er in Rührung, als du ihm sagtest: Die Königin misbilligt die Handlungsweise des Ministeriums und bietet Alles auf, der Commune ihre alten Schätze zu erhalten!
Kind! Er lachte darüber! sagte die Geheimrätin. Er lachte über die Geistesrichtung des Hofes, dass dieser sogar gegen seinen eignen Vorteil gestimmt ist, wenn es sich um eine mittelalterliche Träumerei handelt. Du sprichst von meinem Einflusse! Soll Das Spott sein? Anna! Anna! Meine Schwester! Das ist die Quelle, zu der Schlurck Zugang finden müsste! Anna wird entscheiden können ....
Warum Anna?
Durch unsern Schwiegervater! Das Obertribunal wird in letzter Instanz Recht geben und behalten. Wer weiss, ob das dringende Verlangen des Hofes, Annen's Bekanntschaft zu machen, nicht mit jenem Process zusammenhängt!
Nimmermehr, sagte die Ludmer, die sich auf die Länge immer mehr als eine kluge, praktische Frau zu erkennen gab, nimmermehr, Herz! Solche Einwirkungen können wohl den Untergeordneten einfallen, aber die Oberhofmeisterin, die Altenwyl, denkt an solche Pläne nicht. Man schätzt Anna, weil sie für anspruchslos gilt und sich ganz und ausschliesslich der Pflege eines ehrwürdigen Alten widmet. Auch treibt sie alte Musik. Das ist allein schon hinreichend, ihr ein Lüstre zu geben, wie man's nun oben einmal liebt. Rechnet man noch die Neugier hinzu, eine Frau kennen zu lernen, die von dir so verschieden sein soll, so ist Alles beisammen, was dort für sie spricht. An den Process denkt Niemand. Pax meint Das auch.
Ich will es glauben, sagte Pauline, was Anna's Beziehung zum Papa anlangt. Allein der Gegenstand, um den mich Schlurck neuerdings besucht, ist dem hof wirklich sehr wichtig. Er wird viel besprochen und auf die Lösung ist man allgemein gespannt. Und so wunderlich ist dabei die Stellung der kleinen Cirkel zum Ministerium, dass beide ganz verschiedene Zwecke verfolgen. Die Ministerien wollen die alte Erbschaft für den Staat und die kleinen Cirkel sind dafür, dass sie der Stadt verbleibt. Das wissen sehr Wenige und Keiner wird es begreifen, der sich nicht in die natur dieser träumerischen Menschen oben hineingefühlt hat. Und sind wir doch selbst an der Entscheidung beteiligt? Unser altes Familienhaus in der Stadt ist ein Johanniterlehn. Jahrhunderte lang zahlten die Marschalks eine sehr geringe Abgabe an die Stadt, der die Rechte und Besitzungen übertragen wurden, als die alten Ritterorden protestantisch wurden und ihre grossen Güter auseinanderfielen an den ersten Besten, der in zeiten allgemeiner Verwirrung von ihnen Vorteil zog und Besitz zu ergreifen verstand. Wenn wir nun vom staat abhängig werden, würde der Zins ohne Zweifel erhöht. So geringfügig dieser Grund sein mag, der auch uns sollte wünschen lassen, die Sache bliebe beim Alten, so habe ich doch dadurch ein geeignetes Mittel, den intimsten Wünschen der eigentlich einflussreichen und das Ganze regierenden Partei entgegenzukommen, und es ist wiederum eine unbegreifliche Vernachlässigung Schlurck's, dass er mir so lange auch nicht über den gang dieser Angelegenheit berichtet hat.
Lange wogte so das Chaos von vielen ungewissen und quälenden Stimmungen und Betrachtungen in der ehrgeizigen, tatendürstenden Frau auf und ab. Was war da nicht Alles, das schattenhaft vor ihr auf – und niedergaukelte! Liebe, Hass, Streit, Friede, Staat, Familie, die Welt, ihr Haus, ihr Herz .... Alles war in Aufregung und keine idee war da, die ihr als Stütze und Anlehnung in dieser Verwirrung hätte dienen können.
Sie warf einen Rückblick auf die Vergangenheit ....
Ach! sagte sie; wo sind die Männer, die uns einst zur Seite standen?
Lass' Das! rief Charlotte Ludmer. Sieh, da geht der Commissionair des Hotel garni am Paradeplatz ... er kommt zu uns ....
Ich will nichts wissen von der Gegenwart, sagte Pauline. O diese Vergangenheit! Diese kraftvollen arme, die uns einst emporhielten über diese schaale Welt ....
Ein Bedienter geht über den Hof und bringt eine Karte, sagte die Ludmer, die von dem grünen Zimmer zuweilen in das gelbe schritt ....
Erst dieser Ried, mein erster Mann! Ich war jung, kindisch. Ich nahm einen reichen Finanzier. Er war alt, dick, unausstehlich, aber in seiner Weise anerkennenswert, unternehmend, speculativ. Dann Anton.. auch Eduard ... aber Heinrich Rodewald! Welch ein Heros! Welcher Titan an Grösse des Geistes! .... Mit seiner Untreue brach meine Kraft.
Du wirst in den Blättern deines Lebens nachschlagen, sagte die Ludmer spottend, bis du auf Zeck kommst ....
Charlotte!
Denselben Zeck, den Schlurck schon einige Male in deiner Gegenwart so zweideutig genannt hat!
Schlurck? Es ist wahr ...
Wenn Schlurck die Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda längst besässe!
Charlotte!
Eben wollte die Ludmer sagen: Warum vermeidet dich seit einiger Zeit der Justizrat? als der Bediente Ernst eintrat und zwei eben abgegebene Gegenstände brachte, eine Karte und einen Brief.
Auf der Karte stand: Justizrat Schlurck wird sich die Ehre geben, binnen einer Viertelstunde, wenn erlaubt, aufzuwarten ...
Triumphirend blickte die Geheimrätin, die viel Neigung für Schlurck's philosophische Weltanschauung hatte, auf die "auch gar zu kluge", wie sie sie öfters nannte, geheime Vertraute.
Und als sie vollends den vom Commissionair gebrachten Brief entgegengenommen und die Aufschrift gelesen hatte, geriet sie in ein