endlich musste er stark klingeln, bis ihm geöffnet wurde. Es war ein grosses, von vielen Familien bewohntes, neues Haus, wo er seit längerer Zeit schon bei armen Vermietern wohnte, die ihre ganze Habe in die Ausstattung zweier Zimmer mit zwei "Cabineten" verwandt hatten. Nach vielem Pochen und Klingeln erschien endlich seine Wirtin und sagte schon drinnen im Torweg:
Sie haben ja Ihren Schlüssel mit, Herr Wildungen!
Ich den Schlüssel? dachte Dankmar. Aha! Mein Herr Bruder wird gemeint sein. Sieh, sieh, der wäre noch nicht daheim?
So war es auch. Als die grosse Haustür aufging, traute die Wirtin ihren Augen nicht, den jüngeren Bruder zu finden und nicht den Maler.
Sind Sie's denn? So spät! rief sie, indem sie die Haustür wieder zuschloss – Kaum angekommen, wieder wie weggeblasen!
Dankmar beschränkte sich auf die einfache Tatsache: Sehen Sie, Frau Schievelbein, nun bin ich wieder da, unter Ihrem Schutz, Ihrer liebenswürdigen Obhut.
Was haben wir auf Sie gepasst, sagte Frau Schievelbein, die eigentlich vor Dankmar immer Furcht hatte und mit Siegberten zutraulicher stand; wir glaubten Wunder, was Ihnen widerfahren ist!
Ja, ja, Frau Schievelbein, sagte Dankmar, Wunder sind mir auch widerfahren! Ist mein Bruder nicht zu haus? So spät? Wo steckt er noch?
Damit waren sie erst eine Treppe hinauf.
Seit Sie fort sind, Herr Dankmar, sagte Frau Schievelbein, sind Herr Siegbert fast jeden Abend aus –
Sollt' er sich fürchten, dass Hackert das Geld reclamirt! dachte Dankmar für sich.
Kein Geld angekommen? sagte er dann laut; kein Brief aus Angerode? Keine Besuche?
Für Sie nichts, antwortete die Wirtin, die mit einer Nadel etwas den Docht ihrer Lampe heraufzog; ein Brief für Herrn Siegbert liegt oben.
Aha! Wahrscheinlich der meinige aus Plessen! dachte Dankmar.
Aber Geld wird kommen, fuhr Frau Schievelbein fort, Geld wird viel kommen; wissen Sie's denn noch nicht, das Bild ist ja verkauft!
Das Bild ist verkauft? sagte Dankmar freudig. Gott sei Dank! Wenn's nur wahr ist!
Dass Frau Schievelbein es bestätigte für ganz wahr und gewiss, konnte Dankmarn auch deswegen lieb sein, weil es ihm Mut gab, sich jetzt an die dritte Treppe zu machen; denn auch die zweite führte noch nicht zum Ziele.
Wer hat es denn gekauft, Frau Schievelbein? fragte Dankmar.
Der Verein, Herr Wildungen, ja, ja, der Herr, der so schlimm sein soll, der Herr Kunst – ich kann immer den Namen von dem Herrn nicht behalten.
Aha, Herr Kunstverein, bei dem man einen Vetter haben muss, wenn er ein armes Talent in Nahrung setzen soll!
Derselbe! Für Dreihundert Taler hat's der Herr Bruder jetzt rundweg losgeschlagen –
Für Dreihundert Taler! arme Seele, die du ein Jahr über diesem Stoff geschmachtet hast, drei Vorskizzen machtest, einen Carton, doppelte Untermalung, zehn Übermalungen – gewiss, wir leben im Periklëischen Zeitalter.
Dankmar musste einen Augenblick stehen bleiben. Die geringe Summe tat ihm doch weh, und – die dritte Treppe war noch nicht die letzte. Es gab noch eine vierte und diese führte nicht etwa auf den Boden, sondern wirklich erst in die bescheidene wohnung der Brüder Wildungen. Freilich konnte Dankmar den Freunden und Bekannten, die bei ihren Besuchen über die vier Treppen fluchten und wetterten, immer sagen: Ich liebe meinen Bruder Siegbert zu sehr, als dass ich mich von ihm trennen könnte und mein Bruder ist ein Maler und Maler müssen gutes Licht haben! Aber ebenso oft fühlte er doch selbst, dass hier aus der notwendigkeit eine Tugend gemacht wurde und im Stillen machte er schon lange gegen Frau Schievelbein das Complot, ob nicht auch mindestens drei Stiegen hoch irgendwo ein gutes Malerlicht aufzufinden wäre. War doch jetzt der Contrast seiner ebengespielten Prinzenrolle zu dieser bescheidenen Existenz im vierten Stock auch gar zu jäh und abspringend!
Die vierte Treppe hatte das Gute, dass sie zwar sehr schmal, aber auch sehr kurz war. Dankmar betrat sein Zimmer und das seines Bruders. Siegbert war ausgeflogen und die Wirtin versicherte, er käme seit Dankmar's letzter Abwesenheit fast jede Nacht erst gegen zwölf Uhr nach haus..
Diese Stunde wartet heute meine brüderliche Liebe nicht ab, ich gehe zu Bette! sagte er. Frau Schievelbein, einen Gruss an Siegbert, wenn Sie ihn heute noch oder morgen früher als ich sehen. Für heute gute Nacht!
Damit legte er schlaftrunken das Bild auf seinen Tisch, entüllte es, betrachtete noch einmal die freundlichen, etwas vornehmen Züge der weiland jungen Fürstin Amanda, tastete an dem hintern Holze, das ihm verdächtig genug vorkam, noch etwas hin und her, ohne das Glas heftig zu drücken, sah auf dem Tische des Bruders wirklich seinen Brief aus Plessen, eben frisch angekommen, mit dem Siegel der Krone, entkleidete sich, löschte das Licht, das ihm Frau Schievelbein angezündet hatte, und warf sich auf sein Lager in einem Alkoven, der jedoch auf dem Mietzettel der Frau Schievelbein an der Haustür als "Cabinet" paradirte. Das angenehme Gefühl, bei allem Merkwürdigen, das er erlebt hatte, nun doch wieder in seiner eigenen Behausung zu sein und auf einem Bett zu ruhen, das ihm selbst gehörte – die Mutter hatte es ihm aus Angerode geschickt – erfüllte ihn bald mit jenem traulich sichern Behagen, ohne