1850_Gutzkow_030_193.txt

setzte sie rasch hinzu, nimm ihm Hut und Stock ab!

Nein, nein, sagte Schlurck fast sich flüchtend, ich muss zu Lippi und griechischen Wein kosten und nachher noch einmal zu den Wildungens, dann zum Prinzen, wohin ich einen gewissen Ackermann bestellt habe, der sich zur Pachtung seiner Güter meldete. Auch die Krankheit der jungen Durchlaucht bekümmert mich ... Er ist denn doch der Sohn des alten Fürsten, dem ich soviel Beweise ...

Und kein Wort der Beruhigung, der Teilnahme, des Dankes für mein Vertrauen? unterbrach Pauline mit allem Aufwand von Liebreiz, dessen ihr Auge und ihre Mundwinkel noch fähig waren.

Schlurck küsste ihr wiederholt die magere Hand und sagte:

Bezaubern Sie mich nicht! Ich bin im geist noch nicht so alt wie im Kirchenbuch steht!

Ah! Frau von Zeisel sollte nur hier sein! Die sollte nur ihre Bitten mit den meinigen vereinen und gewiss, wir würden das harte Herz schon erweichen

Es war viel Anmut in diesen Worten der Geheimrätin.

Schlimme Frau, was sprechen Sie? lächelte Schlurck. In der Tat, man weiss nicht, soll man Sie fürchten oder lieben? Ich will Sie lieben, Frau Geheimrätin! Verlassen Sie sich auf meinen Verstand und beten Sie zu irgend einem der Götter, zu dem Sie das meiste Vertrauen haben, dass es noch Zeit sein möge, bösen und albernen Dingen der Art, wie Sie sie fürchten und wie ich sie selbst niemals habe leiden mögen, mit Klugheit vorzubeugen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Mein Instinct spricht für Ihre Interessen! Heilig und gewiss! Auf Wiedersehen, vielleicht heute' Abend ...

Damit ging Schlurck ...

Nein, ganz gewiss! rief ihm Pauline noch nach, blieb dann eine Weile, um die beengte Brust durch einen tiefen Atemzug zu lösen, stehen, erwiderte nichts mehr auf die besorgten, fragenden Blicke der Ludmer und winkte nur, die halb tonlosen Worte ausstossend:

Er ist fort ... Auf alle Fälle macht man jetzt Toilette!

Damit hob sie den Vorhang ihres Schlafcabinets und schritt aus dem gelben Boudoir durch den Alkoven in das grüne und von diesem in ihr Toiletten- und Garderobezimmer.

Die Ludmer war gleichfalls verstimmt ...

Ihre Nichte hatte ihr ein altes Bettelweib geschickt, um wieder von ihr eine Unterstützung zu begehren ...

Sie hatte zwar draussen nur die einfachen Worte gesagt:

Ich kenne keine Auguste Ludmer, die sich meine Nichte nennt! ...

Sie hatte die Tür dem Bettelweib von der Nase zugeworfen, aber es alterirte sie doch. Sie musste etwas Melissengeist auf Zucker nehmen, um sich von denselben Aufregungen zu erholen, von denen Pauline von Harder sich nur ein wenig durch die Wahl der Toilette erholte, die sie eben machen wollte ....

Als die Ludmer in das Garderobezimmer, wo ihre Herrin und Freundin noch wählte, nachkam, sagte diese nur die einzigen Worte:

Da hast Recht, Charlotte! Vor diesem Schlurck hab' ich heute zum ersten Male ein Grauen empfunden. Es ist mir, als hätt' er über uns Leben und Tod in seiner Hand.

Und das Bild? fragte die Alte.

Hat seine Tochter Melanie durch irgend eine Schlauheit, im Einverständniss mit Egon, meinem Mann abgelistet ...

Diese Kokette! Wie war Das möglich?

.... Das Heranrollen eines Wagens vor dem offnen

Tore des Hauses, die sichere Anfahrt und die Art der Öffnung des Schlagesman hörte das auf's Deutlichste -verriet, dass der Geheimrat angekommen war.

Die Bedienten klopften leise an die Garderobe und berichteten:

Excellenz? Excellenz!

Etwas langsam und bedächtig schallten die Fusstritte, mit denen der zum Beichten beschiedene alte Herr in den ersten Stock aufstieg, den er bewohnte ...

Wir werden ja hören! sagte Pauline ruhiger und entschied sich heute aus Rücksicht auf die zwei schönsten weiblichen Wesen, die man sich nebeneinander denken konnte, Melanie Schlurck und Helene d'Azimont, für einen Stoff von Silbergrau, auf den Abend aber für ein Costüm, das sie seiner malerischen Einfachheit und eines gewissen orientalischen Turbans wegen immer das biblische nannte.

Wir werden gelegenheit haben, diese von Heinrichson ihr entworfene Toilette später genauer zu berichten ...

Von Schlurck aber, den wir zum ersten Male in seinem geschäftlichen Tone kennen lernten, müssen wir gestehen, dass er nicht ganz derselbe war, wie wir ihn beim Kredenzen von Jaquesson und GeldermannDeutz kennen lernten. Vielleicht findet er bei dem Italiener Lippi wieder den gewohnten Gleichmut seiner Stimmung und stärkt sich zu den Geschäften, die ihn in das Hotel des Prinzen Egon rufen, von denen das über Ackermann angedeutete ebensosehr unsere Neugier spannen wird, wie die endliche Aufklärung über die Persönlichkeit der Prinzen Egon, mit dem sich Schlurck, nach Allem, was er über die Rückreise seiner Familie von Hohenberg fast Unglaubliches vernommen hatte, jetzt auf die leichteste Art zu verständigen hoffen durfte.

Viertes Capitel

Die rettende Hand

Das grosse Palais des verstorbenen Fürsten Waldemar von Hohenberg lag im lebhaftesten Teile der Residenz. Der Park und die Gärten, die sich ihm anschlossen, waren von hohen Mauern umgeben und konnten von entgegengesetzten Häuserreihen nicht beobachtet werden. Es standen teils die Bäume des Parkes an den Mauern so hoch, dass sie die inneren Partieen verdeckten, teils lagen in nächster Nähe nur freie Plätze. Das Hauptgebäude selbst war alt und in jenem geschweiften Commodenstil gebaut, der die architektonischen Verzierungen der ausgeschweiften Krümmungen und