eine Träne ins Auge schlich ...
Schlurck ersuchte jetzt Beide, in ein Seitenzimmer vom Entrée links zu treten und einen Augenblick zu verziehen.
Ich sehe doch, sagte er mit scharfer und selbstzufriedener Betonung, dass diese Angelegenheit nicht so rasch wird erledigt werden können, wie ich gehofft hatte ...
Er zog halb die Tür zu und flüsterte wieder mit Florette Wandstabler.
Als Ackermann und Selmar allein waren, warf sich dieser an den Hals des Vaters und weinte.
Beruhige dich, mein Kind, sprach der Vater gerührt.
Unser Freund ist jung und von einer ungeschwächten natur. Die gütige Vorsehung wird ihn schützen.
Und siehst du nicht, fuhr er dann fort, dass es Menschen genug hier gibt, die auf seinen Zustand lauschen wie auf die Atemzüge des geliebtesten Menschen? Er ist in Sorgfalt und Pflege.
Hätt' er eine Schwester, sagte Selmar, einen Bruder! Hätt' er eine Mutter, einen so zärtlichen Vater, wie du! Wir könnten mit ruhigerem Herzen dies grosse, ängstliche Gebäude verlassen. –
Deswegen sei ohne sorge! tröstete ihn der Vater mit besonderem Nachdruck, dieser feine, mehr schlaue als kluge Herr, der sich in meiner person sehr zu irren scheint, ist der Vater jenes schönen Mädchens, mit dem er in Hohenberg und auf der Reise so leichtsinnig tändelte und die Gräfin d'Azimont hörtest du doch, eine vornehme und sehr gefeierte Dame aus Paris, diese nimmt vollends einen Anteil an ihm wie an einem Bruder. Sie liebt ihn ja! So denke' ich, wird er von zärtlicher Obhut nie verlassen sein ...
Beklemmend war es für Ackermann, dass auch in diesem höchst elegant eingerichteten Zimmer Vieles entalten war, was er von Selmar nicht gesehen wünschte ... Auf einem Sockel von grauem Marmor stand in einer Ecke eine Copie der mediceischen Venus von Alabaster. Er konnte nicht hindern, dass Selmar sein Auge auf dies schöne Kunstwerk richtete; ja hätte er davon zu sprechen begonnen, so würde er jetzt auch ruhig geantwortet haben wie über etwas Harmloses. Es tat ihm leid, dass er sich vorhin im Garten von seinem Unwillen hatte fortreissen lassen und gerade das Arge erst vielleicht geweckt hatte dadurch, dass er es durch seine Entrüstung als arg hinstellte.
Nach einiger Zeit ängstlichen Wartens trat dann Schlurck leise und schleichend wieder ein, nahm Platz und sagte mit verstimmter Miene:
Der Prinz hat das Nervenfieber, eine Krankheit ebenso gefährlich wie langwierig. Man wird nichts abschliessen können, mein Bester ... Lassen wir dies Geschäft. Sie kommen aus Amerika? Darf ich ....?
Ackermann, von gewaltiger Unruhe getrieben, lehnte die dargereichte Dose ab und erwiderte:
Gerade jetzt ist vielleicht noch der einzige günstige Augenblick! Ein langwieriges Übel schiebt die Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinaus. Kommen Sie, wir sprechen die Ärzte!
Unmöglich, sagte Schlurck und hielt Ackermann zurück. Wo denken Sie hin? Auch bin ich selbst, aufrichtig gestanden, mit Ihren Vorschlägen nicht ganz einverstanden. Sie bedingen sich nur Tausend Taler eigenen Gewinnes. Ich finde Das mindestens gesagt auffallend ... Welches Interesse können Sie haben, sich solcher Mühe, so vielen Plagen zu unterziehen und dafür einen so geringen Entgelt zu beanspruchen?
Das ist ja meine Sache! wiederholte Ackermann.
Ihre Äusserung über die Capitalisirung der Laudemien, fuhr Schlurck fort, frappirt mich; denn ich weiss in der Tat nicht, da ich die ganze Last dieser Überschuldung auf mir liegen habe, wie ich es mit den laufenden Ausgaben z.B. für die noch nicht an den Staat übergegangene Gerichtspflege und etwa ein Dutzend Angestellter des Fürsten halten soll. Sie haben ganz Recht, Herr Ackermann, dass es Unrecht war, ein Capital, von dem nur die Rente disponibel hätte sein sollen, zur Masse zu schlagen. Aber ein Familienstatut, ein Majorat existirt nicht. Was tun, um diese Löcher all zu stopfen?
Ich will, sagte Ackermann, in ruhiger Auseinandersetzung, ich will noch die sechstausend Taler für Gerichtspflege und Amtskosten auf den Ertrag der Güter mit übernehmen, wenn ich die ganze Verwaltung der Grundrenten mit überkomme und mir die Ablösungen zur Verfügung und Durchsicht gestellt werden.
Schlurck erhob sich, schüttelte mit dem kopf und sagte:
Alles recht schön! Recht schön! Aber man kann Das nicht übers Knie brechen! Es tut mir leid –
Damit deutete er an, dass die Unterhandlung abgebrochen wäre.. Offenbar erfüllte ihn das sonderbare Drängen dieses Landwirtes mit Mistrauen. Er sah in ihm etwas Andres als einen Ökonomen, der nur landwirtschaftliche Versuche anstellen wollte. Die Zumutung, Einsicht in die Bücher zu bekommen und gleichsam die frühere Verwaltung zu controliren, war ihm vollends lästig. Er war sich zwar, soweit er sich auf Bartusch verlassen konnte, keiner auffallenden Verstösse bewusst, fürchtete aber doch alles Schroffe, Übereilte, Leidenschaftliche und das Allzuwissbegierige und Unbequeme ohnehin.
Da Ackermann nicht nachgab, so antwortete er, um nur eine Ausflucht zu haben:
Überdies gesteh' ich Ihnen, wir haben noch andere Anerbietungen, die vielleicht günstiger sind.
Er wollte gehen und kniff Selmar'n freundlich wie zum Abschied in die Backen.
Ackermann schwieg einen Augenblick, fixirte dann aber noch einmal den offenbar sich unbehaglich fühlenden Mann und sagte mit vieler Ruhe und Kälte:
Herr Justizrat, wenn ich die Verwaltung der Güter bekäme, würde' ich erkenntlich sein. Ich bot zehntausend Taler Caution und verlange nichts, gar nichts vom Fürsten, um in die Ameliorationen