aufatmeten und sich gegenseitig das Herz auszuschütten begannen.
Wer hätte erwarten können, begann der Vater, dass dieser junge kräftige Mann von den Anstrengungen seiner Reise so konnte darniedergeworfen werden! Es müssen doch die Reichen und Vornehmen für die Bequemlichkeiten, die ihnen das Leben gewährt, auch wieder viel büssen.
Sollte ihn nicht eher der Kummer ergriffen haben, sagte Selmar, dass er sein Eigentum unter so betrübenden Verhältnissen antritt und fremde Menschen da schalten und walten sieht, wo sein Herz gewiss am liebsten verweilt, an der Grabesstätte seiner Mutter?
Wenn er dir ähnelte, Kind, sagte der Vater, gewiss nicht! Du denkst an den Ocean schon gar nicht mehr zurück und unsere Farm, unsere Rinder, unsere Lämmer, unsere Wiesen und Pflanzungen mit der Trauerweide, die am See den kleinen Hügel beschattet, hast du ganz vergessen!
Ach! sagte der Knabe schmeichelnd, verstell dich nicht, Vater! Ich sehe dir's an, dass auch du nicht mehr daran denkst, nach Amerika zurückzukehren! Der Geist der Mutter ist bei uns. Der lenkt und führt uns und hat uns auch nach Hohenberg begleitet in den Wald, an die Mühle und das rauschende Berggewässer! Wenn ich auch zurückkehren möchte.. ich sag's nicht.. deinetwegen.
Meinetwegen? fragte der Vater mit sinnendem Ernst. Da irrst du!
Ja deinetwegen, fuhr der Knabe fort. Wie bist du gerührt von Allem, was du hier wiedersiehst! Gesteh' es nur, du trugst das Land deiner Jugend im Herzen, wie die heimwehkranke Mutter. Sie sprach nicht davon und du sprachst nicht davon! Beide ertruget ihr die wechselseitig aufgelegte Pflicht, Beide entsagtet ihr Dem, was Euch lieb war, mit schwerem Herzen. Und nun du hier bist, kannst du dich nicht mehr losreissen von diesen Häusern und Plätzen, wo du schon einmal gelebt hast und glücklich warst ....
Glücklich? sagte der Vater ernst und wiederholte mit wehmütiger Erinnerung:
O ja, recht glücklich!
Und du wirst es wieder sein! sagte Selmar. Ich sah es dir an, gleich seit wir in Hohenberg waren, das ich so lieb gewann, weil ich dich zum ersten male wieder nach langer Zeit weinen sah. O Vater, wenn du so trüben Ernst im Auge hegst, wenn es dir so dunkel in den Höhlen sich schattet und sie bleiben trocken und sie erquicken sich nicht mit dem Tau der Tränen, ach dann muss ich statt deiner weinen und möchte Gott bitten, er gäbe dir meine eignen nassen Augen..
Wo weint' ich denn bei Hohenberg? fragte der Vater, fast gleichgültig.
Auf dem Kirchhofe, Vater, sagte Selmar. Wir hatten ja den hässlichen Leuten ihr Geld gezahlt, wir waren im wald bei der alten Hexe gewesen, wollten nun fort und konnten nicht mehr von dem jungen Freunde, den wir gefunden, Abschied nehmen. Da gingen wir noch zum Lebewohl auf den Kirchhof und du lasest über einem grab: kommt zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquikken! Und als du nachsahest, wer dort lag, weintest du ...
Weint' ich? fragte Ackermann.
Ja, Vater! Und so schwer trennt' ich mich von dem grab, rief Selmar, und nun bist du jetzt überall ein Anderer. Du nimmst teil, du bist bewegt, du erzählst, du erinnerst dich von der Stelle da in Plessen an hundert alte Dinge, und wie du gar von dem Jäger am Gelben Hirsch erfuhrst, unser lieber Freund möchte wohl mit dem Prinzen Egon verwandt, es vielleicht gar selber sein, wie du im Heidekrug noch so spät aufstandest um ihn zu sprechen, und ganz verstört und doch beseligt wiederkamst, dass du schnell abreisen musstest, um dich nur zu sammeln und deine Freude zu beherrschen, da muss in dir so viel Glück und Lust der alten Zeit aufgestanden sein, dass du plötzlich wieder Liebe zu Deutschland fasstest und dich entschlossen hast, zu bleiben. Denn, dass du an die Verwaltung der Güter des Prinzen denkst, nur um meine Zukunft zu sichern und wenn diese sich entschieden, mich verlassen und wieder meerwärts ziehen könntest, das glaube' ich nicht, Vater!
Nein, mein Kind, rief Ackermann mit überschwellendem Gefühl und drückte Selmar's bewegte Brust an die seine; nein, wie würde' ich dich je verlassen können! Ich will bleiben. Ich bin es einem Gelübde deiner Mutter auf ihrem Sterbebette schuldig, dich in die Verhältnisse sanft zurückzuführen, denen du angehörst, und wenn ich dich dann verliere, wenn du dann nicht mehr mein bist und eine neue Mutter findest ...
Vater! rief Selmar, wie könnte das je geschehen? Wer kann meine wahre Mutter gewesen sein, als Die, die dich liebte? Dir hat sie mich geboren, dir hat sie mich gegeben für ein ganzes Leben! Die Grossmutter eine neue Mutter für mich? Nein! Willst du zurückkehren, ich folge dir! Um meinetwillen steh' von dem Gedanken ab, den du in deiner Liebe jetzt ausführen willst, dem, deine reichen Erfahrungen und Kenntnisse hier in Europa zu bewähren. War ich es denn, Vater, der dir den Gedanken einflösste, am fuss von Hohenberg zu wohnen und Egon's Eigentum zu verwalten, dies schöne Fürstentum vielleicht vor dem Untergange zu retten?
Nein, mein Kind, sagte Ackermann mit einer besonderen Feierlichkeit; nein, das kam