was Schlimmes kommt! Auf eine Freude immer zehn mal ein Unglück.
Was ist denn, Katrine? fragten die Brüder teilnehmend, schnitten aber schon tapfer ihr Gebäck in gleiche Teile.
Da fährt ja eben, sagte sie klagend, der Fuhrmann von Quedlinburg vorüber – er spannt im Engel aus – und erzählt mir ein Unglück mit meinem Peters.
Das wäre! sprang Dankmar auf und seine Züge verfärbten sich.
Nein, nein, sagte Katrine beruhigend, es ist weiter nichts, als die Achse hat er gebrochen –
Die Achse?
Und seine Ladung – Mein Schrein? rief Dankmar.
Ist Alles, wie es sein soll; beruhigte ihn Katrine; aber so niedergeschlagen, sagt der Fuhrmann, ist mein Mann, so rabiat hätt' er ihn angetroffen, als wenn er seine ganze Fracht verloren hätte.
Das wäre mir schön! bemerkte Dankmar, sich nur mit Mühe sammelnd und auf dem Rasen hin und hergehend.
In Hohenberg ist's ihm passirt! berichtete Katrine weiter. Wie? Das wird er wohl erzählen. Er muss in einer Stunde eintreffen, so lange hat's gedauert, bis das Rad wieder hergestellt war. Aber woher kommt's? Von den schlechten Wegen. Seit die Eisenbahnen sind, geschieht nichts mehr für die Landstrassen, und doch muss man's segnen, dass es noch Gegenden gibt, wo der Gottseibeiuns selbst nicht mit Feuer und Dampf über die Wiese fährt. Schlimme Zeit! Aber jetzt lassen Sie's sich's schmecken und sowie er sich auf der Chaussee blicken lässt, meld' ich's an. Freude ist nicht viel an der Fahrt, wenn ein Fuhrmann auf eigene Rechnung fährt und ihm 's Rad bricht.
Damit ging sie. Aber Dankmar hatte eine unbeschreibliche Unruhe. Das Essen mundete ihm nicht.
Ich hätte den Schrein nicht von mir geben sollen! rief er einmal über das andere und rannte dabei auf und ab.
Aber beruhige dich doch nur mit deinem Schrein, sagte Siegbert. Ist denn das die Bundeslade selbst? Du hörst ja, dass sie da ist –
Ehe ich sie nicht sehe, mit Händen greife, habe ich keine Ruhe mehr –
Siegbert musste lachen und meinte:
In meinem Leben hab' ich nicht gesehen, Dankmar, dass dich etwas so ernst stimmen kann wie dieser Schrein. Was hat es denn mit diesem Heiligtume? Man möchte glauben, es entielte das goldne Vliess und käme direct aus Kolchis.
Siegbert, sagte Dankmar, seit einer merkwürdigen Nacht, die ich in dem Anbau des Tempelhauses zubrachte, ist mir nichts mehr so wichtig wie dieser Schrank ...
Den du hoffentlich aus dem Eigentum der Stadt Angerode nicht mitgenommen hast ...?
Allerdings hab' ich Das. Dieser Schrank entält Schriften, die sich lediglich nur auf uns und unsere Familie beziehen –
Fingirte Memoiren des Johannesritters Hugo von Wildungen, sagte Siegbert lachend, deine ersten schriftstellerischen Versuche im Geschmack der Bernsteinhexe oder der schlesischen Sybille, die man so lange für echt bewunderte, bis sich entdeckte, dass irgend ein ruhmsüchtiger pommerscher Landpastor oder ein gelangweilter schlesischer Stadtschreiber diese Märchen erfunden hat!
Spotte nicht! sagte Dankmar, in drei Jahren werden wir anders sprechen.
Sich setzend und ohne viel Appetit seinem Abendimbiss mässig zusprechend, fuhr er nun in seinen Mitteilungen fort und erzählte dem erstaunenden Bruder die Entdeckung von Tatsachen, die in das Leben dieser beiden jungen Männer merkwürdig genug eingreifen und auch uns im Laufe dieser Erzählung mannichfach beschäftigen sollen, wenn wir auch gestehen, dass die Brüder selbst ohne Dankmar's Traum von einer Million beneidenswert waren. Sie hatten Geist, Herz, Talent, jede Anwartschaft auf eine glückliche Zukunft. Ihren reichsten Schatz aber kannten sie nicht einmal. Es war dies die goldene poetische Jugend, die Jugend mit dem Zauberstabe, der Quellen aus Felsen schlägt, luftige Paläste in den Wolken bewohnbar macht und jeden schon am Gemüte prickelnden Schmerz, jede kleine schon am Herzen nagende Täuschung mit dem Troste heilt: Du bist jung! Noch gehört dir das ganze Leben, noch gehört dir die ganze Welt!
Viertes Capitel
Der Schrein im Tempelhause
Eines Abends, erzählte Dankmar, lockte mich der Ton der Orgel in der Johanniskirche, deren Sacristei mit dem Tempelhause durch jenen Anbau verbunden war, in den grösseren Saal, in welchem einst die jetzt verschwundene Bibliotek des Ordens stand, und die kleinern Nebengemächer, wo sich sein Archiv befunden haben soll. Es war eine gewisse Ordnung in das Häuschen gekommen. Die alten geistlosen Schreibereien über Rinder und Mehl waren entfernt, das Erdgeschoss war vom Schmuz, das obere Stockwerk vom Staube gereinigt. Unten sollte eine Waschküche angelegt werden, ein Trockenplatz für den Winter, oben der kleine Saal, einfach gewölbt, und die Nebenzimmer trocken und warm, standen unserer Benutzung anheimgegeben als Wohnzimmer. Es wäre in ihnen traulicher zu hausen gewesen als in den hohen Zimmern des grossen Prunkgebäudes nebenan. Die Orgeltöne in der Johanniskirche kamen von einem jungen Schullehrer, der sich zum nächsten Sonntagsgottesdienste übte. Es war mir eine eigene Empfindung, wenn ich zurückdachte an die frühere Bestimmung dieses ganzen alten Tempelhofes. Man hat noch viel zu wenig über den Zweck, die Bedeutung und die Schicksale dieser alten Ritterorden nachgedacht. Ihr Ursprung ist märchenhaft und dunkel, ihr Ende sicherlich nicht so, wie es erzählt wird und gleichsam zu Protokoll gegeben ist. Wer kennt die geheimen Fäden, die aus den Bauten der Indier herüberreichen in den Tempel Salomon's und das Grab des Erlösers,