1850_Gutzkow_030_2.txt

, der in der Tat architektonisch ist, sehr mislich nachzuahmen, und auf den uns Professor Gervinus zu seinem Ärger doch noch ein literarhistorisches Patent geben soll.

Denn ich glaube wirklich, dass der Roman eine neue Phase erlebt. Er soll in der Tat mehr werden, als der Roman von früher war. Der Roman von früher, ich spreche nicht verächtlich, sondern bewundernd, stellte das Nacheinander kunstvoll verschlungener begebenheiten dar. Diese prächtigen Romane mit ihrer classischen Unglaubwürdigkeit! Diese herrlichen, farbenreichen Gebilde des Falschen, Unmöglichen, willkürlich Vorausgesetzten! Oder wer sagte Euch denn, ihr grossen Meister des alten Romanes, dass die im Durchschnitt erstaunlich harmlose Menschenexistenz gerade auf einem Punkte soviel Effecte der Unterhaltung sammelt, dass ohne Lüge, ohne willkürliche Voraussetzung, sich alle Bedingungen zu Eurem einzigen behandelten kleinen Stoffe zuspitzen konnten? Die seltenen Fälle eines drastischen Nacheinanders greift das Drama auf. Sonst aberlebenslange Strecken liegen zwischen einer Tat und ihren Folgen! Wieviel drängt sich nicht zwischen einem Schicksal hier und einem Schicksal dort! Und Ihr verbandet es doch? Und was dazwischen lag, Das warft Ihr sorglos bei Seite? Der alte Roman tat Das. Er konnte nichts von Dem brauchen, was zwischen seinen willkürlichen Motiven in der Mitte liegt. Und doch liegt das Leben dazwischen, die ganze Zeit, die ganze Wahrheit, die ganze Wirklichkeit, die Widerspiegelung, die Reflexion aller Lichtstrahlen des Lebens, kurz Das, was einen Roman, wenn er eine Wahrheit aufstellte, fast immer sogleich widerlegte und nur eine Tatsache gelten, siegen liess, die alte Wahrheit von derunwahren, erträumten Romanenwelt!

Der neue Roman ist der Roman des Nebeneinanders. Da liegt die ganze Welt! Da ist die Zeit wie ein ausgespanntes Tuch! Da begegnen sich Könige und Bettler! Die Menschen, die zu der erzählten geschichte gehören, und die, die ihr nur eine widerstrahlte Beleuchtung geben. Der Stumme redet nun auch, der Abwesende spielt nun auch mit. Das, was der Dichter sagen, schildern will, ist oft nur Das, was zwischen zweien seiner Schilderungen als ein Drittes, dem Hörer Fühlbares, in Gott Ruhendes, in der Mitte liegt. Nun fällt die Willkür der Erfindung fort. Kein Abschnitt des Lebens mehr, der ganze runde, volle Kreis liegt vor uns; der Dichter baut eine Welt und stellt seine Beleuchtung der der Wirklichkeit gegenüber. Er sieht aus der Perspective des in den Lüften schwebenden Adlers herab. Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet, eine Weltanschauung, neu, eigentümlich, leider polemisch. Tron und Hütte, Markt und Wald sind zusammengerückt. Resultat: Durch diese Behandlung kann die Menschheit aus der Poesie wieder den Glauben und das Vertrauen schöpfen, dass auch die moralisch umgestaltete Erde von einem und demselben geist doch noch könne göttlich regiert werden.

Ein solcher Versuch, die zerstreuten Lichtstrahlen des Lebens in einen Brennpunkt zu sammeln, ist die geschichte, die ich Dir, lieber Leser, hier aufgerollt habe. Sie ist in den Tatsachen und dem sozusagen allegorischen Rahmen nicht neu, aber neu in der Verknüpfung. Kurz konnte sie ihrer natur nach nicht werden, denn um Millionen zu schildern, müssen sich wenigstens hundert Menschen vor Deinen Augen vorüberdrängen. Denke nur immer, dass der Zweck und die Aufgabe so lautet:

Die Missionaire der Freiheit und des Glaubens an die Zeit sind es ihren Gemeinden schuldig, ihnen zu zeigen, wie die ganze Fülle des Lebens von ihrem neuen Lichte beschienen sein kann und wie es sich noch mit den alten Lungen atmen lasse, überall, in jedem Winkel Gottes, den der neue Luftzug der idee, der Pfingstzeit neues Windeswehen bestreicht. Die äussere Welt ist durch Künstlerhand allein nicht zu ändern. Lasst vorläufig unsere Minister und die Soldaten dafür sorgen! Aber die innere Welt, die, welche Jeder in seiner Brust trägt, die kann schon eine umfassende, in allen Höhen und Tiefen des Lebens aus einem Gesichtspunkte betrachtete und eine festbegründete sein. Diese Allseitigkeit war mein Ziel. Ich sage nicht, dass ich ein Panorama unserer Zeit geben wollte. Wer vermöchte Das? Die Aufgabe wäre nicht zu lösen, und anmassend erklänge es, wollte sich ihrer Jemand anheischig machen. Aber ein gutes Stück von dieser unserer alten und neuen Welt sollte aufgerollt werden, eins, gerade gross genug, um ein Menschenleben zu ermuntern, dass es nicht verzage, sondern getrost in dem einen geist der Freiheit und Hoffnung fortwandle und sich die laufenden, tagesüblichen Bedrängnisse der inneren Überzeugung nicht zu sehr verdriessen lasse.

Lass Dich denn also von mir, lieber Leser, in diesen Blättern einspinnen, wie der werdende Schmetterling sich in den Cocon spinnt, wo er Blatt und Baum, auf dem er hülflos kroch, preisgibt und sich wie in dem Vortraum seines neuen Lichtlebens begräbt. Die Kunstrichter mögen richten; die voreilige Kritik mag Dir die Lust nehmen wollen, dem Erzähler zu folgen; achte ihrer nicht und bleibe treu dem Dich einhüllenden Gespinnst, bis dem weitern Verlaufe zu die Hülle bricht, und in anschauender Prüfung meiner Absicht auch Dein Geist mit bunten Hoffnungen und heitern Glaubensschwingen in jene Gemeinschaft der Getreuen und Vesten, der Ritter vom geist, aufsteigt, von deren Schicksalen diese Blätter erzählen. Dresden, am Pfingsttage 1850.

Karl Gutzkow.

Erstes Buch

Erstes Capitel

Das Kreuz und das Kleeblatt

An einem heissen Sommernachmittage sass ein junger Mann, von summenden Käfern umschwärmt, das Haupt auf eine über die Knie ausgebreitete Mappe beugend, vor einer einfachen ländlichen Dorfkirche, um sie zu zeichnen.