1850_Gutzkow_030_188.txt

alte Stadt, die ist doch so etwas Ehrwürdiges mit ihren drei Schlüsseln im Wappen, und die besten Prediger die sind auf diese Gelder angewiesen und es läutet so schön mit den Glocken, wo diese Prediger wohnen und sie ihre Kirchen haben und die geschichte und die Sage, die webt über das Ganze so einen undurchsichtigen, feierlichen Mattison'schen Nebelschleier, der sich in der stillen Abenddämmerung der Archive an der kundigen Hand des Generals Voland von der Hahnenfeder, der uns durch die Burgverliesse der Jahrhunderte führt, so silbergrau, so patriarchalisch, so mystisch ausnimmt ...

Pauline unterbrach den Justizrat mit lautem lachen. hören Sie auf! rief sie, Sie sind prächtig, Justizrat! Ja, ja! Sie haben Recht! So ist's! So ist's! Von solchen Empfindungen werden wir jetzt regiert. Himmel! Von solchen Motiven werden die wichtigsten politischen Schritte geleitet! Aus dieser Dämmerung webt sich Voland von der Hahnenfeder seine schwache, haltlose Spinnenwebenpolitik! Darum kein energischer Aufschwung! Darum keine Tat! Kein Handschuh, kühn der Zeit hingeworfen! Darum die Unterordnung unter Rom, unter andere alte Fürstengeschlechter, nur weil sie fabelhafte Wappentiere haben und die Tradition der älteren Vergangenheit! O Das ist die romantische Dämmerung, in der die Nachteulen fliegen müssen, die das Schloss besuchen dürfen.

Nicht wahr! sagte Schlurck mit satirischem Lächeln. Was lässt sich dagegen sagen! Solche Anschauungen kommen aus Dem, was die Herrschaften ihren Geist nennen, wie wir wieder die Anschauungen Voltaire's unsern Geist nennen. Aber wissen Sie, welch ein Sonnenstrahl jetzt, wie das Schwert des Erzengels Michael, dies ganze Helldunkel durchschneiden kann? Will man denn doch die Verjährung nicht gestatten, will man sich immer darauf berufen, dass alle funfzig Jahre vom alten Zeitgeist gegen den neuen protestirt wurde, so ist es leicht möglich, dass sich ein dritter Bewerber einfindet, der in dem Augenblicke, wo der Staat zwei Millionen Capital in sein grosses Buch einzutragen die Feder ansetzt, dazwischen tritt und sagt:

Halt da! Halbpart! Dies ganze alte Wesen ist mein Eigentum und Ihr könnt zufrieden sein, wenn ich mich mit der Hälfte noch gar begnüge!

Das ist eine Allegorie! rief Pauline. Wie wäre diese Einrede möglich?

Keine Allegorie! sagte Schlurck, zog seine goldne Dose und nahm eine Prise; ich habe fast Ursache zu vermuten, dass dieser Rival, der sich so zu sagen zwischen Fürst und Volk, alte und neue Zeit drängt ... der Prinz Egon ist.

Wie? rief Pauline und erhob sich. Prinz Egon? Wie kämen die Hohenbergs zu solchen Ansprüchen?

Das ist es eben, sagte Schlurck, was ich erfahren, von Ihnen erfahren möchte, gnädige Frau. Sie sind, Ihre Amaranta beweist es, mit der geschichte der Hohenbergs sehr vertraut. Sie waren einst die Freundin der Fürstin Amanda. Ist von Seiten der Grafen von Bury ein Zusammenhang mit dem alten Tempelhause von Angerode und einem alten Johanniter Hugo von Wildungen denkbar? Was die Hohenbergs selbst anlangt, so kenn' ich deren geschichte genau und kann versichern, dass ich von dieser Seite nicht begreifen könnte, wie sich Prinz Egon an diesem Processe beteiligen sollte.

Prinz, Egon? Haben Sie denn dafür Beweise? fragte Pauline.

Beweise? wiederholte Schlurck. Ich habe vorläufig nur einen Verdacht und ein eigentümliches Corpus delicti, das sich an meine letzte Anwesenheit in Hohenberg knüpft ... Ist Ihr Herr Gemahl zurück?

Seit gestern! Aber reden Sie doch! Erzählen Sie doch! Sie finden mich ja im lebendigsten Anteil, Schlurck!

Der Justizrat zog seine Uhr und hielt sie an's Ohr ....

Wir haben etwas lange philosophirt! sagte er.

Ich bitte! Bitte! Weg mit der Uhr! Es ist schon spät ... Ich habe ... Sie haben nichts, als mein Freund, mein liebenswürdiger Freund zu sein .... Ah, gnädige Frau .... Küssen Sie mir ein andermal die Hand! Nun wohlan denn, so wollen wir uns beeilen, auf das Gebiet der Tatsachen zu kommen. Die Geheimrätin hörte mit lautloser Spannung.

Drittes Capitel

Ein Bündniss

Ein junger Mann, begann Schlurck, der sich Wildungen nannte, erschien vor einigen Tagen am fuss des Schlosses in Hohenberg, um dort einen Gegenstand zu reclamiren, der nichts mehr und nichts weniger als ein Schrein, eine einfache Kiste ist. Er gibt vor, dass ein Fuhrmann, dem er diesen Schrein anvertraute, ihn verlor. Und in der Tat bin ich es selbst, der durch Zufall diesen Schrein gefunden hat. Ich liess ihn, um des Eigentümers sicher zu werden, angezogen von einem merkwürdigen Zeichen auf seinem Deckel, öffnen. Er entält die beglaubigten Ansprüche der Nachkommen einer Familie Wildungen auf gewisse, ihn vom Johanniterorden vor Auflösung des alten Tempelhauses in Angerode, zuerkannte Güter. Diese Güter sind alle die städtischen Besitzungen, die sich jetzt in den Händen unsrer Commune befinden. Ein alter Comtur, Hugo von Wildungen, trat sie nicht an, weil er katolisch blieb und die Plünderung der Verlassenschaft des protestantisch gewordenen Ordens verabscheuen musste. Später erteilte ihm der römische Stuhl einen Dispens. Aus politischen Gründen, um katolische Interessen mitten in protestantischen Landen gefördert zu sehen, durfte er nun den Besitz antreten. Er starb. Die Documente wurden nach Angerode geschickt. Während die Stadt die Verwaltung der demnach der Familie Wildungen gehörenden Besitzungen für sich antrat, gingen die Documente im