herzunehmen, wo sie's nur irgend finden kann.
Sehr natürlich! ergänzte Zipfel. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren.
Was nun, sagte Dankmar, für uns Errungenschaft ist, ist für Die, die zur Reaction halten, Verlorenschaft gewesen.
Verlorenschaft! Sehr gut! Darum soviele "Eingesandts" in der Zeitung! Verlorne Gegenstände ...
Der Staat aber, der Staat aber –
Erlauben Sie, sagte Zipfel und sprang hinzu, Dankmarn hinten die Weste zuzubinden, die er eben angezogen hatte.
Der Staat also –
Der Staat – nicht zu fest, Zipfel!
Loser! Der Staat also –
Der Staat, Zipfel, muss haben und nimmt, wo er etwas findet. Die Revolution hat ihm die bisherige Steuerfreiheit des grossen Grundbesitzes zum Geschenk gemacht, hat ihm die Vermögenssteuer für die reichen Bankiers präsentirt, die gibt das gefrässige Ungeheuer, der Finanzminister, nicht wieder heraus –
Der Finanzminister? Ist der so ... sagte Zipfel erschrocken über das gewaltige Bild. Ah! Ja so! Sie meinen figürlich! setzte er sich selbstberichtigend hinzu.
natürlich! Und der Finanzminister, sagte Dankmar, wird von jetzt an immer liberal sein und wenn man den tollsten Reubündler zum Finanzminister nimmt, er wird die grossen Zahlen der Ausgabe sehen, die gierig wie der Rachen eines Haifisches sind und ich gebe Ihnen mein Wort, er stopft alle Rittergutsbesitzer, alle Bankiers, alle Majors ausser Diensten und den ganzen Reubund hinein, um nur Geld zu haben, und dadurch setzen die Herren selbst die Revolution fort und die Errungenschaften bleiben uns sicher.
Bleiben uns sicher! hören Sie, Das ist fein! So klar hat noch Keiner im Club gesprochen, obgleich.. ich ihn nicht mehr besuche. Es ist jetzt zu gefährlich ... Ich lasse mir nur rapportiren. Aber schade ... Das muss wirklich unter die Leute kommen. Denn warum? Wirkt so etwas nicht beruhigend? Ich gebe Ihnen mein Wort, dass die Menschen, die in unsre Barbierstube kommen – die, zu denen wir gehen, sind wieder anders gesinnt – die aber, die zu uns kommen, sind so auf ihr Wahlrecht versessen, wie beim Essen auf ihren eigenen Löffel und wenn er von Blech ist und lange nicht von Silber. Aber ihr eigener Löffel! Ihr eigner! Wählen – Das gehört jetzt zur Reinlichkeit und gehört sich gerade so für den Familienvater, wie alle zwei Jahre einmal seine stube weissen lassen. Es vertreibt die Motten! Die Motten im Kopf, die Grillen, die Raupen, den Ärger, den Kummer, die Sorgen, die Armut, Alles, Alles, was Einen drückt und an sich selber wissen Sie – pauvre vorkommen lässt. Nur Wählen! Das erhält den Anstand, das hebt den ganzen Menschen, das ist wie eine reinliche Weste. Der Rock mag noch so verschabt sein, die Stiefeln geflickt, die Hose zu kurz.. Nur 'ne reinliche Weste. Meinen Sie nicht auch, Herr Referendarius?
Zipfel sagte den Brüdern mit dieser Äusserung zugleich eine Schmeichelei. Denn auch Siegbert zog sich heute gewählter an und legte eben ein schönes Gilet für sich zurecht. Zipfel, mit Dank gegen die "sitzenden Quellen", die demnach auch ihm zu Gebote standen, empfahl sich und überlegte die vier Stiegen entlang, die er hinabzuhüpfen hatte, für welche von seinen Kunden Siegbert's Mitteilung über das nächste Ministerium und für welche Dankmar's Auseinandersetzung über die Sicherheit der Errungenschaften am besten passen würde. Er war bei aller Gesinnungstüchtigkeit doch etwas Diplomat und richtete sich nach den Umständen, wie die ganze Bourgeoisie jener Stadt, die im Herzen von einer weit freiern Auffassung war, als sie seit einiger Zeit anfing, vor den Machtabern und den bedenklichen Umständen zu heucheln.
Siegbert, ohne Empfindlichkeit, sagte jetzt zu seinem Bruder: Wie kommst du nur dazu, mich für einen Reactionair zu erklären? Wirfst du dich nicht so in Toilette, so in's Zeug, dass ich dich eher einen Aristokraten nennen sollte?
Dankmar hatte in der Tat seinen eleganten Anzug fast vollendet. Noch war der Frack nicht übergeworfen, aber schon legte er die Manschetten seines Hemdes zurecht und wetterte über einen an ihnen fehlenden Knopf. Auch ein Paar ganz neue Handschuhe in Paille hatte er noch im Vorrat und schickte sich an, sie wenigstens vorläufig einmal auf probe anzuziehen.
Warum müssen denn Glaçeehandschuhe, sagte er, aristokratische Gesinnungen verraten? Du bist ein conservativer Halb-Communist und trägst doch keine Blouse, nicht einmal im Atelier, wo man dich verspottet, weil du kein malerisches Esprit de corps hast und wie die andern dummen und aufgeblasenen Künstler die neue Zeit verachtest. Ich will hoffen, dass deine beiden Freunde nicht wieder Proletarier aus dem Material dieses Hackert sind?
Der Eine doch! sagte Siegbert.
Bruder, verschone mich! rief Dankmar. An Hackert haben wir von dieser Sorte genug. Ich will, dass man die Vernunft, die Gerechtigkeit und natur in die Politik einführt, aber ich mag nicht, dass uns im Kampfe zuviel die Handwerker unterstützen, die da fechten mögen ... auf der Landstrasse.
Wie viel Juristen fochten auf den Barrikaden? sagte Siegbert.
Dankmar schwieg. Die Erinnerung an Hackert hatte ihn verdriesslich gestimmt. Er besorgte auch, das gute Herz seines Bruders liesse sich zu oft von Menschen gefangen nehmen, denen er mit seinem Mitleiden auch wohl gar sein Vertrauen schenkte.
Nun wohl, sagte er