1850_Gutzkow_030_219.txt

gewesen, dass er einen heimlichen Jesuiten neben sich gehabt hätte. Auch wisse er ein Zeichen, mit dem sich die Jesuiten zu erkennen gäben, wenn sie verwandten Brüdern oder Affiliirten des Ordens zu begegnen glaubten. Einige Herren, die in Elberfeld eingestiegen wären, hätten dies Zeichen auch sogleich erkannt und sich mit seinem Landsmann vielfach im Geheimen unterhalten, auch ein Geistlicher, der sich in Bielefeld anschloss ... mit diesem wäre oft vom Probste Gelbsattel in der Residenz gesprochen worden.

Schöne Arsenik-Adern Das, die sich da durch Deutschland schlängeln! sagte Dankmar.

Du kannst denken, fuhr Siegbert fort, wie mich nach solchen Mitteilungen dieser Franzose ansprach. Es ist ein noch ziemlich junger Mann, der Kunsttischlerei und das Vergolden zu gleicher Zeit gelernt hat und es zu einer Vollkommenheit in seinem Fache brachte, die noch bei uns Niemand erreicht. Seine Spiegel- und Gemälderahmen sind von einem bewundernswerten Geschmack. Er konnte nur Proben auslegen, da ihm die Gewerbeordnung untersagt, anders hier aufzutreten denn als Reisender und Commissionär. Er übernimmt aber jede Bestellung und wird sie entweder von einem grossen Lager aus, das er in Paris hat, oder durch eine Verbindung mit irgend einer hiesigen Werkstätte ausführen. Er wohnt schon deshalb bei einem guten soliden Tischler, Namens Märtens ...

Märtens? fragte Dankmar ...

Es war ihm, als hätte er diesen Namen irgendwo gehört.

Märtens in der Wallstrasse ...

Dankmar horchte auf. Doch fiel ihm nicht ein, dass dies die Adresse war, die auf dem Gelben Hirsch der Förster Heunisch von seiner Nichte, Fränzchen Heunisch, gegeben hatte.

Siegbert, der genauer ausführen wollte, wie er dazu gekommen, in Dankmar's Abwesenheit sich Leidenfrost und diesem Louis Armand näher anzuschliessen, fuhr fort:

Armand's Fertigkeit in der deutschen Sprache fiel mir auf. Er behauptete, das Deutsche teils von einer halbdeutschen Mutter, teils von einem Beschützer gelernt zu haben, dem zu Liebe er hierher nach Deutschland gefolgt wäre. Vielleicht bliebe er, vielleicht ginge er wieder. Es hinge Das von seinem Freunde und Beschützer und dessen verwickelten Angelegenheiten ab. Er hatte kein Hehl, mir diesen Protector, wie er ihn nannte, mit Namen zu nennen. Ich war erstaunt, als er eine hochgestellte person nannte, den jungen Prinzen Egon von Hohenberg.

Wer? fragte Dankmar erstaunt. Den Prinzen Egon?

Von dem er nicht Rühmens genug wusste, fuhr Siegbert fort, und bei dessen Namen ihm die Tränen in die Augen traten.

Dankmar war jetzt überzeugt.. dass der Gefangene im Turm ihn nicht getäuscht hatte!

Nun? Nun? drängte er den Bruder fortzufahren. Und der Prinz?

Von ihm erfuhr ich nichts, sagte Siegbert. Aber Louis Armand, der Franzose, interessirte mich. Er sprach Einiges von der Politik und nach wenig Augenblicken entdeckt' ich, dass dies ein pariser Sozialist ist. Leidenfrost, dessen technologische und matematische Studien ihn mit seiner Malerei verbunden zu einem Genie im alten Sinne des Wortes, einem Albertus Magnus, Paracelsus, ja zum Faust machten, wenn er nicht zu sehr Mephistopheles wäre ...

O! O! unterbrach Dankmar. Ich bitte' euch! Das ist ja schon eine Lobhudelei unter euch, wie wenn sich zwei junge Studenten ihre ersten Gedichte vorlesen!

Leidenfrost, fuhr Siegbert unerschüttert fort, erhob sich aus seinem Sessel und nahm an unserm Gespräch den lebhaftesten Anteil. Dieser Franzose nun ist Schuld, dass ich seit einigen Abenden so spät nach haus komme. Gestern Abend begleiteten wir, Leidenfrost und ich, ihn wirklich an das Palais des Fürsten Hohenberg. Er hatte wirklich einen eigenen Schlüssel zu einer Seitenpforte, die in den Garten führte, wo wir Abschied von ihm nahmen ...

In den Garten sagst du? fiel Dankmar ein. War das nach zehn Uhr?

Gegen elf! antwortete Siegbert.

Dankmar gedachte des Sängers von gestern Abend, gedachte Egon's. Die Brust wogte ihm freudig auf. Er fühlte, dass seine Erinnerungen keine Träume waren, dass sie aufleben sollten in einer neuen reizvollen Wirklichkeit ...

Da Dankmar schwieg, schloss Siegbert seine Erzählung, die er immer ruhig mit dem Bruder fortschlendernd vorgetragen hatte, mit den Worten:

Nun aber wird es an dir sein, endlich gleichfalls zu berichten. Wir sind am Atelier. Um drei Uhr bei Grün oder jetzt; ich will dir ganz gehören, wenn du es verlangst.

Dankmar hielt ihn allerdings fest. Es war ihm noch, als wäre nicht Alles los und frei in seiner und des Bruders Brust. Er sah zu den Fenstern des eleganten im italienischen Geschmack gebauten Hauses hinauf. Es bestand dies Haus aus zwei Teilen, von denen der eine (beide hatten Plattdächer) für die berühmte Malerschule des Professors Berg bestimmt war. Der andre entielt Wohnungen; sie waren durch eine Terrasse verbunden, die mit Orangen-, Oleanderbäumen und Cactus verziert waren und einen gang bildeten, über den Professor Berg zu seinen Schülern aus seiner wohnung hinübergehen konnte.

Eben ging auch der gefeierte Meister im leichten Überwurfe aus der Glastür des Wohnhauses über diese Verbindungsterrasse in's Atelier. Er hatte ein ernstes, edles Gesicht, das mit langen grauen Locken beschattet war. Freundlich grüsste er zu den Brüdern hinunter.

Aha! Dein Tizian! sagte Dankmar. Bruder, ich weiss nicht, Leidenfrost ist doch wert, dass man ihn durchprügelt. Wie du Das so erträgst! Hätte der Vater nicht auf dem Todtenbette zu