, um die Geheimrätin nur auf andre Gedanken zu lenken, auffallend bleibt es, dass der Bilderdieb mit dem sogenannten Dankmar Wildungen im Einverständnisse war, denn jener berief sich auf diesen ...
Ein Helfershelfer! Ich wusst' es ja schon! Ein Chaos! Ein Chaos! Es soll diesen Zeisels teuer zu stehen kommen! rief Pauline und zeigte nicht wenig Lust, auch den Justizrat empfinden zu lassen, wie sehr sie sich durch seine Verteidigung anarchischer Zustände verletzt fühle.
Sie ging im Zimmer auf und ab, ignorirte den bei ihrer Aufregung so ruhig bleibenden Besuch und hätte ihm bald verächtlich den rücken gewandt, wenn Schlurck nicht ein Mittel zu finden wusste, sie plötzlich zu zähmen.
Andrerseits bin ich überrascht, fuhr er nämlich mit lauernder Miene fort, wie der wahrscheinliche Prinz Egon soviel mit den Zecks verkehrte.
Die wirkung dieses Namens war erstaunlich. Pauline erblasste. Krampfhaft hielt sie sich an ihrem Schreibtisch fest und richtete starr ihre Augen auf den spitzen blick des Justizrates, der fast gleichgültig und lächelnd, aber tiefforschend hinzufügte:
Überall sah man ihn, auch bei der Ursula Marzahn im wald!
Worin der Stachel dieser neuen Erwähnung nun auch liegen mochte, ob Schlurck auf Dinge anspielte, die er kannte oder nur erforschen wollte, Pauline war fast einer Ohnmacht nahe. Ihre Lippen erblassten. Die Augen übergoss ein eigner verglaster Ausdruck starrer Abwesenheit. Das Weisse trat schreckhaft blendend hervor. Die Hand fuhr über das Bandeau, riss die Schleife auf und warf es zur Seite.
Wie heiss! sagte sie mit bebender Lippe.
Schlurck meinte boshaft:
Und in solcher Hitze trägt man im Sommer diese Verhüllungen? Die Mode! Die Mode! Aber, ich halte Sie auf! Ich habe versprochen, bei Lippi griechischen Wein zu kosten. Ich sehne mich nicht nach dem griechischen Wein, aber nach Lippi's kühlem Keller. Sie haben hier wirklich sehr heiss, Gnädigste. Leben Sie nun wohl, Excellenz!
Damit stand Schlurck auf, um zu gehen.
Aber Pauline rief:
Wo wollen Sie denn hin? Bleiben Sie doch, Justizrat. Ich habe Sie jetzt nötiger, als Sie glauben. Griechischen Wein ... ich führe ihn leider nicht selbst ... aber ein Glas Capwein, Justizrat?
Gnädige Frau, ich danke ... was befehlen Sie noch?
Keinen Befehl, Schlurck! Nur Freundschaft und Teilnahme für ein unglückliches geschöpf, das Vertrauen zu Ihrem Herzen hat und es selbst zu dem ihrigen verdient.
Excellenz –
Ich beschwöre Sie, lassen Sie doch die Förmlichkeiten! Ich verachte ja diese Formen, ich sehe in ihnen das Flüchtigste, das Erbärmlichste von der Welt! Ich fühle Gott sei Dank! mehr inneren Wert in mir, als dass ich mich durch einen äussern unterstützen müsste. Ach! Ich bin von einer Gefahr umgeben, Schlurck, die ich mir vielleicht zu lebhaft ausmale! Aber gegen seine Phantasie kann Niemand etwas. Die hängt vom Blute ab und ich weiss nicht, wie ich es machen soll, dass mein Auge nicht zu schwarz sieht –
Ein Arzt macht Das, sagte Schlurck. Cremortartari wird auch mein armer Zeisel nehmen müssen, wenn der Intendant von ihm den Gefangenen heraushaben will und den guten Mann in Teufels Küche bringt.
Wo denken Sie hin, Schlurck! Wenn ich weiss, dass Sie durchaus diesen Vorfall vergessen möchten ...
Gnädigste, Sie könnten die Güte haben, den Geheimrat zu bestimmen, den Zornausbruch einer gebornen Nutzholz – Dünkerke ...
Ach, scherzen Sie nicht! Schlurck! Das Vergessen! Das Vergessen!
Wenn es nicht mehr ist als diese Angelegenheit!
Meinen innigsten Dank!
Pauline nahm Platz und fuhr in leidender Aufregung, indem sie den Justizrat zum Bleiben nötigte, fort:
Schlurck, ich hatte ein bewegtes Leben, aber ich sehne mich nach Ruhe. Ich mag die alten Aufregungen nicht mehr, ich habe den Mut nicht mehr, gegen das allgemein Gültige zu trotzen. Ich will mein Leben abschliessen, irgend noch einem guten vernünftigen Gedanken nachleben und vom Vergangnen mich lossagen. Aber ich will mich auch ganz lossagen. Ich will keine Erinnerungen in mir und in Andern und durch Andere noch weniger. Sie kennen die Macht der Antecedentien.
Ja, ja, beste Freundin! sagte Schlurck lächelnd über die plötzliche Zähmung der wilden Frau; warum sollt' ich die Antecedentien nicht kennen! Sie sind ja nächst der Cholera die verdammteste Krankheit der Zeit und eine ganz unheilbare! Wir sind die Censur der Schriften los, haben aber dafür die Censur der Sitten bekommen. Mit der Pressfreiheit, die vielleicht ein gesunder Zustand sein kann, ist die Krankheit der Antecedentien gekommen. Und wenn Sie wissen wollen, warum ich mich nicht wählen lassen mag, so ist es auch die Scheu vor einer allzufrechen Analyse meiner Persönlichkeit. Ich bin mir leidlicher Solidität bewusst ....
Aber Sie haben gelebt!
Gelebt! O das ist viel gesagt. Alles, Alles, Frau von Harder!
Ja! Leben! Gelebt haben, Schlurck! Geschleudert gewesen sein hin und her, heute von einem Wahn, morgen von einer leidenschaft, geschleudert nicht immer durch das Schicksal, das uns unverschuldet traf, sondern auch durch das, was wir uns selber zugezogen und bitter bereuen. Wer kann dafür, dass man fast fünfzig Jahre zählt!
Gnädige Frau!
Ja Schlurck, fast fünfzig Jahre! Ich besitze den Heroismus der Wahrheiten, die unleugbar sind.
O Sie sind ein Engel! meinte Schlurck und lächelte im