Nun, die Äugelchen hat wohl an dem Abend das fräulein wach gehalten.
Das fräulein –?
Einem solchen Verrate, der aus einer recht bösen Lust zu schaden hervorging, aus einer absichtlichen Reizung zum Unfrieden, mussten denn freilich jetzt die umständlichsten Geständnisse folgen ...
Welches fräulein? Demoiselle Melanie? Melanie Schlurck? Wie war Das? Was sah man? Was hörte man? ...
Wir lassen nun einen Vorhang fallen über die fernere entwicklung dieser häuslichen Angeberei, die zu den allerdings wiederkehrenden täglichen Erscheinungen grosser Häuser gehört, zugleich aber zu den widerlichsten Belegen raffinirter Entsittlichung.
Die Diener wurden mit dem Bemerken entlassen, dass sie zwar für die Vernachlässigung ihrer Pflichten auf dem Heidekrug Strafe verdient hätten, indessen wolle man in Anbetracht ihrer sonst aufrichtigen Geständnisse Gnade für Recht ergehen lassen und nur diese Bedingung noch ihnen ernstlich einschärfen, dass sie die Mitwissenschaft der Frauen ihrem Herrn zu verschweigen und sich überhaupt im ferneren Verlauf dieser Dinge zu erinnern hätten, von wem ihr längeres Verweilen in einem so guten Dienste, mit dem gewöhnlich eine künftige Staatsanstellung als Kastellan eines königlichen Schlosses verbunden war, abhinge, ob von Excellenz dem Geheimrat oder Excellenz der Geheimrätin ...
Die Diener gingen leise und erleichtert.
Pauline winkte der Ludmer und schlüpfte über einen kleinen Verbindungsgang aus dem Gartensalon in ihre Zimmer.
Diese lagen je nach ihrer Stimmung nach vorn oder hinten.
In dem Zimmer nach vorn empfing sie nähere Bekannte, in dem, das nach hinten lag, dachte und grübelte sie; beide waren durch ihr Schlafzimmer, einen nach beiden Seiten hin offenen Alkoven, getrennt.
Das vordere Boudoir war ungemein geschmackvoll und auch ganz so eingerichtet, als wenn sie immer in ihm verweilte. Ein Schreibtisch von Jacarandenholz, sehr zierlich gearbeitet und mit den reichsten Schnitzereien eingefasst, trug alle jene kleinen Gerätschaften, Briefbeschwerer, Siegel, Statuetten, Visitenkartenhalter, wie man sie bei einer so gewählten Einrichtung anzutreffen pflegt. Alles lag hier zierlich und wohlgeordnet nebeneinander. Das Zimmer war hellblau. Die Sessel alle mit gelbem Plüsch überzogen. Auch die Vorhänge fielen gelb von den im Sommer sonnengeplagten Fenstern herab. Hier sah man eine Bibliotek mit kostbaren Einbänden, eine Etagère mit den "Souvenirs" und Geschenken einer ziemlich langen Lebensperiode, dazwischen Blumen, jedoch nur geruchlose, des Schlafzimmers wegen, das durch einen schweren auch gelbseidnen Vorhang von diesem Zimmer getrennt war.
Das Schlafzimmer hatte kein eigenes Fenster und wurde nur durch die Fenster der beiden Zimmer, die es verbanden, gelüftet. Das Bett war einfach und verriet in seiner geringen Aufladung einen abgehärteten fast männlichen Sinn. Das war kein Bett zum süssen Träumen, sondern zum wirklichen Ausruhen von ernstem Wachen!
Ebenso war das zweite vertrautere Boudoir, das nach hinten hinausging zu dem Winkel, den im Garten der vorgeschobene Anbau des Gartensalons und das Frontgebäude bildeten, sichtlich nicht zum blossen staat bestimmt. Hier lebte Pauline wie sie war. Zur Rechten lag der Eingang in eine grosse Garderobe, wo in Schränken rings an allen Wänden ihre Kleider hingen. In diesem zweiten Boudoir war Alles grün. Auch der Vorhang, der nach dieser Seite das Schlafzimmer trennte, war grün, von einfacher Seide. Hier lagen Bücher und Schriften wild durcheinander, Papiere zerrissen im Papierkorbe, Siegel und Siegelwachs in reichster Anzahl und von wirklichem Gebrauche zeugend. Im blauen Zimmer mit den gelben Vorhängen sah man wohl auch Spuren von Tätigkeit, auch einen Papierkorb, auch Siegelwachs und Petschafte, aber Alles zierlich, lieblich, graziös, wie für den Gebrauch eines Elfen, einer Sylphide bestimmt. Im hellgrünen Zimmer mit den dunkelgrünen Vorhängen und Möbeln dagegen traf man das wirkliche Leben ihrer starkgeistigen Bewohnerin. Da waren Schubfächer mit geheimen Druckern, Schränke, festverschlossen, und Polster, die wirklich zerlegen und zersessen waren. Hier war Pauline wahr. In dem Vorderboudoir gab sie einen gefälligen Schein. Wohnlich und traulich war es dort ... Man musste glauben, in ihre geheimste innere Werkstatt zu kommen, wenn man durch eine lange Reihe Gemächer endlich durch den allgemeinen Empfangsalon bis in jenes blaue Zimmer gelangte. Da war Alles fesselnd und sinnvoll, gemütlich und beziehungsreich. Man musste die sinnige Frau, den still waltenden Geist bewundern, der hier wirkte und schaffte und sich mit dem bescheidenen, anspruchlosen Bett begnügte. Aber ... Pauline wohnte nicht hier. Sie wohnte in dem Zimmer Grün in Grün mit düstren Vorhängen, schattig und dunkel und in hundert Spuren die Wildheit ihres inneren verratend. Hätte sie noch so lieben können, wie sie einst liebte und Niemanden leidenschaftlicher, als jenen Heinrich Rodewald, sie würde auch diesen Raum zu einem Tempel der Liebe erweitert und verschönert haben ... Jetzt trug er keine Spuren mehr davon. Mit ihrer letzten längern "Liaison", dem französischen Attaché Grafen d'Azimont, hatte sie diesen sie ganz allein erfüllenden Anregungen ihres inneren Lebewohl! gesagt und sich überhaupt, in Rücksicht auf die kleinen Cirkel, einer musterhaften Aufführung befleissigt. Man muss gestehen, dass sie Ursache hatte, endlich etwas zu finden, was sie ganz erfüllte. Sie hatte zu Vielem entsagt, um nicht Ansprüche auf die stärkste und umfassendste Befriedigung ihrer nach Tätigkeit schmachtenden Seele zu haben. Das verhältnis zu dem Maler Heinrichson war jetzt ein letzter sanfter Abendschimmer der Vergangenheit. Dieser junge, schöne, elegante Salonmaler besuchte sie täglich, aber sie gefiel sich darin, vor der Welt die Miene anzunehmen, als wenn er in ihr, der bald Sechzigjährigen, nur eine Mutter besässe, eine ältere, ratende, anregende