so richtig hatte aufklären können. Am Stil der Kirche, musste er sich jetzt sagen, fand er, dass sie allerdings nur aus den zeiten nach der Reformation herrühren konnte. Aber zu der Aufregung des Bruders wusste er nicht, ob er sich ihrer freuen oder betrüben sollte. Sie schien ihm zu krankhaft, zu unnatürlich, an Dankmar ganz ungewohnt. Er kannte ihn nur von seiner klaren und immer helldenkenden Vernunftseite. Wenn ihn zum ersten male hier etwas täuschte, wenn er statt nach dem langsam zu erreichenden Ziele seiner gediegenen Kenntnisse und seiner freimütigen Gesinnung nach einem Luftphantome griffe! Er folgte tief bekümmert dem Bruder, indem er die kleinen Wege einhielt, die in dem bescheidenen Gärtchen von den Beeten bezeichnet waren.
Es war fast Nacht geworden. Aber im hof des Pelikan wurde es lebendiger wie am Tage. Der Hofhund liess sein Bellen nicht, ja einige kleine Kläffer hatten sich ihm noch zugesellt und führten ein ohrenzerreissendes Concert auf. Woher sie die Witterung hatten, dass der Fuhrmann Peters von Angerode, der Eheherr ihrer jetzigen Herrin Katrine, ankam, ist schwer zu sagen. Nur das elektrisch bewegte Schalten und Walten Katrinens, ihr plötzlicher Aufschrei: Er kommt! musste ihnen das Zeichen gegeben haben, dass etwas im Werke und Werden war. Der dicke Pelikanwirt schlorrte, auch seinerseits insoweit erregt, als in diese Fleischmasse Leben und Bewegung kommen konnte, auf und ab. Der gute Mann musste gewohnt sein, beherrscht zu werden, sonst würde er nach dem tod der Pelikanwirtin sich nicht so ganz fremden, untergeordneten Menschen in die arme geworfen haben. Katrine zeigte sich jetzt in der Art, wie sie einen Stall- und Hausknecht zur Vorbereitung des Empfangs zurechtwies und eine andere Magd schalt, die die Einfahrt des Torwegs mit Kücheneimern und Besen verstellt hatte, als die eigentliche Herrin des Ganzen, die die Umstände dieses Gastauses klug zu ihrem Vorteil benutzt hatte.
Doch war sie heute nicht ganz so froh, wie sonst, wenn Peters von Angerode anfuhr.
Ich weiss nicht, sagte sie, ist er so müde oder was hat er, dass er auch nicht einmal mit der Peitsche klatscht! Sonst hörte man ihn schon vom Chausséeeinnehmer her, soviel knallte er, dass es die ganze Vorstadt wusste: der Peters ist da. Und heute ... es muss wohl das Rad sein. Wo soll's auch hinaus, wenn man in schlechten zeiten auch noch die Achse bricht! Der Wagen geht ihm nahe, das ganze Geschäft! Er weiss, dass es nichts mehr taugt und in den Ofen geschoben werden muss, statt in die Remise.
Die Erwähnung der Remise brachte sie wieder darauf, dass der Hausknecht ihre Torflügel nicht weit genug geöffnet hätte.
Muss man denn überall seine Augen haben! polterte sie sich in einen künstlichen Zorn hinein. Wird denn nichts geschafft, wenn man's nicht selber angreift und Jeden mit der Nase darauf stösst! Ja, ja, Musje Siegbert, da sehen Sie, dass es in Taldüren nicht allein etwas zu schaffen gab! Hier fehlt uns aber so ein langer Mattes, wie auf dem Pfarrhofe, der den ganzen Tag wetterte und die Faulen anhetzte. Mattes fluchte den ganzen Tag, und wenn's der Herr Vater merkte und's ihm verwies, sagte der alte Spitzbube: wo soviel gebetet wird, Herr Pfarrer, kann auch einmal ein bischen geflucht werden, sonst kommt Eins in den Himmel zu zeitig.
Siegbert freute sich der Erwähnung des alten Mattes aus ihrer Knabenzeit, Dankmar aber hörte nicht mehr darauf, so erfüllte ihn Peters' Ankunft. Er sah in dem von einigen Lämpchen erhellten Zwielicht der Landstrasse den grossen Wagen auf dem schlechten Pflaster langsam herantaumeln. Hohl dröhnten die krachenden grossen Räder herauf. Er blieb wieder stehen, nachdem er dem Wagen einige Schritte entgegengegangen war. Katrine, die bald in der Küche, bald im Stall, bald auf der Strasse war, sagte jedesmal, wenn sie wieder ausschaute:
Ach! ach! wie 'ne Schnecke! Was wird er müde sein und wie ärgerlich! Und er klatscht nicht! Er klatscht nicht! Das ist schlimm ...
Endlich war denn der grosse, mit grauen Leinen überspannte Wagen dicht am Pelikan. drei schellenbehangene Pferde zogen ihn. Peters in blauer Blouse schritt zur Linken. Er hinkte etwas. Wie der Fuhrmann beim Schein einer Laterne Dankmarn erkannte, sagte er mit sonderbarem heisern Tone:
dachte' mir's! dachte mir's! Guten Abend –!
Ihr habt Unglück gehabt, Peters? begrüsste ihn Dankmar. Doch Alles wohl verwahrt? Sonst keinen Schaden genommen?
Jesus! schrie auch in diesem Augenblicke seine Frau; du hinkst ja, Mensch? Du hast Schaden genommen ...
Guten Abend! sagte Peters mit gedämpftem Ton und lenkte die müden Pferde in den Torweg ein. Dem dicken Wirt galt ein zweiter Gruss. Doch hätt' er ihn bald an die Wand des engen Torwegs anquetschen können, wenn er nicht rasch in die Wirtsstube retirirt wäre. Endlich standen Pferde und Wagen im Hof. Katrine, Siegbert, Dankmar drängten sich an den Fuhrmann, der in dem Augenblicke, als er das Ziel seiner Fahrt erreicht hatte, einen Schmerzensschrei ausstösst und zusammensinkt.
Was ist? Gott im Himmel! Peters! so scholl es durcheinander. Katrine wirft sich über ihren Mann. Der Wirt zum Pelikan ruft: wasser! Siegbert tritt geängstigt näher. Dankmar fasst des in halber Ohnmacht daliegenden Mannes Hand.