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Flaschen Champagner, von denen Sie eine trinken, ich muss die übrigen neun vor meinen Augen von Ihnen zum Fenster ausgegossen sehen und nicht einen Tropfen bekommen. Ist Das keine Strafe? Zu hart! sagte ich. Gut denn, schlug er vor, so trink' ich davon so viel, bis ich nicht stehen kann und dann jagen Sie mich auf die Strasse, dass die Jungen hinter mir herlaufen und ich ein Pietist werden muss, um meinen verlorenen guten Ruf wiederherzustellen. Noch zu stark! sagte ich. Zur Strafe sollen Sie mir hier bei dem aus Paris neuangekommenen Franzosen, der allen Ateliers seine Karte geschickt hat, einen prachtvollen Rahmen zu einem neuen Gemälde schenken, durch das ich mich an Ihnen rächen will. Bravo! rief er und zog mich die Stiege hinauf zu Monsieur Armand Doreur de Paris. Wie wir bei diesem eintreten ...

Hier wurde Siegbert's Erzählung und Dankmar's gespanntere Aufmerksamkeit unterbrochen.

Ein Offizier ritt eben vorüber und hielt, da er Siegbert zu kennen schien, mitten auf der Strasse an.

Siegbert zog artig den Hut und trat zu ihm vom Bürgerstiege näher.

Das Bild wird vortrefflich! sagte der Offizier, eine hagere, aber strengmilitairische Erscheinung mit durchdringenden Augen und einem eigentümlichen Lächeln, das halb graziös, halb sarkastisch erschien.

Ich danke Ihnen, Herr Major, für die gute Vormeinung! sagte Siegbert. Doch wissen Sie wohl, wie bedenklich es ist, ein Portrait in seiner ersten Anlage zu beurteilen ....

Ich muss doppelt dankbar sein, sagte der Offizier, da meine Frau nicht genug rühmen kann, wie anregend sie von Ihnen unterhalten wird..

Bitte, Herr Major!

Wann dürfen wir Sie heute erwarten?

Ich wollte eben der gnädigen Frau anzeigen, dass ich heute vielleicht eine Sitzung überspringen werde und erst morgen fortfahre ....

Wie Sie wünschen, Herr Wildungen! Soll ich Ihnen den Weg ersparen und es meiner Frau selbst anzeigen..?

Sie sind zu gütig, Herr Major!

Meine Schuldigkeit! Guten Morgen, meine Herren!

Damit lenkte der Offizier vom Trottoir zurück und sprengte mit einer artigen Begrüssung, die auch Dankmarn galt, von dannen.

Siegbert war von dieser Unterredung etwas verlegen geworden.

Das muss ich sagen! begann Dankmar. Du bist mir völlig fremd! Du steckst ja in lauter neuen Verhältnissen! Wer ist denn Das?

Der Major von Werdeck, sagte Siegbert, dessen Frau ich male ....

Frau von Werdeck, fiel Dankmar sich besinnend ein; eine Polin –?

Ganz Recht, antwortete Siegbert, eine geborene Kaminska ....

Eine vortreffliche Reiterin, eine Amazone, die dir scheinbar zu einem Portrait sitzt und sich ärgert, dass du keine Tête à Têtes aus diesen Sitzungen machst!

Abscheulich! Dankmar! Dankmar!

Die Welt taugt aber nichts, lieber Bruder!

Aber die Menschen taugen noch hie und da etwas. Diese Polin liebt nur Eins, ihr Vaterland..

Hoffentlich nach dem Major von Werdeck ...?

Ich glaube auch ihn nur, wenn er die Gedanken teilt, die durch ihr glühendes Herz gehen ...

Dankmar besann sich, dass er auf der Rückreise von Hohenberg noch vorgestern von der Majorin von Werdeck wie von einer Demokratin hatte reden hören ...

Wem verdankst du diese Bekanntschaft? fragte er.

Auch meinem Max Leidenfrost! sagte Siegbert. Er trat mir diese Bestellung eines Portraits ab. Er ist rührend in der Art, wie er mich versöhnen will. Auch glaube' ich wohl, dass Major von Werdeck Anstand nehmen musste, diesen Cyniker, den er übrigens sehr schätzt, in das Boudoir seiner Frau zu führen. So entschloss ich mich, die Bestellung zu übernehmen und freue mich, hier mehr als ein Portrait zu liefern. Diese leidenschaftliche Frau trägt den Typus ihrer Nationalität in jeder Fiber ihres Antlitzes. Die Bitterkeit ihrer Ansichten ist so grell, dass ich sie oft ersuchen muss, sich zu mässigen, damit sie nicht unschön erscheint. Ich opponire ihr meist nur aus ästetischen Rücksichten..

Dankmar war durch den Anblick jenes Offiziers, der wieder etwas von der fesselnden Ausströmung besass, die ihn sogleich auch für Ackermann gewonnen hatte, noch teilnehmend beschäftigt. Er verfiel in die Gedankenreihe, wie wohl ein Offizier in dem bekanntlich streng genug ihm vorgezeichneten officiellen Ideenkreise sich behaglich fühlen könne, wenn ein geliebtes Weib ihm den ganzen Schmerz einer durch die Politik zerrissenen Nation und die Hoffnungen, die diese Nation gerade aus der Umwälzung aller Verhältnisse für ihre eigene Wiederherstellung schöpft, täglich vergegenwärtigt und ihn allmälig doch dahin bringen müsste, entweder ganz mit seinem inneren oder seiner äussern Stellung zu zerfallen oder gar ein gedankenloser, unzurechnungsfähiger Heuchler zu werden ...

Siegbert, der keine Ahnung von der gewaltigen Krisis hatte, in der sich die Überzeugungen seines Bruders befanden, liess von diesem gegenstand ab und kehrte auf die Erzählung zurück, die der Major von Werdeck unterbrochen hatte.

Wir können kaum zweifeln, dass Louis Armand, der Vergolder, derselbe junge Mann ist, der im Egon'schen Palais der Vermittler der Wünsche Ackermann's und der Bewilligungen des jungen Prinzen gewesen war.

Achtes Capitel

Louis Armand

Als wir, Leidenfrost und ich, fuhr Siegbert im weitern Gange fort, bei dem französischen Kunsttischler eintraten, trafen wir zuvörderst den Probst Gelbsattel.. doch du bist zerstreut? Meine Ausführlichkeit langweilt dich?

Nein, nein, fahre fort! sagte Dankmar. Doch will ich nicht hoffen, dass