noch schwebenden uralten Processen, merkwürdigerweise deshalb nichts verjährt ist, weil sie alle funfzig Jahre wieder aufgenommen wurde und sich in ewigen Protesten die Communen mit den Regierungen über jene Hinterlassenschaft gestritten haben? Wie, wenn sogar unser Staat, unser jetziges Ministerium mit dem Magistrat dieser Stadt hier einen Process wegen siebzehn alter Tempelhäuser begonnen hat, dessen Zulässigkeit in höchster Instanz längst entschieden ist? Endlich, Bruder, wie, wenn ich dir beweisen könnte, dass diese Häuser – Doch genug, höre, was ich erlebte.
Siegbert schob die Reste des Abendimbisses fort und lauschte voll gespannten aber doch zweifelnden Erstaunens.
Als ich nun an jenem Abend, begann Dankmar wieder in seine Erzählung einzulenken, in dem Anbau des Tempelhauses im Interesse der Mutter und ihrer Benutzung dieser Räume mich orientiren wollte, entdeckte ich an einigen Stellen der Wände des Archivs, dass durch die Reihe der Jahre hier und da Mörtel losgesprungen war. Mir fiel Dies auf, weil es mir vorkam, als wenn unter der obern Decke, die nur leicht überkalkt schien, sich noch eine andere befinden müsste, die man nur dürftig überzogen hatte. Ich ziehe mein Taschenmesser und fange zu bröckeln an. In der Tat! Es ist unter dem etwa einen Finger dicken Überwurf noch eine andere geglättete Wand, die mir immer deutlicher entgegentritt, jemehr ich den spätern, jedoch sehr alten Überputz ablöse. Noch konnte diese Entdeckung auf keinen andern Gedanken führen als den, dass man vielleicht die früher schadhaften Mauern neu hatte herstellen wollen. Plötzlich aber fährt mein Messer in eine Ritze. Ich kratze sie weiter auf. Es ist ein förmlicher Spalt. Ich trenne noch mehr von der obern Wand hinweg; da wird die untere ein von Kalk bespritzter breterner Widerstand. Ich arbeite weiter. Bald entdeck' ich, dass diese Wand gefelgt ist. Ich klopfe. Es klingt hohl. Ich habe ohne Zweifel einen Schrein vor mir, einen in die Mauer gebauten Wandschrank. Jetzt hatte' ich keine Ruhe mehr. Ich musste gründlicher untersuchen, koste was es wolle. Es war Nacht geworden. Ich kehrte über den gang nach der alten Verbindungstür mit dem Tempelhause zurück. Die Mutter schlief schon. In der Küche holt' ich mir ein Licht, ein Beil und einen kleinen Holztritt. So ausgerüstet, kehrte ich an meine Arbeit zurück. Bis zwei Uhr in der Nacht hatte' ich daran gearbeitet, den obern Putz des ganzen gewölbten Zimmers herunterzuschlagen; ich selbst und meine Lampe, wir erstickten fast im Kalkstaub, den ich nicht zum Fenster hinausleiten mochte, sondern wie einen Dampf durch die Tür auf den gang und zum Kirchhofe hinausstreichen liess. Für die erste Nacht begnügte ich mich mit der Entdeckung, dass die letzten, wahrscheinlich protestantischen Ritter, die das Tempelhaus noch bewohnten, ohne Zweifel vor den Schrecken des Dreissigjährigen Krieges dies Archiv hatten schützen wollen und über die in die Wände gemauerten Schränke, um sie am sichersten zu verbergen, eine ganz neue Wand gezogen hatten. Am Tage darauf setzte ich meine einsame Arbeit fort. Niemand hinderte mich, auch der Mutter entdeckt' ich nichts. Ich kannte ihre Ängstlichkeit und die allgemeine Scheu, in solchen Dingen etwas zu tun, ohne gleich der Polizei Anzeige zu machen. Die Benutzung dieser Räume stand ihr ja frei. Die Wandschränke der Zimmer, die wir im Tempelhause hatten, standen ihr ja auch offen. Auch hier fanden sich nun Wandschränke. Was sollt' ich zögern, sie, so gut es ging, für unser Bedürfniss zu öffnen! Ohne einen Schlosser war Dies freilich nicht möglich. Ich fand glücklicherweise einen, der es ganz in der Ordnung fand, dass die Mutter diese Gelasse nach Bequemlichkeit benutzen wollte. Der entfernte Schutt konnte ihn auf keinen andern Gedanken bringen, als dass hier noch einige Repositorien zur Mahlund Schlachtsteuerverwaltung übriggeblieben waren, zu denen denn, "wie gewöhnlich", fügte er hinzu, die Actuare den Schlüssel verloren hätten. Als der Schrank geöffnet war und wieder neue Schubläden zeigte, die dem Schlosser aufzuziehen nicht einfallen konnte, war ich geborgen. Ich entdeckte das vollständige Archiv der Tempelherren und Johanniter von Angerode, seit dem Übergang der Templerei in den Bruderorden des St.-Johannes im Jahre 1320 bis zum Jahre 1636. Alles Das, was sich auf die geschichte des johannitischen Tempelhofes seit seinem Übertritt zum Protestantismus bezog, war auffallenderweise in einem grossen eichenen braungebeizten Schrein vereinigt, der auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz zeigte, dessen Enden in vierblätterige Kleeblätter ausliefen. Diesen Schrein nun –
Um Gotteswillen, rief Siegbert, den hast du doch nicht aus dem Amtsgebäude entfernt?
Dankmar wollte antworten, aber in diesem Augenblick wurde das Gebell des Hofhundes, das schon seit einigen Minuten wieder begonnen hatte, unerträglich. Die Brüder, ganz vertieft in ihre Mitteilungen, sahen sich um. Die Nacht hatte sich leise mit einem durchsichtigen Sternenkleide herabgesenkt. Johanniswürmchen funkelten schon im Grase. Alles war still, traulich, nächtlich, nur der Hofhund machte einen Lärmen, der den gereizten Nerven der Brüder förmlich Schmerz verursachte.
Die Bestie! rief Dankmar und wollte schon hinaus, um das Tier zur Raison zu bringen, als Katrine die Gartentür aufstiess und herüber schrie:
Er kommt!
Gott sein Dank! rief Dankmar, nahm seinen Hut und eilte über alle Beete weg den kürzesten Weg zum hof des Pelikan. Siegbert folgte ihm langsamer und fühlte, als umgäbe ihn geisterhafter Spuk, nach seinen Taschen. Er erstaunte, wie Hackert über das Kreuz an der Kirche in Tempelheide ihn