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alten Tempelhause zu Angerode verloren. Sie sind jetzt gefunden worden. Wo? Wie? Von Wem? weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass Jemand irgendwo im Mondenschein vom Anblick des vierblättrigen Kreuzes so überrascht wurde, dass er ... Genug, die Documente über die Ansprüche der Familie Wildungen sind da und wer sie besitzt, wer sie mit Eifer in Plessen, wo sie verloren gingen, suchte, istsonderbarPrinz Egon!

Pauline hörte voll Aufmerksamkeit zu, schüttelte den Kopf und meinte:

Ich erfuhr schon, dass Prinz Egon auf dem Heidekruge sich Wildungen nannte ....

Dort sah ich ihn ja selbst!

Sie selbst, Justizrat?

Bei meiner neulichen Rückkehr von Hohenberg ...

Wildungen! Wildungen! sagte die Geheimrätin nachdenklich und in ihrem Gedächtnisse forschend ...

Es gibt einen Maler dieses Namens, fuhr Schlurck fort, einen Maler, der einen Bruder hat, Namens Dankmar Wildungen, einen jungen Referendar. Ich schickte heute in aller Frühe, als mir mein Bartusch diese Dinge erzählte, in die wohnung dieser jungen Leute. Man fand sie nicht.

Ich schickte zu Prinz Egon. Er ist abwesend gewesen, gehütet gleichsam von einem gewissen Louis Armand gestern Abends zurückgekommen, elend, krank und hat sich sogleich abgeschlossen und zur Ruhe gelegt. Man vermutet eine hartnäckige Unpässlichkeit, ... Meine Tochter darf kein Wort davon erfahren. Dies wunderliche Mädchen hat einen förmlichen Roman mit dem Prinzen, falls er es war, gespielt, ich glaube sogar, sie hat eine leidenschaft für den jungen Mann gefasst, den ich begierig bin, kennen zu lernen. Ist es der Prinz

Warum sollt' er es nicht sein? rief Pauline bitter. Eine Million wird grade hinreichen seine Verhältnisse wieder herzustellen ...

Sie überstürzen die Dinge, gnädige Frau! Wenn Sie nicht wissen, dass die Burys mit dem alten Geschlecht der Wildungen verwandt sind, so kann von einem solchen Gewinn nicht die Rede sein. Wär' es aber, welche wunderliche Stellung dann für mich, der ich die Sache der Commune verteidige und mich doch auch zu sehenhm! hm! – zu sehen freuen müsste, dass die Schulden des alten Fürsten dann plötzlich getilgt sind ...! Ich will noch einmal in die wohnung der Gebrüder Wildungen und hören, ob es wirklich ein echter oder erborgter Dankmar Wildungen war, der mit den Meinigen reiste. Im letzteren Falle ist Prinz Egon Jemand anderes gewesen ...

Aber wer? fragte Pauline.

Ein junger Handwerker, sagte Schlurck ruhig, der im schloss Hohenberg ein gewisses Bild stehlen wollte ...

Nein! sagte Pauline lebhaft, das ist nicht möglich ...

Warum nicht, gnädige Frau?

Dieser Verdächtige sitzt bis auf weitre Ordrewir haben schon mit dem Obercommissär Pax Rücksprache genommener sitzt im Plessener Turme ...

Und?

Und? Wenn der Prinz sich so compromittirte, dass er sich eine in diesem Grade schimpfliche Behandlung musste gefallen lassen, so konnte er Ihre werte Familie nicht begleiten, konnte nicht die Liebe Ihrer schönen Tochterdie ich nun kennen lernen muss, Justizratgewinnen ... konnte auf dem Heidekruge nicht das Bild ... doch genug! Es kann kein Prinz Egon im Hohenberg'schen Palais krank liegen, wenn der echte die Folgen eines gewagten Incognitos im Plessener Turme büsst.

Sehr scharfsinnig! antwortete Schlurck, zog aber einen Brief aus der Brusttasche hervor und sagte:

In dem Falle tut mir nur Eines leid ...

Sie stocken? Was?

Frau von Zeisel, die mir ihr besonderes Vertrauen schenkt, schreibt mir soeben und im grössten Zorn auf meine Familie. Man hätte sie und ihren Gatten mishandelt, man hätte vor Fremden ihr, einer NutzholzDünkerke, ein Dementi gegeben und was dergleichen Aufwallungen einer in einem kleinen Orte mit ihrem Ehrgeize eingetrockneten, aber sonst ganz charmanten Dame mehr sind. Das Wichtigste ist, dass Herr von Zeisel, wahrscheinlich von dem Zorn seiner in einer Einladung oder Nichteinladung gekränkten Gattin ermutigt, den Gefangenen aus dem Turme längst entlassen hat.

Pauline sprang auf.

Ist Das möglich? rief sie.

Bei Patrimonialrichtern, sagte Schlurck, ist Alles möglich.

Empörend! Dieser Gefangene ...

Dieser Gefangene wäre ja durch nichts Erhebliches gravirt gewesen, schreibt die liebe, etwas polternde, aber wie gesagt charmante Frau. Man hätte sich in Plessen nie lange mit fremdem Gesindel aufgehalten und wie sie denn dergleichen sicherheitspolizeiliche, ganz stichhaltige Gründe mehr anführt, die jedoch wohl zunächst nichts, als eine Rache dafür zu sein scheinen, dass auf dem schloss plötzlich andre Menschen erschienen, die sie verdrängten. Herr von Zeisel greift mit Freuden zu, wo ihm eine gelegenheit geboten wird, mit den Provinzialgerichten ausser Berührung zu bleiben. Also gnädige Frau, dieser Gefangene ist nicht mehr im Turm.

Pauline brach in die heftigsten Verwünschungen und Drohungen aus. Diese Nichtachtung gegen einen so hohen Beamten wie ihren Gemahl, sagte sie, würde dem Justizdirector teuer zu stehen kommen!

Schlurck suchte sie im Interesse der ihm sehr werten Frau von Zeisel zu beschwichtigen. Einem feinen Beobachter konnte kaum entgehen, dass ihn auch vorzugsweise wohl nur diese Angelegenheit hergeführt hatte. Offenbar bereute Herr von Zeisel die schnelle Übereilung eines Entschlusses, den er nur auf Antrieb seiner Frau fasste ...

Pauline nannte nun den ganzen gegenwärtigen Staatszustand anarchisch und war plötzlich wieder so ultrareactionär, dass sie mit Spitzkugeln und Shrapnels dem Universum drohte.

Auffallend! sagte Schlurck