und fragte nochmals:
In den Händen Ihrer Tochter?
Sie wissen doch, sagte Schlurck, dass ich eine Tochter habe, die ich Melanie nannte, weil mir der Tonfall dieses Namens Das auszudrücken schien, was sie Gott sei Dank!
zu meiner Freude wirklich geworden ist. Sie schwebt vorurteilsfrei über die Erde hin und hat dazu von den Göttern die entsprechenden leichten Schwingen bekommen. Ich glaube, dass sie einmal der Sonne zu nahe kommen und sich elend verbrennen kann; aber wenn sie stürzt, wird sie nicht auf's Gemeine fallen. Ich liebe sie doppelt, einmal, weil sie mein Kind ist und zweitens, weil sie Verstand hat.
Sie liebt den Prinzen Egon.. Sie wird die Fürstin von Hohenberg! sagte Pauline.
Ich bitte Sie, rief Schlurck, dann nehm' ich mein Wort zurück und erkläre, dass sie keinen Verstand hat – Was glauben Sie? Ich wiederhole nur, was mir Bartusch, mein alter Maulwurf und Spürer, heute früh zugetragen hat. Da mich weit mehr der grosse Process und die Administration beschäftigte, als all diese kleine Romantik; da ich ferner jeden Augenblick zum Prinzen gehen wollte, um über alles Zukünftige klar zu sehen, so hört' ich nur halb und halb auf dies Tuscheln und Flüstern und merkte nur obenhin, dass der Alte von meiner Melanie viel Krauses und Buntes erzählte. Sie hat viel unterwegs gelacht und, wenn ich aufrichtig sein soll, gestern über Niemanden mehr –
Über Niemanden mehr- wiederholte Pauline gespannt. Schon wollte sie sagen: Als über meinen Mann? doch sie besann sich ... der Gedanke des im Möbelwagen eingesperrten Intendanten war ihr denn doch zu demütigend ... Sie wiederholte:
Als über wen?
Nun nannte Schlurck, mit einem wohlangebrachten Handkuss, in aller Delikatesse und mit viel Schelmerei wirklich den Geheimrat ...
Die Gewissheit, dass nun also doch Henning von Harder der Düpe irgend einer von weiblicher Hand im Interesse des Prinzen geleiteten Intrigue gewesen war, lag klar vor den Augen der klugen Frau. So wie sich weibliche Schönheit und Liebenswürdigkeit in die Verknüpfung der ihr so rätselhaften einzelnen Tatsachen mischte, ging sie nicht mehr irr, denn da hatte sie einen sicher leitenden Faden. Vom weiblichen Herzen wissen Frauen immer wohin es zielt und wofür allein es schlägt und wofür allein es etwas wagt. Ebenso klar war ihr aber auch, dass sie sich auf Schlurck jetzt nur noch halb verlassen konnte. Zu blind hatte sich ihr seine Liebe für das einzige Kind zu erkennen gegeben. Prinz Egon und Melanie im Bunde waren, das sah sie, unüberwindlich ... Und da in demselben Augenblicke die Ludmer schon mit einem zartduftenden Antworts – Briefchen von der d'Azimont kam, worin diese schrieb: "Das erste Wort der Freundschaft, das mich hier begrüsst, kommt von Ihnen, Pauline! Von Ihnen! Edles Herz (noble coeur, der Brief war französisch), Edles Herz, ich kann nicht um Eins kommen, aber um sechs ... heute Abend um sechs umarm' ich Sie" – als Pauline diese Zeilen gelesen und von der Ludmer noch leise vernommen hatte, dass all' ihr erneutes Suchen nach dem Bilde vergebens gewesen wäre, entwarf sich ihr in solchen Dingen rasch erfindender Geist einen andern Plan, der so lautete:
Mögen Egon und die d'Azimont stehen, wie sie wollen, so gross sind noch ihre Ansprüche an diesen jungen Mann, dass eine bürgerliche kleine Kokette nicht wagen wird zu ihm aufzublicken, sieht sie erst die vielbewunderte junge Frau, der nach allgemeiner Übereinkunft in der Gesellschaft der wahre Besitz dieser von Melanie gemachten flüchtigen Landstrassen – Eroberung gehört ....
Sie hoffte die d'Azimont noch nach sechs Uhr festzuhalten bis zum Tee, durch sie auf Egon zu wirken, durch sie den Bund zwischen Melanie und Egon zu sprengen. Als einzigen und ausdrücklichen Beweis der Freundschaft verlangte sie jetzt vom Justizrate nur noch, dass er heute' Abend zur nähern Besprechung dieser Angelegenheiten vor dem Tee wiederkäme und zugleich endlich seine bewunderte Tochter Melanie ihr aufführe.
Ich muss den schönen Bösewicht kennen lernen, sagte sie verschmitzt, den Engel, der es gewagt hat, die alten schlummernden Empfindungen des Geheimrats in Aufruhr zu bringen. Ist hier ein komischer Roman im Gange, so soll er unter meinen Augen fortgespielt werden. Ich bin eifersüchtig, ich will Melanie sehen. Verlass' ich mich darauf, dass sie kommt?
Schlurck erwiderte, er wolle versuchen, seine Tochter zu überreden.
Nichts überreden! Sie befehlen! sagte Pauline.
Befehlen? sagte Schlurck und griff verlegen nach seiner Perücke. Nun ja ... wir wollen befehlen.
Und wenn das Bild noch zu retten und nicht in Egon's Händen ist, sagte Pauline, indem sie dem Justizrat lächelnd die Hand hinhielt, wer erhält es?
Der Prinz das Bild, sagte Schlurck; etwaige Contrebande –
Die Denkwürdigkeiten seiner Mutter? ...
Die ... jetzt wurde Schlurck schelmisch ... die trag' ich zum Buchhändler und lasse sie als zweiten teil des Nadasdi drucken.
Mit dieser humoristischen Wendung wollte er zur Tür
Nein! Nein! So entkommen Sie mir nicht! sagte Pauline in wirklicher Angst. Ein klares Wort, keine Galanterie! Kein Humor! Ich bin überhaupt keine Frau für den Humor ....
Haben wir nur erst das Bild! sagte Schlurck drängend.
Justizrat, können Sie mich auf dieser Folter zurücklassen –?
Ludmer,