzen Lebendigkeit wiedergegeben hatte! Und wen er noch mehr hasste als Leidenfrost, das war wirklich ... Melanie selbst!

Ein Mann kann gar nicht lieben, sagte er sich, ohne dass ihm ein Weib dazu die Veranlassung gibt und Melanie hat sich einen Scherz erlaubt!

Und als ihm diese Gedankenreihe zu tantenhaft, zu gouvernantenmässig klang, sagte er sich doch: O sie verdient uns Beide nicht! Er überraschte sich auf dem geständnis, dass er sie vielleicht wirklich nicht liebe, nie geliebt hätte, dass sie ihm nur den Eindruck der Sinnlichkeit gemacht hätte. Opium ist Das, was in ihren Blicken liegt, sagte er sich. Ich könnte sie zermalmen, wenn es nicht Leidenfrost auch schon mit ihr in seinem Bilde getan hätte. Prinz Ottokar hat es gekauft!.. Das versöhnt mich jetzt mit Leidenfrost! Das ist die schwerere Schale, die seine Schuld gegen den Bruder aufwiegt!

Und doch trat dann wieder Melanie als Siegerin und im ganzen Zauber ihrer Hingebung vor seine Seele ...

Er musste sich unter einige in der Nähe liegende Bäume flüchten, eine Bank suchen um sich zu fassen, um sich zu sammeln ...

Dass für ihn an Melanie nicht mehr zu denken war, schien ihm dem Bruder gegenüber unerlässlich.

Dass aber auch dieser von seiner Verblendung durch ein Mädchen, das er erst jetzt erkannte, da er sie in der Seele eines Andern beurteilte, geheilt werden müsse, erschien ihm ebenso notwendig ....

In dem Hin und Her dieser Empfindungen und Überlegungen versank er auf der steinernen Bank unter Kastanienbäumen, umrauscht von dem Lärmen des fashionablen Viertels, in dem er sich befand, in Wehmut und in eine Traurigkeit, die fast alle seine Entschlüsse für den heutigen Tag lähmte.. Sein Anzug kam ihm jetzt lächerlich vor.. Er riss die Handschuhe von den Fingern. Prinz Egon, der Freund des Kunsttischlers Armand, bedurfte dieser Aufmerksamkeit nicht.. und mit Schlurck wollte er ungebundener sprechen.. Melanie, die ihm, wer weiss durch welche Zweideutigkeit, das Bild erworben hatte, wollte er nicht sehen. Er war ausser sich und unglücklich.

Er sass dumpf brütend eine Weile, bis er die Augen aufschlug und auf der entgegengesetzten Seite des Platzes, den die Kastanienbäume beschatteten, eben um die Ecke der dort einmündenden belebten Strasse einen Mann und einen Knaben schreiten sah, der ihm Ackermann und Selmar zu sein schienen. Erfüllt vom freudigsten Schreck sprang er auf und mit dem Ruf in seiner Brust: Es gibt noch reine Fluten, in denen des Mannes Seele sich läutern, stärken, erquicken kann! eilte er stürmisch nach der Gegend hin, wo die lieben, ihm so teuren Gestalten eben aufgetaucht und wieder verschwunden waren. Sein behender Fuss, hoffte er, würde sie noch sicher erreichen. Er eilte, als jagte ihn die Reue über alles Das, was er in diesen Tagen erlebt, begonnen hatte. Jeder rasche Fusstritt war ihm, als müsste er mit ihm zu gleicher Zeit abschütteln, was auf ihm Unwürdiges und Zweideutiges lag.

hinweg! hinweg mit diesem Ballast! rief es in ihm. Sei Mann! Schüttle deine Mähne! Lebe in der Wüste deiner Überzeugungen einsam, aber wie ein Löwe!

Aber es war nur der Schmerz, der so in ihm schrie..

Er irrte und irrte.. Ackermann und den Knaben zu finden; ... er hatte ihre Spur verloren! Seine beflügelten Schritte ruhten erst, als er vor dem haus stand, an welchem er gestern Nacht auf messingner Platte den einfachen Namen Schlurck gelesen hatte ...

... Ob Dankmar eintreten wird? ...

... Dies der Commune gehörende Haus mit dem Kreuze, gebaut auf Grundstücken, die einst dem geistlichen Ritterorden und der Comturei von Angerode gehört hatten, trug zwar alle Spuren seines altertümlichen Ursprungs, war aber von innen sehr wohnlich, bequem und in manchen Partien selbst elegant eingerichtet. Die Bogenwölbungen der Decken und die winkligen steinernen hier und da ausgetretenen Treppen waren nicht zu verbergen. Viereckte, abgestumpfte Säulen trugen die Treppenüberbauten. Lange Gänge zogen ohne alle Symmetrie, rein nach dem Grundsatze der Bequemlichkeit, durch die Stockwerke und gaben nach allen Richtungen hin in den Zimmern Ausgänge, ohne dass diese darum selbst, wie leider bei den neuen Bauten, mit einer Überzahl von Türen versehen waren. Fast in allen Zimmern war darauf geachtet, dass sie mindestens eine grosse, völlig türfreie Wand hatten, an der die Wärme sich sammelt und der rücken des Bewohners traulich und sicher anlehnen kann. Wenn nun auch viele Alkoven etwas Düsteres und kleine einfenstrige Durchgangszimmer etwas Weitläufiges darboten, wenn die ausgebauten Erker, die Fenster mit breitem Simse, von denen man nur durch im Zimmer angebrachte Tritte eine bequeme Aussicht auf die Strasse haben konnte, mehr altfränkisch, als ehrwürdig erschienen, so hatte doch der lange ungestörte Aufentalt eines sehr wohlhabenden, Luxus und Comfort liebenden Mannes in diesen Räumen dem Ganzen den Charakter jener Eleganz aufgedrückt, die man in den alten Häusern Nürnbergs oder, noch bezeichnender, Basels und Berns antrifft. Was hier Malereien an den Wänden und moderne gefällige Formen nicht bewirken konnten, wurde durch Sauberkeit und