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war ihm entsetzlich ... Einmal an sich entsetzlich, der Torheit wegen, die er sich vorwerfen musste, dann aber auch ebenso entsetzlich wegen der Exaltation, die solche Dinge in seinem träge rinnenden Blute hervorriefen ... O, er war einer Ohnmacht nahe.

Sein Schrecken wuchs, als sich die Tür öffnete, die Ärzte herbeistürzten und zornig nach der Ursache des Lärmens fragten ...

Ackermann, noch in der vollen Glut seiner Entrüstung, rief:

Meine Herren! Lassen Sie mich den Prinzen sprechen! Er kann davon nicht sterben, wenn ein Freund zu ihm spricht! Es wird ihn erquicken, wenn er sieht, dass es noch Menschen gibt, die ihn lieben und für ihn leben wollen.

Noch hatte er kaum zum unwilligsten Erstaunen der Ärzte, unter denen sich glücklicherweise Sanitätsrat Drommeldei nicht befand, diese Worte geendet, als ein junger Mann aus den Zimmern, deren Türen nun alle offen standen bis in das dunkle hintere Schlafcabinet, heraustrat. Er war von mittler Statur, blassen gefälligen Mienen; das schwarze Haar lag kurz geschnitten auf dem Scheitel und erhöhte den Ausdruck des teilnehmend besorgten freundlichen Antlitzes. Nichts verriet einen Dienenden.. Schwarzer Frack und schwarze Beinkleider standen ihm wie einem Weltmann, doch war das Halstuch nur lose geknüpft und liess durch den umgeschlagenen Hemdkragen in dem Eintretenden eher einen Studenten, als einen Kammerdiener, was er nach Florette Wandstabler sein sollte, erkennen. Die hände entsprachen nicht ganz dem gefälligen Charakter des Gentlemans, sie waren zu stark im Vergleich zur Proportion der übrigen Formen und hatten nicht jene Weisse des Gesichts und des Halses, die zu dem schwarzen glänzenden Haare so auffallend abstach. Kinn und Oberlippe waren mit einem schöngekräuselten Barte geziert.

Was gibt's hier? fragte der Eintretende mit strengem, fast befehlenden blick in französischer Sprache.

Ackermann zog die Tür an, die der Franzose noch in der Hand hielt und begann im beredtesten Französisch wie der gebildetste Weltmann sein Anliegen auseinanderzusetzen.

Mein Herr, rief er stürmisch erregt und ohne viel die Worte zu wählen; Sie sind ein Freund des Fürsten, denn er duldet Sie an seinem Krankenlager. Sagen Sie ihm, dass ein bemittelter und erfahrener Ökonom aus Amerika sich anbieten wollte, seine Güter zu verwalten. Sagen Sie ihm, dass dieser Mann dabei nicht das Interesse seiner eignen Bereicherung im Auge hat, sondern die Wohlfahrt des Besitzers. Er erbietet sich eine Caution von zehntausend Talern sogleich zu zahlen als Bürgschaft seiner Treue und Ehrlichkeit. Er erbietet sich, die Hälfte seiner reinen Einnahmen auf die Befriedigung der Gläubiger des Fürsten, die andere aber zur Befriedigung der Bedürfnisse des Fürsten selbst zu verwenden. Beide Summen werden Dank der Erfahrungen, die der fremde Landwirt machte, Dank seines ehrlichen Willens, gross genug sein, um ihren Zwecken zu entsprechen. Der Zuschlag müsste mindestens auf zehn Jahre geschehen. Die Capitale, die der fremde Mann auf seine Verbesserungen verwendet, gibt er selber her, unter der Bedingung, dass ihm eine Hypotek auf die Güter und die richtige Verzinsung gestellt wird. Für sich selbst verlangt er nur die Summe von jährlich tausend Talern. Sagen Sie dem Fürsten, dass ich mich durch den Augenschein überzeugt habe, wieviel sich für seine Besitzungen noch tun lässt. Sagen Sie ihm das sogleich, mein Herr, ehe die Krankheit, die den jungen Prinzen bedroht, weitere Fortschritte macht und einen Zeitverlust verursacht, der in Rücksicht auf die nächstjährige Ernte nicht wieder eingebracht werden kann. nennen Sie ihm meinen Stand und Namen! Ich bin ein Deutscher, komme aus Amerika, heisse Ackermann und biete alle Garantieen. Der Justizrat Schlurck ist zugegen, um die Willensmeinung des Prinzen in Empfang zu nehmen und die Urkunden aufzusetzen.

Der Franzose hatte ruhig, aufmerksam und ernst zugehört.

Monsieur, un instant! sagte er und kehrte in die Krankenzimmer zurück.

Ackermann sah nun in höchster Spannung um sich.

Alles haftete an ihm. Die Bedienten, die Ärzte standen starr. Selmar schmiegte sich an den Vater und hielt ihm die eine seiner hände, in denen man das Blut klopfen fühlte. Schlurck leichenblass und im höchsten Grade mit sich selber unzufrieden, stand in einiger Entfernung am Fenster des Vorzimmers, klopfte mit seinem Stöckchen wie in der Zerstreuung an die Scheiben, Florette Wandstabler schlich sich zu ihm heran und fragte besorgt:

Was haben Sie, Herr Justizrat? Was ist Das nur?

Wer ist der Franzose? fragte Schlurck fast tonlos.

Monsieur Louis, antwortete diese ebenso leise. Sr. Durchlaucht gab gleich nach der Ankunft von Paris Befehl, diesem Franzosen in Allem zu gehorchen. Erst seit gestern wohnen Durchlaucht hier und Monsieur Louis sind erst eingezogen, seitdem Durchlaucht sich für krank erklärten. Denken Sie sich! Anfangs trug dieser Louis ein Überhemd wie ein Fuhrmann und wohnte vorm Tore in einem elenden Gastofe. Jetzt erst, wo er beim Fürsten wacht, hat er sich so fein gekleidet. Die Gräfin d'Azimont, die heute früh hier fast in Ohnmacht lag, haben die Ärzte und Monsieur Louis mit Gewalt von Sr. Durchlaucht fern gehalten. Wir werden schlimme Dinge erleben, gleichviel, ob der junge Herr lebt oder stirbt ... was übrigens Gott verhüten möge ...

Schlurck erwiderte auf diesen Bericht nichts, wandte sich auch nicht nach ihr um, sondern sah auf die Strasse hinaus. Er fürchtete, wenn er sich wandte, dem zermalmenden Blicke Ackermann's zu begegnen, den er überdies für einen jener exaltirten Menschen aus der Schule des Heidekrügers Justus