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Was ist? sagte die Ludmer.

Ernst wandte sich nun wie verschämt um, und meinte ganz einfach:

Es ist eine curiose geschichte!

Diese Einleitung genügte vollkommen, spannte aber auch die Neugier der Frauen auf's Höchste.

Geheimrat waren wirklich mit uns gefahren auf dem Transportwagen, sagte Ernst schlau; wir hatten ihn nur nicht gesehen.

Nicht gesehen? fragte die Ludmer und ihre Gebieterin ergänzte mit ganz gewöhnlicher auf die Würde des Intendanten nicht Rücksicht nehmender Phraseologie:

Wo steckte er denn?

Drin im Wagen, sagte Ernst und platzte mit längstverhaltenem lachen so hervor, dass die Toilette der Damen fast in Gefahr kam.

In dem Transportwagen drin? riefen die Frauen.

Excellenz sassen im Transportwagen drin und hatten auch drin geschlafen, fuhr Ernst fort. Ja! ja! aus Wachsamkeit ganz inwendig geschlafen! Erst nachdem wir eine Stunde gefahren waren, hörten wir immer was so sonderbar rufen. Es war, als spukt' es oder als wären Ratzen in den Möbeln, so sonderbar klopfte es. Erst wusste die Gendarmerie nicht, wo's herkam. Hernach aber merkten wir's, dass es doch von inwendig kam und keine Ratzen waren. Halt! dachten wir, da hat sich Einer drin gefangen, und schon beratschlagten wir, was nun zu tun. Das klopfen aber hörte nicht auf und statt jeder Antwort auf unser: "Wer ist denn da drin?", bekamen wir wieder das klopfen. Da machten wir denn die Stange los und öffneten behutsam, wie wenn Einer Vögel lebendig gefangen hat und die Falle aufmacht. Wer kroch in Lebensgrösse heraus? Excellenz! Von Fragens war natürlich keine Rede; denn Excellenz waren furchtbar ungnädig, winkten mit der Hand und setzten sich vorn auf den Bock, wo sie sehr wenig gesprochen haben, nichts assen und nichts tranken als eine Tasse Kamillentee in einem dorf ... und mir verboten haben ...

Verboten? rief die Geheimrätin mit satirischer, von der Vorstellung des aus dem Kasten kriechenden Gatten zum lachen höchstgeneigter Miene; verboten, von dieser Aufopferung zu sprechen? Das Abenteuer ist so amusant, was ist da zu verbieten?

Sie betrachtete dabei mistrauisch mit den Augen zwinkernd die Ludmer.

Die Ludmer aber, die nie etwas ganz schwarz sehen konnte, lachte über die massen. Das Kinn wackelte ihr vor Entzücken über den eingeschlossenen Geheimrat und weit entfernt, dem Zusammenhang sotaner Misverständnisse nachzuspüren, hielt sie sich ganz einfach an das komische Factum, wie der hagere, steife, stolze Herr müsste ausgesehen haben, als er aus seiner Falle herausgekrochen gekommen wäre.

Falle sagst du, Charlotte? wandte sich die Geheimrätin zu ihr. Falle? Wer hat ihm denn eine Falle gestellt? Wie ist denn der Geheimrat hineingekommen in den Wagen, von dem mir doch gesagt wurde, dass er von Euch und zwei Bewaffneten bewacht war?

Jetzt blickten die Diener wieder scheu zur Erde und verrieten, ohnehin durch die Confrontation verlegen, was ihnen Ferneres vorgestern Abend begegnet war.

Dies kam denn darauf hinaus:

Der Geheimrat hätte die übrige von Hohenberg nachkommende Gesellschaft, wie sie dachten des Prinzen wegen, mit grosser Spannung im Heidekruge erwartet, wäre aber den ganzen Abend über nur mit Madame Schlurck und fräulein Tochter zusammengewesen, wäre dann zu ihnen in den Hof gekommen, wo es vom Regen fast nicht zum Aushalten gewesen und hätte ihnen gesagt:

Kinder, wir sind hier sicher, ich will nicht, dass ihr des Wagens wegen um einen trocknen Platz kommt! Da geht hinauf und trinkt auf des Königs Wohl! Damit hätte er ihnen einen Taler gegeben. Sie wären hinaufgegangen in die Wirtsstube und müssten sich freilich schämen zu gestehen, dass sie auf des Königs Wohl über Kräfte getrunken hätten, woran die Gendarmen Schuld wären und wie gesagt, des Königs Wohl. Nach einer halben Stunde wären dann Excellenz gekommen und hätten den Schlüssel zu der Eisenstange am Wagen verlangt. Er wollte etwas nachsehen, hätt's geheissen. Sie hätten ihn natürlich begleiten wollen, allein Excellenz hätten es nicht leiden mögen und so hätten sie für des Königs Wohl gesessen bis in die Nacht hinein. nachher wär' ihnen aber denn doch der Schlaf gekommen und die sorge für den Wagen. Wie gross wär' ihr Erstaunen gewesen, als sie den Wagen in der Dunkelheit offen, die Stange aber mit dem Schlüssel an einem Ende baumelnd gefunden hätten. In Angst, es möchte der Geheimrat aus Vergesslichkeit hier gelegenheit zu einem Diebstahl gegeben haben, wären sie rasch bei der Hand gewesen, die Tür wieder zuzuschliessen. Und da hätten sie denn ihren Herrn, der auf einem der Fauteuils wahrscheinlich entschlummert wäre, wider Wissen und Willen mit eingekerkert und einen so vornehmen Herrn gezwungen, die ganze Nacht in dieser höchst elenden und bejammernswürdigen Lage zuzubringen.

Pauline hielt beide hände über die Stirn und rief halb im Zorn, halb doch von der komischen Situation ihres Gatten amüsirt, laut aus, ob denn so etwas möglich, nur denkbar und wirklich glaublich wäre!

Dann aber des sicher bei dieser gelegenheit verloren gegangenen Bildes gedenkend, rief sie:

Was hatte er aber so spät in der Nacht in dem Wagen zu schaffen! Der furchtsame Mann, der nicht allein des Abends oben auf sein Zimmer gehen kann! Der Verschlafene, der wie die Hühner nach Sonnenuntergang kein Auge mehr offen behält!

Ernst, wie immer lebhaft, und an diese vertrauliche Art, über den Intendanten zu sprechen, im haus längst gewöhnt, lachte und platzte mit den Worten heraus: