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das man sanft und stärkend nicht entschlummern kann.

Es war heller, lichter Morgen, als Dankmar erwachte und im Erwachen fast erschrak, erschrak über Siegbert, der mit seinen reinen, klaren Augen eben über ihm in die seinen blickte. Siegbert hatte sich über den Schläfer gebeugt und ihn vielleicht mit dem Atem seiner sorgsamen Liebe aufgeweckt. Seine blonden Locken ringelten sich fast auf Dankmars frische, schlaferquickte Wange herab.

Nun da ist er ja, der Furioso der, sagte Siegbert zum Gruss, er der mir anrät, den Ariost zu lesen, um mich auf seine Abenteuer vorzubereiten! Schöne Dinge müssen Das gewesen sein, dass man so alle Liebe vergessen und sich hinsetzen kann, einem armen verlassenen Bruder dermassen bittre Dinge über die Kunst und seine besten Einbildungen zu schreiben. Wart! Jetzt sollt' ich dir das Bett über die Ohren ziehen oder hier die Kanne frischen Wassers nehmen, die schon auf dich wartet, und sie dir über den Pelz giessen!

Damit ergriff Siegbert wirklich das wasser und jagte damit den Bruder, der sich vor einem solchen unfreiwilligen Bade schützen wollte, aus dem Bett. Dankmar besann sich jetzt erst auf die bittern Wahrheiten, die er in seiner übermütigen Laune dem Bruder geschrieben hatte, um im Scherz ihm diejenige Überzeugung von seinen artistischen Irrwegen beizubringen, die er im Ernst hatte.

Siegbert hielt in der einen Hand den Brief, in der andern die Kanne und stand in drohender Stellung.

Dankmar mit einer geschickten Seitenwendung griff nach dem Briefe, eroberte ihn wirklich und wollte ihn zum Zeichen seiner Reue zerreissen.

Halt! rief Siegbert. Er hat mich mein ehrliches Porto gekostet. Der Beweis deiner Unbrüderlichkeit ist nun mein und ich will mich bemühen, das Wahre davon herauszufinden und danke dir für die Anwendung des corpus juris auf die Ästetik. Abscheulicher Verräter du! Doch lassen wir jetzt unsere Fehde und nun gebeichtet, was hast du Alles erlebt? Wo geschwärmt? Was getrieben? Ich sehe dir an, dass du so voller Schnurren, Brummkäfer und Schmetterlinge steckst, wie Faust's alter Mantel, als ihn Mephistopheles im zweiten teil ausschüttelt. Jetzt schüttle dich von selbst, wenn ich dich denn doch nicht schütteln soll!

Lieber Junge, sagte Dankmar, indem er rasch die nötigsten Kleider anzog, das Fenster seines Zimmers aufriss, frische Luft schöpfte und sich wusch, lieber Junge, fürs Erste gleich' ich Faustens altem Mantel darin, dass mein Magen so schlaff ist, wie ungekrämptes Tuch. Was hast du zu frühstücken? Mit gewöhnlichen Schievelbein'-schen Portionen bin ich heute' nicht zu befriedigen.

Das dachte' ich schon, sagte Siegbert, du sollst deine Ankunft nach Gebühr gefeiert sehen. Ich hoffe, dass du mir die Ehre antust, heute einmal in der Akademie und nicht in der Aula zu frühstücken.

Wenn deine Farben nicht zu sehr nach Öl duften, lieber Bruder, sagte Dankmar, du kennst meine Antipatie gegen Eure Mischungen und wenn ich bei Raphael frühstücken sollte ... ich ... ich dächte, wir blieben doch lieber in der Aula.

Nein, nein, sagte Siegbert, in der Akademie! Verdirb mir meine Freude nicht! Die Farben sind eingetrocknet. Seit drei Tagen hab' ich zu haus keinen Pinsel berührt ....

Damit zog Siegbert seinen Bruder durch dessen Zimmer in das seinige. Sie nannten das Zimmer Dankmar's die Aula und das von Siegbert bewohnte die Akademie. Die Akademie hatte gleichfalls ein "Cabinet."

In der Akademie fand Dankmar in der Tat eine sehr festliche Zurüstung. Der runde Tisch, der vor einem mit Haartuch überzogenen, mit gelben Knöpfen beschlagenen Sopha stand, war zur Hälfte mit einer weissen Serviette bedeckt. In der Mitte stand ein Glas mit den frischesten, heute schon vom Früh-Markte gekommenen Blumen. Daneben der Kaffee und die Milch in einer Maschine, in der sich die Brüder ihre Morgenstärkung selber brauten. Ein weit grösseres Quantum von frischem Weissbrot, als gewöhnlich, lag aufgehäuft in einem Korbe, von dem zwar hier und da der Lack schon abgesprungen war, welcher Mangel aber durch grosse Reinlichkeit ersetzt wurde. Besonders wohlgefällig waren ausser den beiden Tellern und den blauweissen Tassen heute drei Extraschüsseln mit den dazugehörenden Messern, Gabeln und kleinen Teelöffeln. Es war dies erstens ein frisches Stück ungesalzner Butter, das zierlich auf drei grossen Weinblättern ruhte und durch eine Form mit Sternen und kleinen Sonnen ausgeprägt war. Zweitens ein Teller mit einer Serviette, in deren geheimnissvollem inneren wie in einem Neste eine halbe Mandel gekochter Eier sich traulich versteckte und endlich drittens ein Teller voll malerisch geordneter roher Schinkenschnitte, die weiss und rot in angenehmster Abwechslung zwischen Fleisch und Speck den Gaumen unwiderstehlich reizten. Auch hier war zur Verzierung eine Menge von verstreuter Petersilie angebracht.

Diese Strafe für seinen wilden übermütigen Brief war für Dankmar doch zu grossmütig. Er umarmte fast den Bruder und sagte:

Siegbert, wie kann ich dein edles Herz jetzt herzlicher anerkennen, als durch meinen Magen'. Mein Appetit sei der Dolmetscher meiner Gefühle!

Die Brüder setzten sich und begannen mitzuteilen und zu erzählen.

Wie hab' ich dich erwartet, sagte Siegbert, wie sah' ich dir an jenem Abende, wo du wie im Traume von meiner Seite verschwandest, verzweifelnd nach! Wie hat sich denn Hackert bewährt? Bist du mit ihm wieder zurückgekommen?

So war er also nicht da? fragte Dankmar. Hat sich noch nicht sein Geld geholt?

Zu unserer Ehre noch nicht, sagte Siegbert,