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beschreiben lässt. Ich will Ihnen eine Analogie sagen. Wenn ich Caviar esse, den ich sehr liebe, falls er im Ratskeller frisch und hübsch grosskörnig angekommen ist ... wenn ich Caviar esse und der grüne Römer, mit Rüdesheimer gefüllt, steht vor mir und man fängt an zu streiten über Das, was wahrer sei: der Ausspruch eines Weisen oder der eines Narren, so gefällt mir der Narr besser. Ich höre oft feinstilige Autoren verurteilen, weil sie bestechlich waren und mich prickelt mein Caviar und mein Rüdesheimer so, dass ich's laut ausrufe: Bestechlich hin, bestechlich her! Schreibt erst so wie sie! Tischt mir Eure Tugenden in einem Stile auf, der so glänzend ist, wie seine Laster schrieben, und dann möchte' ich manchmal in meine Bibliotek und solchen Schwätzern gleich die ganze Sammlung von zwölf oder zwanzig prächtig eingebundenen Werken dieser angefeindeten Lebemänner an den Kopf werfen! Ich liebe nun den Witz, die Bosheit und die schlagenden Antitesen in der Schreibart, Andere lieben das Bauschige, das Prächtige, das Rauschende, das Stoffene, Andere wieder das Harmlose, Bescheidene, Fromme, Gänseblümige, Veilchene. Aber ...

Sie schildern ja unsere kritische Anarchie, Justizrat! unterbrach Pauline.

Ich schildere unsere ganze Geistesverwirrung. Sie findet sich überall, auf allen Gebieten. Das Wunderliche erscheint den Leuten wunderbar. Das Seltsame ist ihnen die Regel. Das Aparte sogar soll ihnen das Allgemeine sein. Gesinnung! Ich höre nicht gern davon, weil nachgrade das Verlangen danach unbequem wird. Aber diese geistreichen Empfindler nennen die Gesinnung unschön. Warum? Sie erhitzt! Sie spricht viel! Sie zwingt zur Kameraderie! Sie läuft! Sie rennt! Sie träumt, wenn sie vom Zweikammersystem reden soll, nicht über den Humboldt'schen Kosmos, nicht über Goete's Morphologie der Pflanzen, nicht über Dante's Paradies und Hölle ... wie kann man so geistlos sein und von der Zeit, von Tendenzen, von der Gesinnung reden! Verstehen Sie? ....

O ich merke etwas von den "kleinen Cirkeln", sagte Pauline lächelnd.

Nun nehmen Sie einmal unsern Process, fuhr der feine Ironiker fort. Siehe! Da gab es eine Zeit, die da geheissen ward: die mittlere. Und siehe! Da gab es eine Ritterschaft, die da geheissen ward: die geistliche. Die Einen trugen einen weissen Mantel mit rotem Kreuz und hiessen Templer, und die Andern trugen einen schwarzen Mantel mit weissem Kreuz und hiessen Johanniter. Beide erwarben Schätze, beide legten Comtureien und sozusagen Relais für die Kreuzzüge an, Stationen, wo nur Tapferkeit, dummer Glaube, alter Wein und baares Geld zu finden war. Man kaufte Güter, baute Burgen, baute Häuser in den Städten und wusste mit dem Schwerte Das gewaltsam einzutreiben, was nicht mit dem Klingelbeutel von selber kam. Diese Ritter waren halb Soldaten, halb Mönche. Sie können sich denken, welches übermütige Volk! Die Fürsten ertrugen's auch nicht gar lange und verbrannten und verbannten die Templer, die schon die üppigsten von Allen waren, wie Sie in der Oper sehen können, wenn sie einmal (der Templer und die Jüdin) wieder gegeben wird. Die Johanniter duckten sich und hielten sich länger ... Das schadet aber Alles nichts. In den Gemütern, die, wie schon gesagt, das Bauschige, Prächtige, Rauschende, Stoffene lieben, bleiben diese Gestalten der Vorzeit ehrwürdig. Und nun kommt die Reformation, dieses in gewissen Kreisen so wenig geachtete Lichtexperiment, das wie unsere neue Gasbeleuchtung dem Einen nicht hell genug, dem Andern viel zu hell erscheint für's Sehen und Gesehen werdenin Diebsprocessen kommen darüber Beschwerden vorund die reichen Güter dieser Orden fallen da und dortin, wer sie gerade in der grossen Flut der Religionskriege und Säcularisationen auffischt. Hier unsere Stadt fischte sich siebzehn Häuser, darunter das spätere Wohnhaus der Marschalks, das Sie näher angeht, die Grundgerechtigkeit von Tempelheide und eine Menge anderer Grundrechte, die alle einst dem Johanniterhof von Angerode gehört hatten. Und Das ging so vom Jahre 1550 bis in Zwischenräumen von immer funfzig, sechzig Jahren, wo der erstarkenden Souverainetät unserer alten allmälig avancirenden Markgrafen einfiel, dass herrenloses Gut doch wohl eigentlich den Landesherren und nicht den Stadtgemeinden gehöre. Jetzt, wo man Geld braucht und unsere Communen, die sich gern, wie man zu sagen pflegt, volkstümlich gebehrden, empfinden lassen möchte, dass sie kein Staat im staat sind, jetzt hat unser wühlerischer Finanzminister auch diesen alten Posten wieder aufgewühlt und verlangt eine Wiederaufnahme dieses alten Handels und zwar mit einer solchen Energie, wie der preussische Friedrich den alten schlesischen Process dadurch revidirte, dass er Schlesien ohne Weiteres gleich in die tasche steckte.

Ist denn der Betrag erheblich? fragte Pauline.

Doch! sagte Schlurck. Es beläuft sich der jährliche Ertrag dieser alten Gefälle an die Stadtkämmerei auf achtzigtausend Taler, woraus sich ein Capital von zwei Millionen ergeben würde ...

Und dies sollten die kleinen Cirkel dem staat nicht gönnen? erwiderte Pauline erstaunt.

Gönnen? wiederholte Schlurck. Das wohl! Aber nun denken Sie sich, über den siebzehn Häusern, von denen nur zwei in der Brandgasse noch die alten in ganz alter Form sind, tront als Wahrzeichen das Kreuz, das Kreuz mit seinen ritterlichen Erinnerungen, in Tempelheide hat die alte Kirche das Kreuz, Tempelheide ... Heidentempel ... Christentempel ... Tempelchristen ... und die