kokettiren und so lange des Tages den Heros der Jugendlichkeit und des galanten Rittertums zu spielen, bis sich Abends wieder der alte Landsknecht in ihm regte und er dem Spiele, dem Glase, ja zuletzt der Bowle verfiel.
Fürst Waldemar hatte eine Eigenschaft, die man eine positive Tugend nennen muss. Er war sehr reinlich. Noch jetzt, drei Monate nach seinem tod, entdeckte man in seinem Palais überall die Spuren dieses einzigen Verschönerungsmittels, das eigentlich unmittelbar aus ihm selber, seiner angeborenen natur, kam. Das war noch der alte Soldat, der die Sauberkeit und "Propreté", wie er's nannte, über Alles schätzte. Er wusste vielleicht selbst nicht einmal, dass er mit diesem schönen Triebe der Reinlichkeit ein ausserordentliches Verjüngungsmittel besass und dadurch in der Tat den Damen gefällig erscheinen konnte. Sein halbweisser, nie gefärbter Bart musste, wie er es nannte, appetitlich sein. Seine Wäsche wurde täglich gewechselt. In dem Seitengemache seines Pavillons hatte er ein Bad eingerichtet, voll Eleganz und Geschmack und nicht bloss zum Staat oder Amüsement seiner Freunde, die die hier aufgehängten indiscreten Bilder und umstehenden kleinen Statuetten belachten, sondern zur wirklichen Stärkung seiner einst gewiss sehr schön gewesenen Gestalt. Noch jetzt zeigten sich alle Spuren dieses Cultus der Reinlichkeit. Für ein so grosses Haus, dem eine weibliche Herrin seit Jahren fehlte, herrschte eine grosse Sauberkeit. Der Staub war überall gekehrt. Alles, was an Stoffen und Farben leicht von der Sonne litt, war verhangen, die Zimmerteppiche wurden noch immer gelüftet und nur sehr dünn war jene Sonnenstaublinie, die sich in jedem halbgeschlossenen, von der Sonne beschienenen Zimmer zeigt. Es war, als wenn noch immer des alten Fürsten Geist hier befehlend waltete, als wenn sich noch Alles beeiferte, seinen in diesem Punkte unversöhnlichen Zorn zu vermeiden.
Die Dienerschaft des Hauses bestand noch jetzt aus einem Portier, drei Bedienten, einem Koch, einem Kutscher, zwei Reitknechten und dem Kastellan oder Haushofmeister, der, wie schon gesagt, Wandstabler hiess. Das Eigentümliche aller dieser Menschen war, dass sie, ausser dem pariser Koch, sämmtlich dem Militairstande angehört hatten. Es waren ehemalige Soldaten, blessirte, brave, gutempfohlene Unteroffiziere, Sergeanten, Feuerwerker, je nach ihrer Waffengattung. Wandstabler war bei denselben Husaren, deren Uniform der Fürst am liebsten trug, Wachtmeister gewesen und hatte ihm im feld die treuesten Dienste geleistet, ja sogar mit Aufopferung des eignen Lebens einmal das seine beschützt. Wandstabler war dadurch zum eigentlichen Chef der ganzen Hausverwaltung des Fürsten allmälig avancirt. Keineswegs durch sein grosses Rechnungstalent oder seine Ordnungsliebe oder seine nüchterne Aufmerksamkeit im Dienste, sondern lediglich durch die Erinnerung an die alten treuen Dienste und, um es nur hinzuzufügen, noch einen Vorschub, den er in seiner eignen Familie besass. Wandstabler hatte drei Töchter, die, von nicht unangenehmem Äussern, Eine die Andere so in Jahren ablösten, dass immer, wenn die Eine verblüht war, die Andre gleichsam an ihrem Stamme frisch aufschoss. Die drei Demoiselles Wandstabler spielten eine sehr einflussreiche Rolle in der Lebensgeschichte des alten Fürsten Waldemar. Sie regierten das Haus und fast Alles, was dem Fürsten nach seiner Überschuldung an eigner freier Disposition übrig blieb. Die drei Demoiselles Wandstabler waren jetzt sechsunddreissig, dreissig und vierundzwanzig Jahre alt, hiessen Florentine, Doris und Laura, wurden aber der Kürze und Harmonie wegen: Florette, Dorette und Lorette genannt, oder wie sie der Fürst nannte: die Flore, die Dore und die Lore. Darin waren sie fast eine einzige person, dass ihnen die ganze ausübende Gewalt der Hohenberg'schen inneren Angelegenheiten gehörte. Wodurch sie diesen Einfluss errangen, wodurch sie ihn behaupteten, ist kein geheimnis. Der Fürst hatte einen Kammerdiener vor der Welt, aber keinen in seinem nähern Bedürfniss. Er hatte nur Bediente, die die äussern gröbern arbeiten verrichteten. Man sagte aber, dass eben die Demoiselles Wandstabler beim alten Fürsten die wahren Kammerdienerdienste verrichteten und dass er ohne sie nicht gehen, stehen, essen, trinken u.s.w. konnte. Jede Handreichung von Morgens in der Frühe den Bädern und dem Frühstück an bis Abends, wenn er von den Spiel- oder Trinkabenden heimkehrte, leisteten weibliche hände unter oberer Leitung der Demoiselles Wandstabler.
Der Fürst ist dahingegangen ... Wir kennen das Folgende ... Sein Erbe scheint eingezogen und wird jetzt als krank gemeldet, krank nach einem kurzen Ausfluge, den er, man ahnte nur wohin, kurz nach seiner Ankunft aus Paris gemacht hatte. Zitterten über ein Dutzend Menschen für ihre Zukunft, als der alte Generalfeldmarschall die Augen schloss, erwarteten sie im bangen Vorgefühl, was ihnen von einem als wunderlich und launenhaft bekannten jungen mann bevorstehen würde, so musste ihnen jetzt, da dieser so plötzlich erkrankte, vollends bange werden über eine Zukunft, die der Fürst beim besten Willen nicht sichern konnte, da er keine Mittel dafür besass. Der alte Wandstabler verlor gleich nach dem tod des Fürsten den schon immer schwachen Kopf. Vormittags nur war er sonst gewohnt, ihn noch einigermassen zu gebrauchen, Nachmittags schlief er und gegen Abend folgte er dem Beispiele seines Herrn und ergab sich allen nur möglichen schlimmen gebrannten Geistern. Er war dick und schwammig, hatte eine fürchterliche Röte im Gesicht und wichste sich seinen martialischen Schnurrbart mit dem besten nur aufzutreibenden ungrischen Firniss. Der Contrast dieser dicken Figur und des schwammigen, schwarzbärtigen, weisshaarigen Kopfes zu dem schwarzen Frack und den kurzen, engen Beinkleidern und weissen Strümpfen, die er tragen musste,