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Kinn überzugehen.

Er wiederholte sich dabei im Stillen:

Professor LüdersEmpfangsbildPrinz Ottokarsitzende Quellennachdrückliche RegierungsgewaltBeamte und Offiziere ...

Er hatte damit einen ungemein ausgiebigen Stoff, der für die ganze Krisis und Windstille ausreichte. Es war Logik, Zusammenhang und feine Combination in diesen Kettengliedern. Um sich die Schlussfolge recht einzuprägen, ergriff er auch bei Dankmarn Anfangs einen Gegenstand, der ihn weniger zerstreute. Er drückte ihm sein Erstaunen über den verwilderten Bart aus, behauptete, die Winkel am mund wären viel zu sehr überwachsen, auch der Kinnbart hätte sich schon zu hoch über die Wange hin verloren. Dankmar überliess seinem Geschmacke, ihn wieder nach der üblichen Mode umzuformen. Während Zipfel fast wie ein Maler mit dem weissen schaumbestrichnen Finger die Conturen am Barte zeichnete, die er mit dem Messer verfolgen wollte, sagte Dankmar:

Zipfel, lassen Sie sich von meinem Bruder nichts aufreden! Der ist wie alle Künstler ein halber Reactionair! Mit unsern Errungenschaften stehen wir doch zuletzt fester, als die Reubündler glauben. Ich will Ihnen auch sagen warum? Die Revolution hat leider den Staat jetzt noch teurer gemacht, als er sonst schon war

Wirklich! unterbrach Zipfel. Sehen Sie 'mal an! Wirklich teurer? Gestern bekamen wir Alle in meiner Nachbarschaft Zettel zugeschickt, wo Das auch gesagt war und jeder rechtschaffene Bürger wurde aufgefodert, bei den Wahlen nur Die zu wählen, die der Reubund vorschlagen würde. Sie meinen also wirklich teurer? hören Sie, da behalten wir die Errungenschaften nicht! Was dem Bürger zu teuer ist, Das kauft er sich nicht. Ich rede nicht von mir, aber von den Andern!

Rasiren Sie mich nur erst! sagte Dankmar, ich werde Ihnen hernach meine Ansicht sagen, Zipfel.

Ansicht sagenhernacheine Ansicht!

Das war für Zipfel eine feierliche Pause. Seine Spannung drückte sich in allen Mienen des kleinen verschrumpften Kopfes aus. Er hatte die üble Gewohnheit, seine "Kunden", um ihnen gut beizukommen, bei der Nase zu fassen und ihnen manchmal durch einen Fehlgriff die Flügel so stark zuzudrücken, dass sie zu ersticken drohten und ihn mit Gewalt zurückstossen mussten. Auch Dankmarn fasste er heute in seiner Spannung etwas zu kurz und erhielt dadurch trotz aller engern politischen Vertraulichkeit einen gewaltigen Rippenstoss von seinem fast gleichgestimmten Gesinnungsgenossen.

Bitte! sagte Zipfel. Entschuldigen Sie!

Bitte! antwortete Dankmar. Nichts für ungut!

Damit rasirte Zipfel fort und geriet fast in Verzweiflung, als Dankmar in aller Ruhe sein Werk im Spiegel musterte und erklärte, er müsse heute noch einmal nachrasiren. Er hätte die Haarwurzeln nicht tief genug gefasst ...

Herr Referendar sind recht eigen geworden! meinte Zipfel und schickte sich mit schwerem Herzen an das zu erneuernde Werk.

Und wie schöne Stiefel Sie anhaben! setzte er in Besorgniss, eben etwas Ungeeignetes bemerkt zu haben, bedächtig hinzu.

Spritzen Sie nur keinen Schaum auf diese Stiefeln!

Dankmar musste endlich zufrieden sein und die Spuren dieser wiederholten ihm an jedem Morgen sehr fatalen Prozedursich selbst zu rasiren hatte er nicht die Geduldvertilgend, begann er dann, Herrn Zipfel folgende Auseinandersetzung mit auf den Weg zu geben:

Also, mein bester Herr Zipfel, wenn Ihnen irgend ein Geheimrat oder Major ausser Diensten, den Sie rasiren, sagt, die Revolution hätte den Staat teurer gemacht, so machen sie ihm nur ein Compliment von mir oder von wem Sie wollen und sagen ihm, der Staat würde nur dadurch teurer, dass die Revolution nicht ganz gesiegt hätte.

Ach! Also noch nicht ganz?

Nicht ganz!

Was Sie sagen! Also Sie meinten ...?

Wenn die alten Machtaber, die sich gegen die vollendete Revolution anstemmten, sich gutwillig gefügt hätten, so wäre das Staatmachen jetzt schon wohlfeiler. Aber teurer ist der Staat nur dadurch geworden, dass nun die alte Zeit und die neue zugleich bezahlt sein wollen.

natürlich! natürlich! Doppeltes Conto!

Weil nun die Revolution nicht fertig geworden ist und die Fürsten und ihre Diener alles Erdenkliche aufgeboten haben, um sie nicht bis zur vollen Reife kommen zu lassen, deshalb kostet der Staat jetzt das Doppelte.

Allerdings! Ganz klar! unterbrach Zipfel und dachte bei sich: Wieder eine Tatsache mehr!.. Das Schlagende in Dankmar's Äusserung entging ihm nicht; doch besann er sich wegen der Äusserung: Die Revolution ist nicht fertig geworden! Bei dieser beschloss er, sich doch erst die Leute anzusehen, wo er eine so gefahrvolle, wenn auch scharfsinnige Bemerkung fallen lassen wollte. Die Revolution ist noch nicht fertig! Bedenkliche Worte!

Nun war aber noch der zweite befruchtende Gedanke zu erledigen, dessen Keim Dankmar in den ergiebigen Boden der Zipfel'schen Empfänglichkeit geworfen hatte. Und lern- und neubegierig wie er war, fragte Zipfel, seine Gerätschaften zusammenbindend:

Aber wie sagen Sie denn, Herr Referendarius, dass justement, weil die ganze Wirtschaft jetzt teurer geworden ist, gerade deswegen die Errungenschaften nicht genommen werden können?

Ganz einfach, antwortete Dankmar und schlug sich vor dem Spiegel die Tragbänder über die Brust und bürstete darauf sein dichtes helllichtbraunes Haar. Ganz einfach, Zipfel! Wenn der Staat jetzt mehr Geld kostet als sonst, so muss vor allen Dingen das Geld wirklich da sein.

Es muss da sein! Sehr richtig! antwortete Zipfel, Das Geld muss da sein.

Wenn nun das Geld da sein muss, fuhr Dankmar fort, so muss die Regierung sorge tragen, welches