die nötigen Aufklärungen erteilen und auch die Akte aufsetzen, die man gerichtlich niederzulegen hätte, schritten Ackermann und Selmar, Vater und Sohn, langsam und schweigend, aus dem Zimmer. Der Stolz, verklärt vom Schmerz der Liebe, ist ein Weiheaugenblick des Menschen, wo er am grössten erscheint, auch ohne äusserlich zu triumphiren. Ackermann war zu grossmütig, um auf Schlurck verächtlich herabzublicken.
Florette Wandstabler aber trat zu Schlurck heran und flüsterte:
Herr Justizrat, ist denn das Alles gut?
Ihr Vater, der phlegmatisch, weinerlich und halb berauscht, dieser Scene stehend beigewohnt hatte, trat gleichfalls, fast hinkend auf seinen eingeschlafenen dünnen Beinen, deren Schuhe und Strümpfe in lächerlichem Contraste zu der ganzen dicken soldatischen Figur und dem Schnurrbarte standen, zu dem Justizrat heran, der bisher ihrer Aller Schutz und Hort gewesen war und drückte Das, was er ungefähr fühlte, durch einen fragenden, tiefgezogenen Seufzer aus.
Schlurck, sich zum Gehen wendend, sagte draussen unbelauscht von den Dienern, denen durch die französische Sprache diese aufgeregte Scene nicht ganz verständlich geworden war:
Ja! Ja, seufzt nur Leute! Les jours de fête sont passés... französisch sprechen kann ich auch ...
Florette fasste draussen seine Hand und meinte noch besorglicher:
Also es ist nicht gut?
Mit einem verzweifelten Versuche, seine alte Heiterkeit wieder zu gewinnen, antwortete Schlurck:
Mädchen, macht, dass Ihr Männer kriegt! Dem oben werdet Ihr keine Bäder machen und hübsche Schmetterlinge fangen. Maikäferchen fliege! Schlaraffenland ist abgebrannt.
Aber den Franzosen hätt' ich mir ganz anders gedacht, sagte Florette ...
Beisst wohl nicht an, der Schwarzkopf? erwiderte Schlurck. Alte Künstlerin, da müssen jüngere Hexen kommen!
Die Lore ist noch recht hübsch ... meinte doch Florette.
Und in der Tat stand Lore Wandstabler unten und wartete mit Dore, der mittleren Schwester ...
Sie hatten sich, da sie alle mager und schwarz waren, mit grellen Farben geschmückt.. und standen recht verfänglich da. Sie hatten das Schmiegsame und Hingebende so in der Übung, dass sie den Justizrat, wenn man sagen will, ebenso gut umstanden, wie schon umarmten ....
Aber er hatte heute keinen Geschmack für ihre lacertenartige Zärtlichkeit.
Katzen, sagte er halb scherzend, halb ärgerlich, lasst mich heute los! Und überhaupt ... setzte er hinzu, als sie ihm für seine Stimmung doch zu schmiegsam wurden.. Ihr seid mir immer zu mager gewesen.
Mit dieser Grobheit liess er die erschrockene Familie Wandstabler in Erstaunen und grosser Bekümmerniss zurück.. so unhold war er ja nie gewesen.
Die Mädchen sahen sich fragend an, begleiteten ihn bis an das geöffnete Portal und staunten, welchem ruhigen, nachdenklichen Schlendergang sich heute der Justizrat ergab. Franz Schlurck, der sonst hüpfte und immer verriet, dass die Welt eine Kugel ist, auf der sich Alles dreht und wendet ... schlich heute schnekkenartig.
Wir zweifeln fast, ob unser alter Freund sich jetzt noch beim Italiener Lippi zur griechischen Weinprobe einstellen wird.
Es drückten ihn drei Widersprüche und eine Tatsache.
Erstens: War Prinz Egon jener Dankmar Wildungen vom Heidekrug, der gegen seine Familie und vorzugsweise Melanie so liebenswürdig sich benommen hatte, wie kam er jetzt auf diese offenbare Feindseligkeit?
Zweitens: Welche Bewandtniss hatte es mit den Andeutungen, die er von Bartusch über die Abenteuer auf dem Heidekruge erhielt und von denen er sich so viel gemerkt hatte, dass er glaubte, ein dem Prinzen wertvolles Bild befände sich noch gegenwärtig in den Händen seiner Tochter?
Drittens: Was sollte er auf die leidenschaftliche Caprice bauen, die seine Tochter plötzlich für jenen Mann gefasst hatte, den sie für den Prinzen Egon hielt und der von seinem gefundenen Schrein mit dem Kreuze sprechen konnte?
Das waren die Widersprüche.
Die Tatsache aber hiess:
Du hast die Administration des Fürstentums Hohenberg verloren!
Er beeilte seine Schritte, um daheim für das Chaos der Widersprüche, in dem er sich befand, bei Melanien Licht, für Das aber, was unumstössliche Gewissheit war, heute einmal wieder seit lange bei der lebensfrohen Philosophie seines guten Hannchens Trost zu suchen.
Sechstes Capitel
Die Brüder
Am Abend vor diesem Auftritte war die Freude gross gewesen, als Dankmar mit dem Einspänner und dem vergnügt bellenden, hin- und herwackelnden, fast tanzenden Bello sich im Pelikan wieder einfand.
Der dicke Wirt – er hiess Hitzreuter – und Katarine Peters, geborene Bollweiler, waren noch auf.
Peters, der gerade nicht daheim war, hatte einige Tage gelegen, war aber bereits von jener Gefahr für sein Bein befreit und hatte nur noch gelitten unter der Ungeduld, was sich aus Dankmar's Reise ergeben würde ... Das längere Ausbleiben Dankmar's störte die guten Leute nicht. Sie hielten es eher für ein gutes Zeichen. In dieser Ansicht hatte sie auch Siegbert bestärkt, der jeden Tag wohl zweimal kam, um etwas Beruhigendes zu vernehmen, vielleicht auch nur eine Botschaft von fremden Fuhrleuten. Von einem Briefe, den er aus Plessen vom Bruder erhalten haben sollte, wusste man im Pelikan noch nichts. Dankmar konnte sich leicht denken, dass das hier so sein würde wie es in solchen Fällen immer zu geschehen pflegt.. Er selbst kam vielleicht früher an als sein Brief.
Das Beste, was Dankmar mitbringen konnte, war die Versicherung, dass Peters ausser sorge sein dürfte, da er es über den Schrein leidlich selber wäre. Das verlorne