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hielt. Alle Störungen der einfachen Lebenslogik waren ihm im höchsten Grade zuwider, vollends aber Phantasterei ... Akkermann stand da wie ein antiker Heros. Das Feuer des Zornes hatte alle seine Züge gehoben. Das braune lockige Haar, das nur wenig an den Spitzen hier und da schon graute, hatte sich fast aufgerichtet. Die Nasenflügel zitterten. Flammen eines jugendlichen Mutes blitzten aus den Augen und liessen erkennen, dass Ackermann sicher einst in seiner Jugend ein so schöner Jüngling war, wie noch jetzt ein imposanter, anziehender Mann.

Teatereffect! brummte Schlurck vor sich hin. Ich wette, es ist ein verdorbener Schauspieler ...

Und doch sagte er sich:

In dem Stück spielst du eine miserable Rolle!

Die Tür ging wieder auf.

Louis trat herein und sagte mit Ruhe und Anstand auf Französisch zu Ackermann:

Entschuldigen Sie, mein Herr, der Prinz ist zu angegriffen, um die Verhandlungen mit Ihnen selbst zu führen. Auch verbieten es die Herren Ärzte. Er frägt, ob er das Anerbieten, das Sie ihm stellen, mein Herr, die Ehre hat von einem Amerikaner, Namens Ackermann, zu empfangen, der in Begleitung eines kleinen Knaben vor einigen Tagen am fuss des Schlosses Hohenberg war und dort die Bekanntschaft eines jungen Mannes, Namens Dankmar Wildungen machte?

Ja, mein Herr, sagte Ackermann freudig erregt. Und auf seinen Knaben zeigend, setzte er hinzu:

Der bin ich. Das ist mein Sohn dort! Der Name Dankmarwie sagten Sie?

Dankmar Wildungen! war die Antwort.

Ackermann schien plötzlich überrascht von diesem Namen, den er in Hohenberg nicht gehört hatte und den sich, wie er glaubte, der Fürst selbst gab.

Wildungen! Wildungen! wiederholte er.

Eine neue ihn befremdende Gedankenreihe schien über ihn zu kommen ...

Der Franzose wiederholte ein wenig dringender, aber artig, ob er jener Herr wäre?

Ja, sagte Ackermann, der bin ich; mein Knabe dortist es auch. Aber Wildungen? Wie kommt dieser Name hieher?

Es genügt, sagte der Franzose, dass Sie Herr Ackermann sind und in Begleitung Ihres Herrn Sohnes vor einigen Tagen in Plessen, am fuss des Schlosses Hohenberg, sich aufhielten..

Damit entfernte er sich ...

Ackermann stand sinnend, strich sich über die Stirn und wiederholte:

Wildungen? Dankmar Wildungen? Warum Wildungen!

Schlurck hörte alle diese Verhandlungen mit gekniffenem Lächeln an. Waren sie ihm schon an sich peinlich, weil sie die Vorboten grosser Störungen seiner Einkünfte schienen, trübten sie ihm schon an sich den Humor, mit dem er das Leben zu fassen gewohnt war, so musste er im höchsten Grade überrascht sein, hier Alles bestätigt zu finden, was er von Bartusch und Paulinen über die seltsamen Abenteuer auf Hohenberg vernommen hatte.. Der junge Prinz war auf Hohenberg gewesen, war unstreitig ein und dieselbe person mit jenem Dankmar Wildungen, von dem er noch immer nicht mehr wusste, als dass er von ihm etwas erfahren hatte, was er ins tiefste Dunkel gehüllt glaubte, den Fund jenes rätselhaften Schreines an der Schmiede im Mondenlicht; er konnte keinen Zusammenhang, kein klares Licht mehr entdecken. Er sah nur noch jenes Kreuz mit den vierblättrigen KleeblattEnden, das ihm in jener Nacht, als er aus dem Justizamte zurückkam, plötzlich an dem zerbrochenen Wagen eines verwundeten Fuhrmannes in die Augen fiel. Er gedachte des gewaltigen Eindruckes, den ihm da so plötzlich mitten in der Nacht eine Erinnerung an seinen grossen, wichtigen Process über den Nachlass einer geistlichen Ritterschaft machte, er gedachte der Mittel, die er brauchte, um die Familie Zeck zu überreden, verschwiegene Zeugen einer Aneignung zu werden, die fast auf einen Raub hinauslief ... er sah sich da von einem Netz umstrickt, in dessen kunstvoller Anlage auch die kleine weisse knöcherne Hand und das rote Haar Fritz Hackert's ihm plötzlich entgegenfuhren, er sah um sich Gestalten, die die Zähne fletschten, hörte ihr teuflisches Hohnlachen, fühlte den Boden unter sich wanken ... und fasste sich erst, als wieder die Tür aufging und Monsieur Louis zu Ackermann sagte:

Mein Herr! Der Prinz lässt Ihnen sagen, Sie wären ihm durch die Erinnerungen an Hohenberg und Dankmar Wildungen zu gut empfohlen, als dass er nicht mit Freuden die gelegenheit ergreifen sollte, das unglückliche Schicksal seines Erbes herzlich gern Ihnen anzuvertrauen. Sollte ich sterben, fügte der Fürst mit Standhaftigkeit hinzu, so wird die Seitenlinie unsres Hauses gewiss meinen Willen ehren, den ich die Herren Ärzte zu bezeugen bitte ... Die Herren Ärzte waren anwesend. Der Prinz hat darauf befohlen, dass Herr Schlurck die ganze Verwaltung der Güter Herrn Ackermann übergibt und an ihr nur noch als Vertreter der Ansprüche der noch unbefriedigten Gläubiger beteiligt bleibt. Über dies Alles wollen Sie, mein Herr, in diesen Tagen gerichtliche Akte nehmen lassen! Die Ärzte sind Zeugen und ich selbst bin es, Louis Armand, gebürtig von Lyon.

Die wiederzurückgekehrten Ärzte bestätigten diese Äusserung, die Schlurck mit unfreiwilligem Lächeln entgegennahm.

Louis Armand war sogleich wieder in die dunklen Krankenzimmer zurückgekehrt.

Er wird leben! Der Prinz wird genesen! rief Ackermann und eine Träne trat in seine Augen, während Selmar die seinen verbarg, um nicht zu sehr zu verraten, wie der Ausdruck seiner Empfindungen sie schon längst feuchtete ...

Nachdem Schlurck mit einem schweren Seufzer sich noch kurz geäussert hatte, in seinem Bureau würde Herr Aktuar Bartusch zu jeder Zeit und wenn man wünschte, noch heute