1850_Gutzkow_030_220.txt

uns gesagt: Wie lieblich, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! ich finge einen Heidenlärm mit dir an und zwänge dich mit ihm wenigstens zu einem gang auf geschärfte Rappiere! Wetter, Bruder! Wie kann man harmoniren, wo eine solche unaufgelöste Dissonanz doch immer nebenher brummt!

Hab' ich nicht, sagte Siegbert, durch dies Alles einen reichen Gewinn? Leidenfrost's geniale natur ist mir näher getreten: er zeigt mir aus Reue ein Gemüt, das er Allen verbirgt. Was hätt' ich nun, wenn ich ihn hassen müsste, mich zwänge, ihn zu hassen, den wunderlichen, in sich doch auch nicht glücklichen Menschen! Und bei dieser Freundschaft gewann ich noch eine andere, jenen Louis Armand, der mir, fast möchte' ich sagen in reinlicherer, graziöserer Weise die Ideen von dem möglich gesteigerten Glücke des Volkes verwirklicht, als ich sie an unsre schmutzigen, meist rohen und gedankenlosen Handwerker anknüpfen könnte. Wir sehen ihn vielleicht heute' Abend, wenn ihn der Fürst von Hohenberg nicht in Anspruch nimmt.

Prinz Egon! wiederholte Dankmar mit einem Erstaunen, das der Bruder nur auf den Rang eines Mannes bezog, mit dem ein einfacher Rahmentischler und Vergolder bekannt sein sollte ...

Und von dem Tizian sprichst du, sagte endlich Dankmar, als Siegbert ihm die Hand gab, um in's Haus zu treten ... Von den Sphinxen und Melusinen sprichst du und von deinen Freunden und deinen durch Grossmut beschämten Feinden.. Aber die Madonna! Diese Vielgestaltige! Wer ist sie denn nun? Dieser weibliche Proteus, Der Jedem anders und dir als eine Heilige erscheint? Ich habe geschwiegen ... Ich wollte dir meine Bescheidenheit zeigen ... Aber du ehrst sie nicht. So werde' ich indiscret und frage: Wer ist sie denn?

Hättest du nur nicht so viel Verstand, Dankmar! sagte Siegbert. Von der Liebe schäm' ich mich mit dir zu reden ...

Wirst du nicht rot über und über? Ich wette, es ist Berg's Tochter! Der alte Tizian in Venedig hatte ja wohl auch eine Tochter, die mit ihres Vaters Schülern ... seine Schule fortpflanzte? Wie? fräulein Berg ist's?

Du kennst sie also nicht, sagte Siegbert. Und doch glaubt' ich ... in Hohenberg ...

In Hohenberg? fragte Dankmar erstaunt.

Sie ist eine Schülerin Berg's, hat Talent, aber wenig Ausdauer. Seit einigen Tagen ist sie verreist ... du solltest wissen wohin?

Ich?

Zuweilen war ich bei ihr eingeladen. Bis jetzt zog sie mich jedem Andern vor. Was Viele als Koketterie an ihr tadeln, scheint mir ein künstlerischer Sinn. Könnt' ich sie gewinnen, ich hätte ein Ideal gefunden; denn sie ist vollendet schön ...

Dankmar wurde jetzt von einer idee ergriffen, die ihn erstarren machte. Er wusste, dass Siegbert heute hier, morgen da, in Soireen und Teegesellschaften gebeten wurde. Dass ihn Melanie Schlurck kannte, schien ihm sowenig auffallend, dass auch nicht ein Gedanke ihm gekommen war, der in seinem Geschmacke an Frauen so wählerische Bruder möchte sich in die Netze gerade dieser Siegbert's ganzer natur widersprechenden Erscheinung verloren haben. Aber als er schon von deren Abwesenheit hörte, von verreist, von Hohenberg, von Koketterie ... erschrak er furchtbar und wie in dem sichern Gefühle einer Ahnung, mit der ihm die Schuppen von den Augen fielen, sagte er:

Doch nicht Melanie Schlurck?

Du kennst sie? antwortete Siegbert hocherglühend und fast begeistert. Ja, gerade Die ist Berg's Schülerin und die Madonna. Sahst du sie nicht in Hohenberg? ... Du schweigst! So lass uns abbrechen. Ich sehe du bist verdriesslich, – du verurteilst sie wieAlleAlleoderwas hast du?

Nichts! – nichts

Du bemitleidest michdu hast einen wehmütigen Zug um den Mundwarum wendest du dich? Was ist dir?

Ich will gehen und die Couverte bei Grüns bestellen ...

Du willst dort mit mir moralisiren! Tu' Das nicht, Dankmar! Lass mir diese Täuschung, diesen Wahn! Ich liebe Melanie Schlurck und wenn ich das Gespött der Welt würde.

Und sie selbst?

Darüber heute' Mittag! Ich will an mein Ölblatt für das Getsemane ... Du sollst mir Rat geben! Aber nicht moralisiren! Hörst du? Ich liebe wahnsinnig ...

Siegbert hatte keine Ahnung, dass sein kalter, gegen Frauen gleichgültiger Bruder, sein Nebenbuhler sein könnte. Er hatte Dankmar's erkaltete Hand geschüttelt und nichts von dessen Leichenblässe bemerkt. Dankmar war gross in der Kunst der Selbstbeherrschung.. Siegbert trat in das Atelier.

Und doch hätte Dankmarn, als er nun so allein stand mit dieser gewaltigen Tatsache, sein erstes klares Gefühl, dessen er Herr werden konnte, Tränen abpressen mögen. Nicht an sich dachte er! Der gute kindliche Bruder! rief es in ihm. Der tiefste Schmerz ergriff ihn, zu denken, dass diese reine spiegelklare natur so von einem entschiedenen Irrtum, von einem Wahne völligster Unmöglichkeit überhaucht werden konnte! An das sonderbare Schicksal, dass zwei Brüder von einem und demselben Mädchen erfüllt sein mussten, dachte er gar nicht.. Das war zu oft vorgekommen.. Ihn rührte weit mehr der Schmerz um Siegbert, den er, obgleich älter als er selbst, hier schon wieder