1850_Gutzkow_030_202.txt

etwas hineinzustecken.. Ich gebe das Alles selbst her, weil ich leidlich vermögend bin. Es ist mir nur um die gelegenheit zu tun, eine grosse Wirtschaft zu führen und den deutschen Landwirten amerikanische Erfahrungen zu zeigen.. Ich biete Ihnen ein kleines Gratial.. zweihundert Louisd'ors ... Herr Justizrat, wenn wir ins Reine kommen.

Dies gewagte Wort sprach Ackermann ganz ruhig hin und legte nicht den geringsten Accent darauf.

Schlurck aber sah ihn von der Seite an, zog seine Dose, nahm eine Prise und machte eine sehr lange Pause. Dann wandte er den Kopf empor, lächelte, schnellte den Rest des Tabacks aus den Fingern und sagte:

Hm! Hm!

Noch einmal dann den Fremden, der ihn sicher und vertrauend und seines Mannes gewiss anblickte, fixirend, fragte er mit einem Tone, der etwa sagen wollte, als verstünde sich Das von selbst:

Jährlich?

Es war ein gewagtes Wort dies Jährlich! Es liess einen tiefen, gefährlichen blick auf Schlurck's Lebensphilosophie und die ganze geschichte seines Berufes werfen ... Er sprach es aus, nicht etwa mit gemeiner schmeichelnder Gewinnsucht, die ihm fremd war. Er sprach es mit dem Tone eines Weltmannes, der gleichsam zum Andern sagen wollte: Die ganze Welt ist eine Komödie, wo Einer den Andern prellt. Was wollen wir Narren sein und die Tugend lieben?.. Der alte Fürst hatte ihm ja immer erlaubt, bei Gelegenheiten, wo er den Mäkler machte, auch an sich zu denken und von den geschriebenen Rechnungen allein war der ungeheure Aufwand, den er machte, nicht zu bestreiten.. Er fand es in der Ordnung, dass er bei einem guten Dienst, den er dem Andern leistete, auch eine Erkenntlichkeit für sich in Anspruch nehmen durfte ... Aber ... "Jährlich?".. diese Frage war doch gewagt. Es war ihm eigentlich fremd, so zu feilschen und sein Gewissen in Fallen zu locken. Er liebte es nicht, dass er fodern sollte; er nahm, was man gab. Seine Lebensphilosophie hasste das Moralisiren auch nach dieser Seite hin und wenn man ganz die Wahrheit sagen will, so war er im grund doch viel weniger schlecht, als er sich im Allgemeinen schlecht gab. Es war ihm eine solche Bestechungs-Angelegenheit nur der Humor des Lebens, der uns die Langeweile der Alltäglichkeit ausschmückt. Er hielt sich auch nicht lange bei solchen Verhandlungen auf und hätte vielleicht jetzt, wenn Ackermann die Achseln gezuckt und gesagt hätte: Nein, nur Einmal! Jährlich ist mir zu viel! gelacht und die tausend Taler hingenommen, die er brauchen konnte, trotzdem, dass man ihn für reich erklärte.. Er war nicht reich. Er nahm viel ein und dass er viel einnahm, dazu gehörte gerade, dass man sich über tausend Taler, in Gold baar auf den Tisch gelegt, nicht zuviel weitläufige Scrupel machte ...

Aber schlimm! Tausend Taler auf einmal waren Schlurck nichts wert, wenn er die Administration dafür auf immer in andere hände geben sollte. Er behielt zwar die Controle des Generalpächters, er vermittelte zwar die Ansprüche der Gläubiger, aber es trat ein neuer Mensch in seine Kreise ein, zwei neue, scharfe Augen sahen in seine Bücher und das für einmal eintausend Taler in Gold? Das hätte ihm in diesem Falle lächerlich erscheinen müssen und deshalb wiederholte er noch einmal:

Jährlich?

Aber nun war es übel, dass auf Ackermann dies Wort fatal wirkte. Es war dies ein leidenschaftlicher Mann; die ganze Situation peinigte ihn schon lange. Er wollte mit seinem kleinen einfachen Anerbieten nur Schlurck auf den Zahn fühlen, in welchem Sinne dieser Herr wohl des Prinzen Egon Güter verwaltete. Er hatte vielleicht Wunder geglaubt, was er schon dem Gelüsten des Unrechts für einen gewaltigen Köder entgegenhielt. Als aber mit der Frage: Jährlich? ihm die Zumutung eines perennirenden Betrugs gegen den Fürsten gestellt wurde, übermannte ihn so der Zorn, dass er glühend von Unwillen bei Wiederholung des Schlurck'schen "Jährlich" ausrief:

Nein, Schurke, nie!

Schlurck sank fast in einen Sessel.

Selmar sprang herbei, fasste die Hand des Vaters ...

Dieser liess ihm den Hut, wie zum Aufbewahren, riss die Tür auf, stiess Schlurck zurück und sprach mit Donnerstimme, dass es Alle draussen hörten und ihn für wahnsinnig halten mussten:

Lasst mich zum Prinzen! Ein lichter Moment wird hinreichen, ihn vor Verrätern zu schützen!

Er stürmte mit diesen Worten auf die Tür zu, die zu den Zimmern des Fürsten führte.

Schlurck sass regungslos. Diese Scene! Diese Zuhörerschaft! Dies plötzliche Erlebniss, das er sich nicht hatte träumen lassen! Das war wie ein Einfallen des himmels. Wie kam ihm denn Das? Ihm? Hier? Unter solchen Umständen? Hier bei der ihm wohlbekannten alabasternen Venus von Medicis ... Scenen! Scenen! Sie waren nie seine Sache gewesen. Er konnte geistreich, witzig, liebenswürdig sein; es war ein Mann sogar von Mitgefühl, von milder Gesinnung, von Wohltätigkeit; er konnte auch einmal etwas begehen, was gewagt und gefährlich war. Aber still musst' es dabei sein, die Leidenschaften mussten schweigen, das Tollhaus der "Tugend" sich nicht entleeren, Scenen mussten wegfallen ... Dass er hier jetzt nur schon so auf den "Schurken" antworten musste, so doch hinzuspringen, um den gefährlichen Mann von der Tür wegzureissen, das