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Gut hätte einen Herrn gefunden, bei dem er nach Allem, was sich für Dankmar jetzt an Melanie anknüpfte, in der Hauptsache geborgen war, mochte seine Verwandlung aus einem Prinzen in einen gewöhnlichen Sterblichen nun auch gern gesehen werden oder nicht, mochte Schlurck auch noch so von dem Funde selbst interessirt sein; Dankmar traute sich die Kraft zu, Melanie's Unwillen in seinem ersten Ausbruche zu ertragen, ja hoffte, nach dem Grade seiner eignen Liebe, auch sie selbst zu überwinden und vielleicht dauernd das Interesse zu behaupten, das er doch wohl auch durch seine Persönlichkeit ihr musste eingeflösst haben. Denn wie bescheiden auch ein Mann denken mag, den Wert, den er im Auge einer Frau haben kann, schätzt er bald ab. Einige wenige Proben ihres Verhaltens gegen ihn genügen, ihn aufzuklären. Und die Proben, die ihm Melanie gewährt hatte, waren so ausserordentlich gewesen, dass hier nur Liebe, oder wie er sich mit Schrecken als Menschenkenner gestehen musste, Hass übrig bleiben konnte.

Den ehrlichen Peters hätte Dankmar gern gesprochen, wär's auch nur gewesen, um ihm zu sagen, dass seine Verehrung vor den beiden Zecks auf geringere Erfahrung im Umgang mit Menschen deutete, als er ihm zugetraut hätte ...

Auch die Umstände, die Peters über den Moment des Verschwindens seines Frachtgutes angeführt hatte, waren nach seiner nunmehrigen Übersicht dieses Vorfalles, so rätselhaft er ihm auch noch immer erscheinen musste, doch höchst ungenau und fast flunkerhaft. Die Scherze, die er sich deshalb noch mit dem guten Peters erlauben wollte, versparte er auf ein andermal, streichelte das Pferd, dem die Fahrt unter seiner sorgsamen Hand durchaus nicht übel bekommen war, vereinigte sich mit dem Pelikanwirte über eine Summe, die er ihn bat, bis auf Morgen schuldig bleiben zu dürfendenn schon im Heidekrug hatte er den letzten Taler gewechseltund ging dann, der etwas verlegenen Katrine und dem heute schweigsameren Wirt die Hand schüttelnd, Bello noch einmal am Ohr zupfend, sein Bild in ein Tuch gewickelt, zu Fuss in die Stadt.

Es war schon spät. Es zog ihn zu dem geliebten Bruder ... Und doch hätte er noch gern in Lasally's Stalle nachgefragt, wie es mit dem Pferde aussah, das er einem so gefährlichen Menschen, wie Hackert, übergeben zu haben schwer bereute. Jetzt begriff er, wie Hackert, der ihm keineswegs unvermögend schien, sich aus Rachsucht an sie hatte andrängen und sogar eine Geldsumme wagen können, um nur gelegenheit zu haben, seinem Feinde zu schaden ... Indessen dachte er, ist hier etwas Widerwärtiges vorgefallen, so erfährst du es zeitig genug und schon im Begriff nach der Ottokarstrasse, in ein neues entlegenes Viertel, wo sich jener Stall befand, einzulenken, schlug er wieder den graden Weg zu seiner wohnung ein, die in der sogenannten Neustrasse lag.

Auf dieser Richtung lagen zwei Häuser, die für ihn jetzt eine grosse Bedeutung gewonnen hatten.

Mitten in der Stadt, wo sich das Menschengewühl, trotzdem dass die Wächter schon die Stunden riefen, nicht ganz verloren hatte, (die Teater waren eben beendet) stand er an einem haus still, das er längst als die wohnung des Justizrats Schlurck kannte. Schlurck galt unter den jungen Juristen als ein Beispiel, das man oft anführte, um zu beweisen, wie gut sich ein advokat stehen könne, der das allgemeine Vertrauen genösse. Er wusste dabei kaum mehr von ihm, als dass er in diesem alten haus wohnte, mitten in der Stadt, dicht an dem ehrwürdigen rataus, umgeben von ganz in der Nähe befindlichen altertümlichen Kirchen. Nie hatte' er auf dieser belebten Passage sonst stillgestanden. Heute musste er es. Heute erst entdeckte er, dass dies graue Haus in schöner, altertümlicher Form gebaut war und mindestens zweihundert Jahre alt sein musste. Die untern Fenster waren mit eisernen Gittern geschützt. Die obern waren hoch und mit Stukkaturen geziert.. An dem Torweg hing eine grosse blankgeputzte messingne Klingel und auf dem daneben befindlichen Messingschilde las er ganz einfach die kräftig eingravirten Züge des unmelodischen hässlichen Namens:

"Schlurck". Ihm klang dieser Name wie Musik und wie der Name Melanie selbst, der ganz das Selige und Wonnige seiner Stimmung ausdrückte ... An den Fenstern des zweiten Stocks entdeckte er Licht. Vor wenigen Stunden erst konnte die Reisegesellschaft, die er nicht mehr hatte einholen können und auch nicht mögen, angekommen sein.. Dass ihm Melanie nicht zürnte, über nichts zürnen konnte, bewies sein erobertes Bild. Die Art freilich, wie sie es ihm gegeben hatte oder hatte geben lassen oder wie sie es ihn hatte finden lassen, war und blieb rätselhaft genug.. Er grübelte aber nicht darüber nach. Morgen, dachte er, klärt sich das Alles auf. Ich werde sie sehen und wenn sie zürnt, bedeck' ich ihre schönen hände mit meinen Küssen und flehe um ihre Vergebung ... Von Empfindungen so süsser Art war er durchschauert, als er mitten auf der Strasse stand und zu den Fenstern hinaufsah. Er musste den prächtigen Kutschen ausweichen, die an ihm vorüberrollten, und doch hätte er gern gelauscht, ob die Schatten, die ihm an den Vorhängen vorüberzuhuschen schienen, wohl von Melanie kämen? Sie verschwanden zu rasch!.. Vielleicht löscht sie das Licht aus, dachte er, um sich auf's Lager zu werfenund an mich zu denken? setzte er wonnetrunken hinzu.

Wie er noch