heute mit mir rechnen? fragte Pauline, um Zeit zu gewinnen, alle ihre fragen sich erst vorsichtig zurecht zu legen.
Nein, meine Gnädige, erwiderte Schlurck, ich komme nur, um mein Bedauern auszusprechen, dass es mir nicht gelingen wird, die mir vom Reubunde zugedachte Rolle zu spielen. Wollen Sie mich an ein anderes Wahlgebiet verweisen, in der Vorversammlung zu Helldorf ist meine Bewerbung durchgefallen. Mein eigener Lobredner, Justus, der Dorftartüffe, der grosse Mirabeau der gemässigten Dummheit, wird die meisten Stimmen davontragen.
Wahlen sind immer interessant, wie auch für Die, die nicht in der Lotterie spielen, die Nachricht von grossen da- oder dortin gefallenen Gewinnen unterhaltend bleibt.
Pauline sprach ihr Bedauern aus und verhiess, anderweitig sorgen zu wollen.
Nein, sagte Schlurck, ich bitte! Lassen Sie mich lieber ganz davon, gnädige Frau! Ich passe in diesen Wirrwarr nicht. Meine Geschäfte wachsen mir über den Kopf, ich müsste sie so vernachlässigen, dass ich in meiner Praxis zurückkäme. Was hülfe mir ein Portefeuille, das ich vier Wochen lang verwaltete? Ehe ich mich noch in der Ministerstrasse eingerichtet hätte, müsst' ich schon wieder ausziehen und einen Ärger hätt' ich vielleicht davon, so empfindlich, dass ich meine Verdauung schwächte. Ich werde recht difficil mit meinem Magen.
Aber wenn Sie sich nun behaupteten, Justizrat! Wenn Sie eine Partei bildeten!
Behaupten kann ich mich schon deshalb nicht, weil ich zu leise spreche, und von Parteibildung ist noch weniger die Rede, da ich zu sehr advokat bin, um nicht jede Ansicht, die uns Vorteil bringt, vernünftig zu finden. Was soll ich für eine Partei bilden? Die der äussersten Austernesser wäre mir die liebste, und auch bei denen gibt es nicht immer einerlei Meinung. Die Einen ziehen die Austern mit Porter, die Andern mit Rheinwein vor und schon über die obligate Anwendung der Citrone hab' ich mich mit mehren meiner Collegen zuweilen überworfen. Nein, nein, keine Politik mehr! Ich habe Fälle erlebt, dass einige meiner Austernfreunde, die sich wählen liessen, plötzlich Gesinnung bekamen. Denken Sie sich, friedliche, ruhige Menschen, die nichts in der Welt mehr kümmert, als dass der Kanzleidiener richtig jedes Quartal ihre Gage bringt, diese kommen plötzlich in Unruhe, weil zweifelhafte Fälle ihr Gewissen beängstigen. Sie erinnern sich dann, dass sie einmal von einem gewissen Papinian auf der Universität gehört hatten, der lieber den Kopf verlieren, als eine ungerechte Sentenz fällen wollte, und wirklich, meine Freunde verloren den Kopf. Das Gewissen, die aufgerüttelte alte akademische Erinnerung guillotinirte sie. Sie hörten von zwei Parteien, sassen mitten drinnen zwischen Baum und Borke, das Beispiel steckt an, die Wähler drohen auch, was macht nun so ein unglücklicher Appellationsgerichtsrat mit Weib, Kindern und seinen alten Collegienheften? Immer schwebt ihm der kopflose Papinian vor Augen und richtig, er legt sich auch auf den Block, stimmt glorreich, wie es die feierlichen Momente, wo Jahrhunderte auf dich herabsehen, edler Staatsbürger, mit sich bringen und ist für ewige zeiten – geliefert! Ich habe die harmlosesten Menschen aus dem Austernclub verschwinden sehen, denen jetzt kaum etwas Anderes übrig bleibt, als sich einen Hut mit roten Federn und eine Büchse zu kaufen, um auf Leben und Tod unter die Freischärler zu gehen.
Pauline lachte und erwähnte einige Namen, denen es freilich so ergangen war ... andere, die sich durch die schamloseste Reue im Reubunde wieder zu rehabilitiren suchten.
Nein, fuhr der Justizrat fort, keine Politik! Ich habe wirklich zuviel in meinem nächsten Beruf zu tun. Das häuft sich unglaublich. Prinz Egon ist nun zurück und die grosse Hohenbergische Auseinandersetzung nimmt ihren Anfang. Auch dem Process, den ich für die Commune führe, Sie sind selbst daran beteiligt, droht plötzlich eine ganz neue Wendung ...
Ja! fragte Pauline, wie steht es damit? Siegt das Kreuz mit den drei oder mit den vier Blättern? Bei hof wird viel davon gesprochen.
Ich wünschte, sagte der Justizrat und rückte dabei die Brille auf dem Augenknochen zurecht, ich wünschte, wir wären mit dieser Sache über allen und jeden Klee hinweg, den drei- und den vierblättrigen; den Luzerner Jesuitenklee, den ich dabei wittre, gar nicht zu rechnen. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass sich zu den beiden streitenden Parteien auch noch eine dritte gesellt ...
Eine dritte? Wie wäre Das? fragte Pauline gespannt. O reden Sie!
Lassen Sie mich noch davon schweigen, meine Gnädigste, erwiderte Schlurck; nur soviel ahn' ich, dass die Verwickelung den höchsten Grad erreichen kann, so sehr, dass ich zwischen zwei Feuer gerate und diesen ganzen Gegenstand in andere hände geben muss.
Sie spannen meine Neugier! sagte Pauline.
Als Schlurck aber schwieg, fuhr sie fort:
Sie wissen doch, dass der Hof an diesem Process Interesse nimmt? So geben Sie mir auch Materialien, auf den alten Grafen Franken oder meinen Mann oder sonst einen Kanal dort wirken zu können!
Es ist merkwürdig, antwortete Schlurck, dass die Minister für eine Entscheidung kämpfen, die den kleinen Cirkeln gar nicht lieb wäre.
Verstehen Sie diesen Widerspruch?
Ich glaube' ihn zu verstehen, sagte der Justizrat und schüttelte den Kopf.
So klären Sie mich darüber auf!
Meine Gnädige, sagte Schlurck, wir leben im Zeitalter der Confusionen. Was der Körper begehrt, darüber scheint unser Jahrhundert einig zu