besorgen? fragte Dankmar. Deine Kasse reicht doch?
Sie reicht! erwiderte Siegbert. Die Dreihundert sind schon eingerückt. Ich verschwieg es der Schievelbein, um erst zu hören, wieviel du davon nötig hast. Wenn du recht mitteilsam bist, nicht flunkerst und mir gelegenheit zu malerischen Situationen gibst, so kann auf den Leoville auch wohl noch ...
Champagner! rief Dankmar von drinnen scherzhaft drohend und von der Güte seines Bruders gerührt. Welche Excesse! Mensch!
Pst! Ich spreche ja nur von Schaum, weil ich den Barbier höre! sagte Siegbert lachend. Guten Morgen Herr Zipfel. Die Tür ging auf ...
Es war in der Tat der Barbier, Herr Zipfel, der mit Frau Schievelbein, die die Kleider zurückbrachte, zugleich eintrat.
Andre Leute bekommen jeden Morgen zum Frühstück nass und frisch die neueste Zeitung. Die Brüder hatten aber diese Ausgabe nicht nötig. Die guten Zeitungen lasen sie Nachmittags im Kaffeehause, und für die laufende Chronik, für Das, was sie das politische Wetter nannten, genügte jeden Morgen der Besuch des Herrn Zipfel.
Siebentes Capitel
Das politische Wetter
Herr Zipfel war eine seinem üblichen Berufscharakter entsprechende bewegliche Figur. Er liebte die laufende Zeitgeschichte. Wenn er zu Kunden kam, die schon die Morgenzeitung gelesen hatten, so erfuhr er von ihnen, was er Denen mitteilen konnte, die nur die Abendzeitungen gelesen hatten. Manche Irrtümer der Nachmittagspresse war er schon im stand, durch die Morgenpresse zu berichtigen. Viele Tatsachen aber schöpfte er aus Quellen, die nur seinem Scheermesser zugänglich waren. Sein frühbesuchtes Atelier, seine zeitigen Ausgänge über die Strasse, seine Besuche von Haus zu Haus bei Kunden, die zuweilen den begebenheiten nahe standen, trugen ihm immer einen reichen Schatz von Notizen ein. Er konnte schon jeden Morgen ungefähr die politische Witterung des Tages angeben. Manches, was den Abend eintraf, sagte er schon am Morgen voraus. Ebenso oft aber irrte er sich auch und mit der Vergrösserung geringfügiger Dinge nahm er es nicht zu genau. Es verschlug ihm wenig, bei einer kleinen Arbeiterstreitigkeit die auf dem Schlachtfelde gebliebenen Flaschen für Menschen zu nehmen und ohne Weitres von einem Dutzend Todter und einigen Dreissig höchst gefährlich Verwundeten zu sprechen. Es war nicht gut für die auswärtige Presse, dass Zipfel auch einige ihrer Berichterstatter rasirte. Sie benutzten ihn für ihre Mitteilungen fleissiger, als die Glaubwürdigkeit jener Zeitungen hätte sollen wünschen lassen.
Nach einer freundlichen Begrüssung des so lange erst im Harz abwesend und dann kaum zurückgekehrt wieder verschwundenen Herrn Referendars Dankmar, machte sich Zipfel daran, erst Siegbert von den Haaren zu befreien, die nicht zu seinem schönen blonddurchsichtigen Barte gehören sollten.
Auf ein einfaches: Nun, Zipfel, wie steht's? das ihm aus der Aula zugerufen wurde, sagte er, den Schaum schlagend, mit ruhiger Miene, als wenn er von etwas sehr Gleichgültigem spräche:
Der Telegraph spielt!
Zipfel wollte damit sagen: Im Werke ist irgend etwas und in ein paar Stunden wird man's wohl erfahren.
Dankmar aber, der sich anzuziehen begann, wollte etwas von einheimischen Dingen erfahren und fragte, ob Alles ruhig wäre?
Alles ruhig! sagte Zipfel mit einer Miene, als wollte er ausdrücken: Es ist die Windstille vor dem Sturme! Im grund aber hätt' er doch lieber gehabt, es wäre schon sogleich irgendwo wieder zu einem "bedauerlichen" Conflicte gekommen.. Mit den letzten stürmischen Aufregungen der Zeit hatte sich die Phantasie ganzer Bewohnerklassen grosser Städte und des flachen Landes daran gewöhnt, jeden Tag mit Gier etwas Neues aufzuschlürfen. Das Bedürfniss nach starken Anregungen dieser Art war so allgemein, dass man die Beruhigung gewiss sehr langweilig gefunden hätte, wäre sie nicht für eine kurze Erholung des Handels und der Gewerbe so dringend nötig gewesen.
Als Zipfel das Messer geschärft und an Siegbert's Kinn gesetzt hatte, sagte er:
Alles ruhig, aber oben wackeln sie doch!
Wackeln sie? fragte Dankmar und trat auf seine leichten Firnissstiefeln auf. Sie meinen die Köpfe der Minister, Zipfel?
Um Gotteswillen, sagte Zipfel, machen Sie mir keine Blutgedanken, mein Messer ist scharf! Die Köpfe oben haben die Gefahr überstanden. Das ist vorüber. Aber die Anstellungen! Die Anstellungen! Die mein' ich, die wackeln schon einmal wieder!
Wer soll denn nun an's Ruder kommen, Zipfel? fragte Dankmar. Ich habe eine Ewigkeit keine Zeitungen gelesen.
Reubund! Reubund! Alles jetzt Reubund! sagte Zipfel. Fix und fertig! In ein Tager Vierzehn stehen wir wieder auf Anno Toback! Die Errungenschaften werden zurückgenommen! Es ist Alles Schwärmerei gewesen!
Glauben Sie doch Das nicht, liebster Zipfel! sagte Siegbert und wischte sich die Seife von den Wangen, nahm wasser, Handtuch und reinigte sich. Ein Ministerium aus diesen Elementen kann sich noch nicht halten. Es wäre zu offen, zu ehrlich in seinem Wahnsinn. Erst müssen noch einige Lügner kommen, die mit Phrasen um sich werfen und die brücke für Das bauen, was dann vielleicht kommen soll. Eher vermut' ich, dass man einige Beamte und Offiziere wählen wird, die durch ihr äusseres Auftreten die Regierungsgewalt wieder sollen kräftig und nachdrücklich erscheinen lassen. So erzählt' es gestern Professor Lüders, der das grosse Empfangsbild vom Prinzen Ottokar malt. Ich mag den Mann nicht; aber er sitzt jetzt an der Quelle oder die Quellen sitzen vielmehr ihm.
Zipfel wusch sich die hände, um zu Dankmar's viel verwilderteren Wangen und seinem kräftigeren