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war sehr barock. Er sollte den Haushofmeister spielen und stand kaum auf der Stufe des Portiers. Wenn ihn nicht seine drei Töchter gehalten hätten, er würde sich in dieser noblen Stellung nicht haben behaupten können. Diese aber dachten statt seiner, ordneten und regierten statt seiner und sowie er eine an ihn gerichtete Frage nach einem brummischen Räuspern nicht beantworten konnte, rief er eine seiner -oren oder -etten zu hülfe, die Dore, die Flore oder die Lorette und liess den Fall entscheiden ... sie waren alle auf dieselben Dinge abgerichtet und leisteten in jedem das Mögliche.

Seit drei Monaten war Wandstabler nicht aus der Rührung herausgekommen. Seine ohnehin sehr leicht tränenden Augen flossen bei jeder noch so leisen Berührung an die gefährlichen Fragezeichen seines künftigen Schicksals. Der junge Prinz war ihm von früher nur ziemlich flüchtig erinnerlich. Er ahnte, dass er von seinem Leben nicht vielen Vorteil haben würde, wusste aber auch, da er nun heftig erkrankt war, dass mit seinem tod vollends jede Hoffnung schwand. Die Töchter waren nicht minder erschrocken. Den jungen neuen Herrn hatten sie eigentlich kaum noch gesehen, und Anfangs auch noch nicht recht fürchten wollen. Alle weiblichen Dienstboten des Hauses, die unter dem alten Fürsten trotz ihrer eignen grossen Geltung doch immer jung und gefällig sein mussten, waren zwar rasch abgeschafft worden, aber.. Lorette, die Vierundzwanzigjährige, hatte eine schöne Gestalt, eine gewisse Anmut, ja sogar die Dreissigjährige, Dorette Wandstabler, konnte unter gewissen Umständen sich zutrauen, wenn auch keinen Eindruck, doch sich gefällig, angenehm, beliebt zu machen. Frauen fürchten sich vor Männern nie. Und so hofften Flore, Dore, Lore auch hier schon fertig zu werden.. nun aber wurde der Prinz krank und die Ärzte machten die bedenklichsten Mienen.. Sie sprachen vom Nervenfieber.. einer Krankheit mit so tückischen Möglichkeiten.

In der schönen wohnung, die Wandstabler im Parterre rechter Hand inne hatte, sassen Dorette und Lorette am Fenster auf einem Tritt und richteten ihr Auge bald auf die Wägen zweier Ärzte, die vorm haus standen, bald auf einen würdigen hohen, stattlichen Mann, der in Begleitung eines schönen Knaben auf einem Sopha sass und mit ernster, fast trauriger Miene die Bilder an den Wänden musterte.

Es waren dies Ackermann und Selmar.

Sie hatten in der Tat bei Schlurck in aller Frühe einen Besuch gemacht, waren von ihm in das Palais des Prinzen beschieden worden, wo er ihnen auf Akkermann's überraschenden Antrag, die Hohenberg'schen sämmtlichen Güter in Pachtung zu nehmen, Bescheid geben wollte.

Nun sassen sie schon eine Stunde und harrten.. und erfuhren, dass Prinz Egon von einer Reise krank zurückgekehrt war..

Die Ärzte waren am Lager des jungen Prinzen, sie erblickten überall traurige Gesichter, Ackermann sprach nichts und Selmar konnte die Tränen nur mit Mühe unterdrücken.

Zuweilen kam der Haushofmeister Wandstabler in's Zimmer, schüttelte den Kopf, stöhnte und sprach die traurigen Worte:

Es kann ihn Niemand sprechen! Niemand! Aber der Herr Justizrat vielleicht ... Der Herr Justizrat!

Er ging dann an einen kleinen Wandschrank, öffnete ihn, klapperte mit Schlüsseln, die daselbst in aller Ordnung aufgehängt waren, benutzte aber auch regelmässig diese wahrscheinlich zu seinem amt nicht gehörende stete Revision der Schlüssel, um aus einigen Flaschen, die neben den Schlüsseln im Wandschranke standen, sich eine kleine Herzstärkung zu holen. Wenn seine jüngern Töchter nach der ältern Schwester fragten, sagte er, sie wäre oben und höre die Befehle der Ärzte. Dann sah man einen Bedienten mit Recepten eilen.. ein andermal kamen vornehme Lakaien von da und dort und erkundigten sich nach dem Befinden Sr. Durchlaucht ... Es gewährte einen schmerzlichen Anblick.

Ackermann hatte die Mädchen gefragt, wann der Prinz von seiner Reise zurückgekommen wäre?

Gestern Abend; hatte es geheissen.

Und Sie glauben, dass er in Hohenberg war? hatte Ackermann gefragt und ein kurzes Ja! war die Antwort der beiden etwas stolzen Damen gewesen, die sein Anliegen nicht kannten und ihn nur hier duldeten, weil ihnen der Name Schlurck, auf den er sich berief, nach Umständen ein Gespenst des Schreckens war.

Dass bei allem Leide diese Frauen doch immer noch Zeit fanden, zu jedem Vorübergehenden hinauszublikken und nach dem Kettengeländer hin ihre langen Hälse auszustrecken, dass sie überdies geputzter waren, als ihrem stand zukam, missfiel Ackermann genug und die zarte Hand seines in eine schmerzliche Beklommenheit versunkenen Knaben ergreifend, sagte er zu den Mädchen:

Wer weiss, wann der Justizrat kommt! Erlauben Sie wohl, dass wir so lange in den Park gehen, den wir am Palais bemerkt haben? Es wird uns wohltun, dort an der frischen Luft zu warten.

Die Mädchen sahen sich an.

Ist der Pavillon verschlossen? flüsterte die Dore.

Da hängt der Schlüssel! sagte die Lore.

Gehen Sie dann nur! antwortete kalt die Ältere; wenn der Herr Justizrat kommt, werden wir Sie rufen lassen.

Selmar's Vater atmete frei auf, als er die beklemmende Atmosphäre dieses Zimmers hinter sich hatte. Es war gross und geräumig, auch kühl gewesen und doch lag etwas in dem Zimmer, was ihm die Luft verdickte ...

Komm, mein Kind! sagte er draussen und fasste Selmar's Arm, der sich an ihn hing, und wie ein zärtliches Paar schritten sie über die Einfahrt, den etwas düstern Hof, dem Garten zu, wo sie unter den hohen Bäumen