fast bereuend und zur Verständigung einlenkend, du hast Recht und doch erfüllt mich's oft mit Unmut, wenn ich sehe, wie auch von dieser proletarischen Seite aus der Egoismus die Triebfeder zur Teilnahme an der Politik ist. Diese masslosen Ansprüche auf die ungleich verteilten Güter des Lebens! Diese verrückten Begriffe vom Rechte der Arbeit! Wahrlich diese dumme Diversion unsrer grossen politischen Aufgabe hat uns mehr geschadet als genützt. Gib diesen Sozialisten ein Phalanstêre, eine grosse Kaserne gemeinschaftlicher Familien-Kaninchenwirtschaft und Suppenausteilung, und sie nehmen den Despotismus, wenn ihnen dieser ein solches baut, lieber als die Volkssouveränität!
Es früge sich fast, was besser ist! sagte Siegbert. Deshalb wünsch' ich, du machtest die Bekanntschaft meines Sozialisten. Es ist ein Franzose.
Gar ein Franzose! sagte Dankmar. Und der Andre?
Ist Leidenfrost – antwortete Siegbert.
Leidenfrost, fuhr Dankmar erstaunt auf und erinnerte sich nun erst deutlicher, von Melanien diesen Namen gehört zu haben. Apropos! Leidenfrost? Der auf dich ein Spottgemälde gemacht hat? Was ist es nur damit? Ein Spottbild auf dich? Und du ladest nicht deine Pistolen? Ich hoffe, dass du der Freund eines Menschen, der dich verspottet hat, erst geworden bist, nachdem ihr ein paar Kugeln gewechselt habt?
Mit diesen Worten war es Dankmarn wirklich Ernst. Er hatte oft der Äusserung, die er in Hohenberg von einem Bilde des Malers Leidenfrost, das seinen Bruder verspotten sollte, von Melanien selbst gleich bei der ersten Begrüssung hörte, nachgedacht. Er war so empfindlich über alles Das, was sich an die Ehre seines Namens knüpfte, dass er schon dort über diese Bemerkung in Verwirrung geriet und in dem Anteil, der davon seinen Bruder betraf, vergessen hatte, wie sich auch Melanie, er wusste nicht recht wie, als an dem Spotte Leidenfrost's beteiligt darstellte.
Hast du auch schon von dem Scherze gehört? fragte Siegbert, der im Stillen erschrak, dass Melanie vielleicht von diesem Bilde erfahren und dem Bruder davon gesprochen hätte. Man muss einem Maler seine Ideen nicht verkümmern, nicht die Rolle der abgeschafften Censur spielen. Frei sei der Genius und erfinde Schöpferisches, selbst wenn es auf unsre Kosten geht!
Das könnt' ich denn doch nicht unterschreiben, sagte Dankmar. Ich würde eine Portraitähnlichkeit überall da verbitten, wo es sich um kein Portrait handelt.
Und was ist denn auch so Schlimmes geschehen? sagte Siegbert. Du kennst Leidenfrost's humoristischen Griffel.
Er schreibt ebenso witzig wie er zeichnet und dabei hat er eine Auffassung seiner Kunst, dass er sie nur für eine Erholung seines Geistes erklärt und neben der Malerei ein Dutzend andre Künste und Fertigkeiten treibt. Schon dass er so recht den alten Italienern gleicht und wie Michel Angelo, Leonardo da Vinci, Benvenuto Cellini neben seiner Kunst auch in praktischen Dingen, sogar im Maschinenbau, in der Baukunst, im Kriegswesen nachdenklich und erfinderisch ist, Das allein schon könnte mich versöhnen, wenn er mich wirklich verspottet hätte!
Lammsmässige Geduld! rief Dankmar ärgerlich. Und wenn er etwas erfindet, was noch über die Zündnadelgewehre hinausschiesst, so wollt' ich ihm nicht raten, dass er dich verspottet hat.
Er überraschte uns, erzählte nun Siegbert ruhig, nach vielem Hin- und Hertasten einmal durch ein Bild von grosser Vollendung: Ein Künstleratelier. Professor Berg ist unverkennbar als Tizian wiedergegeben. Er unterrichtet in einer schönen Nebenhalle seines Ateliers ein reizendes Mädchen, das von den entfernt sitzenden Schülern, vielleicht ohne es zu wissen als Modell benutzt wird. Der Eine malt sie als eine Amazone, der Andere als eine Melusine mit einem Fischleibe, der Dritte als eine Sphinx, nur ich soll Derjenige sein, der in ihr eine Madonna findet und freilich muss ich gestehen, dass ich mich mit meinem frommen Glauben und dem sichern Aufschlag der Augen gegen Himmel auf dem Bilde fast ein wenig albern ausnehme.
Und Das beruht auf Wahrheit? fragte Dankmar erstaunt und gespannt.
Gerade deshalb, sagte Siegbert errötend, nehm' ich es auch leichter. Ist schon die idee an sich gefällig und höchst launig ausgeführt, zumal da auch die Schülerin zu merken scheint, dass sich das ganze Atelier sie zum Modell genommen hat, während ihr der Professor recht beflissen eben den Pinsel aus der Hand nimmt, um ihre eigne Leistung, die man nicht sieht, zu verbessern, so sehe' ich nicht ein, was ich meine Neigung verbergen und mich schämen soll, eine Madonna in dem Wesen zu finden, das Andern nur als wilde Amazone, kalter fisch oder gefährliche Halblöwin erscheint. Es gibt kaum eine sinnigere Apoteose der Liebe und so gross meine Ähnlichkeit mit dem verzückten Maler ist, ich habe sie Leidenfrost nicht nachgetragen.
Der Liebe? wiederholte Dankmar immer erstaunter. Aber was hör' ich denn? Seitdem ich in Angerode war, sind ja mit dir Wunderdinge vorgefallen. Verliebt? Wirklich, was man so nennt verliebt?
Fast möchte' ich über mich selbst erstaunen, sagte Siegbert, der eigentlich aufatmete, dass von ihm in Hohenberg bei Melanie nicht die Rede gewesen schien und doch daraus ein schlimmes Zeichen für sich hätte entnehmen müssen. Ich habe mich lange geprüft, wie wohl meine Empfindung für jenes Mädchen beschaffen sein möge. Aber seitdem ich sehe, dass ich ihretwegen leiden kann und mich ordentlich freue, durch den Spott eines Andern des eignen Geständnisses überhoben zu sein, fühl' ich auch, dass dies die rechte Stimmung ist, der man trauen darf. Ja,