so stand, bald hier einem Wagen, dort einem Fussgänger auswich, entdeckte er über der Haustür einen aus Sandstein gehauenen Schild mit einem Wappen, das ihn wahrhaft überraschen musste. Er traute seinen Augen nicht, als er dasselbe Kreuz, das auf dem Schrein aus Angerode stand, auch auf diesem Schilde wiederfand, mit denselben vier Rundungen an den Enden, wie auf jenem Deckel ...
Wie, dachte er, ist das vielleicht eins jener alten Häuser, die entweder selbst noch aus jenen zeiten herstammen, oder auf dem Grund und Boden gebaut wurden, der dem protestantisch gewordenen geistlichen Ritterorden gehörte, und ist es wohl gar eins von denen, auf die ich nun selbst glaube Ansprüche machen zu können?
Fast ein leiser Schreck, ein dunkel ahnender leiser Schauer überlief ihn, wenn er dachte, dass Schlurck vielleicht dochwol zu dem Schrein, den er verloren, in einem andern Verhältnisse stehen konnte, als dem eines.. "ehrlichen Finders"..
Doch dachte er dieser trüben Vorstellung nicht weiter nach, sondern entfernte sich von dem haus, das ihm nun erst recht bedeutungsvoll erschien, in dem guten Glauben, am folgenden Tage aller seiner Zweifel und Sorgen los und ledig zu werden.
Seine Schritte wandten sich jetzt beschleunigter jener Gegend zu, wo die Wohnungen der Vornehmen an stolzen einsamen Plätzen lagen.
Hier war es menschenleer und still. Dann und wann eine Schildwache, die ihm der unruhigen zeiten und noch oft sich wiederholenden Tumulte wegen ein Werda? zurief ...
Die Laternen warfen ihre Lichter über kleine mit Rasen besetzte Beete. Springbrunnen plätscherten da und dort und bewässerten das Gras, das sonst in diesen freien Räumen, immer schattenlos der Sonne ausgesetzt, bald würde verdorrt gewesen sein.
Hier lag auch das Palais des Fürsten von Hohenberg, einsam, still, dunkel, wie in Trauer gehüllt.
Hier hätte er nun anhalten, klingeln, die Stille aufwecken, fragen mögen.. aber kein Licht im ganzen Gebäude.. Alles wie ausgestorben.. Wie er sein in ein Tuch gehülltes Bild an sich drückte und die geschichte desselben mit dem grossen, stolzen, stummen Palaste da vor sich verglich, kam er sich erst fast überfeierlich, dann aber doch plötzlich wie ein Tor, ja kindisch vor, schlug sich an die Stirn und rief:
Bist du wahnsinnig? Was ist mit dir? War das Alles in Hohenberg nicht ein Traum, in dem dich tolle Geister geneckt haben?
Diese Abendstille, – dieser ruhig blinkende Sternenhorizont – fern die rollenden Wagen – die plätschernden kleinen Quellen – es war ihm, als sollt' er das Bild nehmen und es wie einen zwecklosen Ballast in den Kanal werfen, der einige Schritte weiter sich durch dieses einsame Viertel zog.
Dann weckte ihn aber von dieser verzagten Stimmung ein Wagen, der langsam um die Ecke des Palais von der Gegend herbog, wo dies mit einer hohen Gartenmauer begrenzt war.. Der Wagen stand eine Weile still.. fuhr dann langsam an ihm vorüber und hielt vor den Ketten, welche das Palais von der Strasse absperrten.
Sollte hier Jemand noch so spät am Abend aussteigen wollen? Sollte es Egon sein?
Dankmar trat näher.
Aus dem niedrigen Wagen blickte ein weiblicher Kopf, der zu den Fenstern hinauf sah ... Vorn sass neben dem Kutscher der Bediente, der keine Miene machte herabzuspringen und den Schlag zu öffnen. Dankmar sah nur, dass die Dame einen Strohhut mit dunklem Schleier trug.
Er näherte sich. Die Dame zog sich zurück ...
Wie er auf dem Trottoir an dem Wagen vorüberging, sah er, wie sie sich in die Ecke ihres Coupé's drückte und den Schleier übergeworfen hatte.
Er ging vorüber und wandte sich doch, als der Wagen immer noch still stand.
Du störst hier ein Stelldichein? dachte er endlich und wollte nun gehen.
Die Dame aber, die sich beobachtet fühlte, gab ohne Zweifel ihren Leuten rasch ein Zeichen und im Nu flog das kleine, elegante Fuhrwerk davon.
Dankmar sah ihm lange nach. Einen Zusammenhang mit dem todtenstillen Palais und dieser nach den Fenstern hinaufforschenden eleganten verschleierten Dame konnte er sich nicht herstellen ....
Aber noch etwas Anderes schien ihm abenteuerlich.
Als er seine Schritte beschleunigend an der einsamen Gartenmauer des Palais entlang ging und bald an ihr vorüber war, um in sein Strassenviertel einzulenken, hörte er einen wunderschönen, männlichen Gesang vom Garten her.
Er blieb stehen ....
Der Sänger musste dicht unter den Fenstern des Palais, die nach hinten gingen, seinen Stand haben, so entfernt klangen die Töne und doch war es ihm, als unterschiede er deutlich, dass dies Lied nicht deutsch war. Es quoll aus tiefer Brust und hatte etwas Melancholisches und dabei wieder Scherzendes, wie alle Volkslieder, selbst die der Franzosen. Denn französisch schien ihm die Weise.
Nicht lange hatte der Gesang gedauert, als an dem wie ausgestorbenen Palais ein Lichtschimmer sichtbar wurde. Er beobachtete dies Alles durch ein Gitter, mit dem hier, wie an manchen Stellen, die Mauer unterbrochen war ...
Ein Fenster hinterwärts erhellte sich.
Die Bäume aber verhinderten ihn, zu sehen, wer es vielleicht öffnete oder an ihm erschien hinter den Vorhängen ...
Bald verstummte der Gesang und bald erlosch das Licht.
Es war wieder so still und finster wie vorher ... Zögernd machte sich Dankmar auf den Weg, nun wo möglich noch gespannter auf die Entüllungen des folgenden Tages.
Daheim