höchst angenehmes Erstaunen.
Von der d'Azimont! rief sie. Ist es möglich? Aus Paris?
d'Azimont? kommt der Graf zurück? fragte die Ludmer gedehnt und gedachte dabei im Nu der Möglichkeit neuer Störungen des sittlichen Verhaltens, das Pauline dem hof gegenüber behaupten wollte.
Pauline durchflog das Billet in gespanntester Aufmerksamkeit und liess während des Lesens die Worte hinfallen:
Nein – der Graf nicht – von ihr – Was? – krank – Wer? Prinz Egon ist krank? – Der arme – sie hat sich brouillirt – mit dem Grafen? – Nein, mit Egon auch? O! -Sieh! Sieh! – Sie ist rasend – sie verzweifelt – sie wird abreisen? – sie kommt von Paris – Nein, was les' ich denn! Sie ist schon da! Himmel der Brief ist ja von hier –
Die d'Azimont ist hier? fragte die Ludmer.
Die d'Azimont! Helene d'Azimont, Egon's Geliebte! Hier?
Sie war dir immer zugetan ... aber ....
Indem fuhr ein Wagen vor. Ohne Zweifel schon der angekündigte Besuch des Justizrates ...
Unterhalte dich eine Weile mit Schlurck, sagte Pauline rasch, legte das empfangene Billet zurecht und setzte sich zu einer Antwort hin. Schlurck soll nicht gehen, hörst du? Der Bediente der d'Azimont soll warten. Ernst soll sich erkundigen, ob Prinz Egon wirklich wieder sichtbar, wirklich krank ist und seit wie lange? Ich vermute, er verleugnet sich nur der Armen wegen, mit der er brechen will, der alberne Sohn einer albernen Mutter – Franz soll auf's Hofamt sagen, dass ich den Geheimrat um drei Uhr zu sprechen wünsche – wir essen um vier ... Um acht heute Gesellschaft ... Wenn Schlurck fort ist, mach' ich Toilette ....
Die Ludmer ging gehorsam nach vorn in's Empfangzimmer und brummte lachend vor sich etwas hin, als wollte sie sagen:
Nun ist ja Alles wieder im besten Zug!
Und in der Tat schien es wirklich zu gehen. Da war ja mit einem Male Alles wieder wie es sein sollte. Menschen, Briefe, Neuigkeiten, Situationen ... Alles, was Pauline haben musste, um leben zu können.
Mit rascher Hand warf sie auf ein zierliches Blatt die Worte:
"Tausendmal gegrüsst, liebenswürdige Freundin! Engel, wie schön, dass Sie da sind! Zittern Sie doch nicht um Ergon! Wenn er seiner Mutter gleicht, ist er sanft und wenn er dem Vater gleicht, nur leichtsinnig! Kommen Sie an mein Herz! Haben Sie Tränen zu weinen, in meiner Brust ist eine Stelle, wo Tränen nicht entweiht werden! Kommen Sie! Kommen Sie! Um Eins! Toute à Vous! Um Eins, oder um sechs, wie Helene will! Ach Helene, wie lieb' ich Sie! Nein dass Sie da sind! Wie überraschend! Wie Helenisch! Willkommen! Willkommen!"
Rasch gesiegelt, geklingelt, abgegeben. Den Kopf geordnet, das Bandeau über das Haar gezogen, die langen spitzenbesetzten Zipfel noch einmal zu einer schönen Schleife geknüpft, die Falten der Morgenrobe geglättet, ein Batisttuch in die Hand genommen, noch ein blick in den Spiegel und dann nach vorn geschwebt, durch das Schlafkabinet aus dem Zimmer Grün in Grün in das Zimmer Gelb in Blau. Die Tür geöffnet ... alle unmutigen Mienen verschmolzen in holdseligstes Lächeln –
Schlurck trat ein ...
Zweites Capitel
Was ist Romantik?
Die Ludmer hatte sich entfernt, um noch einmal den Versuch zu machen, ob sich nicht unter den Gerätschaften, die von Hohenberg gekommen waren, doch noch das fehlende Bild fände.
Sie hatte bei ihrer Gebieterin zu oft erlebt, dass diese im stürmischen Eifer ihres Temperamentes etwas zu vermissen glaubte, was sich später doch so vorfand, ganz wie es sein sollte ....
Wir überlassen sie ihrer, im heutigen Falle fruchtlosen Arbeit.
Die Geheimrätin und Schlurck sassen sich indessen schon auf bequemen Polstern gegenüber.
Der Schimmer der gelben Decorirung tat seine wirkung. Pauline erschien frischer, als sie heute schon hätte in Folge der gewaltigen Aufregung aussehen können.
Wenn man glauben wollte, diese beiden Naturen, die von Ehrgeiz zernagte Pauline und der ruhige Epikuräer, hätten füreinander so gepasst, wie Pauline glaubte, würde man irren. Sie verstanden sich gegenseitig, aber sie gaben keinen gleichen Accord. Sie schätzten sich, ohne sich zu lieben. Schlurck war dies Feuer denn doch zu zehrend, Paulinen sein Phlegma denn doch zu lähmend. Sie hätte immer stürmen, drängen, wirken mögen, er lächelte nur und glossirte. Er arbeitete nur, um die Mittel zum Genuss zu haben, den sie verschmähte, deshalb vielleicht verschmähte, weil sie ihn besass, ohne ihn erwerben zu müssen.
Schlurck führte auch ihre sehr günstigen alten Ried'-schen Finanzen, die von denen des minder begüterten Gemahls gesondert verwaltet wurden.
Des Jahres zwei- oder dreimal gab er ihr eine Übersicht ihrer Einnahmen und gern hörte sie ihm zu, auch wenn er dann gelegentlich von andern Dingen sprach.
Heute nun erklärte Pauline sogleich, über Vieles mit ihm Rücksprache nehmen zu müssen und Schlurck, lächelnd seine Brille abnehmend und die Gläser mit dem einen seiner gelben Glacéehandschuhe, den er auszog, putzend, antwortete:
Ich habe zwar nicht viel Zeit, indessen fangen Sie an! Sie verstehen zu fesseln.
Wollen Sie