Stillen, da er wusste, dass Frau von Harder hätte sagen müssen: Fast sechszig Jahre! Ja, ja, die Antecedentien! fuhr er fort. Da setzen sich Grünschnäbel hin, die nichts erlebten, nichts erleben konnten, weil sie jung, oder wenn alt, zu dumm waren und analysiren Lebensläufe! Nein, ich gestehe Ihnen, um diesen Preis wünsch' ich mir die alten Conduitenlisten der Behörden zurück. Die waren doch geheim, selbst die Register der Inquisition, in denen wir Beide vielleicht aufgezeichnet stehen, wir wissen's selbst nicht, selbst die sind mir nicht so zuwider, wie dies öffentliche Gerichtsverfahren über Menschen, die – gelebt haben!
Ah, das war eine Übereinstimmung! Es fehlte nicht viel, dass Pauline den Justizrat umarmt hätte ....
erkennen Sie daraus meine Verlegenheit, sagte sie nach einer freudigen Pause. Amanda von Hohenberg war meine Feindin. Ja! hören Sie! Ich sage Alles! Sie hat Denkwürdigkeiten hinterlassen, in denen, wie sie mir selbst einst schrieb, Gott richten würde. Für diese fanatische person war Gott so sichtbar schon auf Erden, dass ich gewärtigen kann, eine grosse Störung meiner Ruhe zu erleben, wenn diese Denkwürdigkeiten in unberufene hände kommen. Zwei Jahre sind vorüber. Die Memoiren sind nicht da, sie erschienen nicht. Bei Ihnen wurden sie nicht deponirt, bei Niemandem und dennoch sollen sie vorhanden sein. Alle Welt erwartet sie. Die wahnwitzige Trompetta hat den Hof darauf schon vorbereitet. Jedermann ist gespannt. Sie finden sich aber nicht. Ich weiss es, Egon soll sie veröffentlichen. Egon sollte die Einrichtung ihrer Zimmer so treffen, wie sie sie sterbend verlassen hatte. Das Bild! war ihr letztes Wort. Alles ist nun, was sie schrieb, teils verbrannt, teils unter meinem Verschluss. Alles ist da, nur ein Bild nicht, ein Bild, das man in Hohenberg hat stehlen wollen. Alles ist da, nur die Memoiren sind es nicht und dies Bild. Dies Bild also entält die Memoiren. Auf dem Heidekrug ist es entwandt worden. Entweder mit Wissen oder gegen Wissen meines Mannes. Darüber werden wir von ihm selbst bald Aufklärung haben, aber denken Sie sich, wenn Egon diese Denkwürdigkeiten drucken liesse!
Hm! hm! räusperte sich Schlurck. Wenn ich mir's genauer überlege ... das Geplauder einer alten Rivalin, die sich von der Welt zurückzog, weil sie vielleicht keine Verehrer mehr fand ... kann das schaden? Was machen Sie sich aus solchen kleinen Nadelstichen? Verbrechen werden Sie gegen keinen andern Gott begangen haben, als gegen den kleinen Gott der Liebe ... Über die Streiche dieses Kindes lacht man.
Pauline schwieg und sah Schlurck von der Seite mit grossem Mistrauen an, gleichsam um heimlich auszuspähen, ob dies seine wahre Meinung wäre. Als er die Brille wieder aufgesetzt hatte, sagte sie:
Nein! Auch lachen soll man nicht mehr über mich. Ich leide in der Gesellschaft noch zu sehr daran, dass man über Nadasdi lachte. Ein Buch von mir und ein Buch über mich ist ein grosser Unterschied.
Die Bilder der Familie, meine gnädigste Freundin, fuhr Schlurck ruhig fort, die Bilder der Familie Hohenberg sollen an den Prinzen Egon zurück. Sie stehen genau in dem Inventarium verzeichnet, das beim Verkaufe des Mobiliars angefertigt wurde. Ich werde sie vom Geheimrat alle in Anspruch nehmen müssen. Meinen Sie vielleicht ein Bild im Medaillonformat, das Pastellportrait der weiland jungen Fürstin?
Suchen Sie es! sagte Pauline. Dies gerade wird fehlen ....
Schlurck blickte nieder und spielte mit dem leichten Stöckchen, das er in der Hand trug. Er legte den Perlmutterknopf des Stockes bald an die Lippen, bald klopfte er damit auf die Fläche der linken Hand.
Pauline fühlte sich gefoltert.
Sie wissen etwas von dem Bilde -Justizrat? sagte sie.
Und wenn ich etwas davon wüsste? Das Bild ist mein! Es gehört dem Prinzen Egon!
Und Sie wären im stand, es ihm auszuliefern ... auszuliefern, ehe man es untersuchte? Wenn es eine Kapsel entielte, unter der die Denkwürdigkeiten verborgen wären ... Schlurck, würden Sie ihm diese ausliefern? Würden Sie ruhig mit ansehen, dass mein Ruf, meine Ehre, in die hände meiner Feinde käme?
Hm! hm! sagte Schlurck, schwieg dann, wiegte das Stöckchen hin und her und schien zu überlegen, wie er diese Chancen der Aufrichtigkeit einer gefährlichen und einflussreichen Frau mit seinem Vorteil vereinigen sollte. Er ging von dem Grundsatz aus: Gegen schlimme Menschen muss man selber schlimm sein.
Auch Sie sind mein Feind, rief Pauline und sprang bebend vor innerer Erregung auf; ich sehe es, auch Sie!
Nach einer Weile warf sie sich in einen andern Sessel und bedeckte das Antlitz mit beiden Händen.
Schlurck stand auf und zog seine Handschuhe wieder an, als rüstete er sich zum Gehen ...
Wir klagen, sagte er, und jammern über ein Bild! Hätten wir es nur erst! Wissen Sie, wo ich es vermute?
Wo?
In den Händen meiner Tochter.
Schlurck?
In den Händen meiner Tochter.
Sie scherzen ....
Lassen Sie mich diese Vermutung, die sich auf allerhand Plaudereien Bartusch's, die ich fast überhörte, gründete, genauer untersuchen. Ich hoffe, mich so zu benehmen, dass ich Ihnen nicht misfallen werde.
Pauline richtete noch einmal erstaunt den Kopf auf