1850_Gutzkow_030_177.txt

: einige fremde Gesandtinnen, einige Frauen vom hof, vor allen Dingen die kluge und strenge Oberhofmeisterin Frau Gräfin von Altenwyl. Diese, die frühere Erzieherin der jungen Monarchin, war ihr mit von der Heimat gefolgt ... Pauline von Harder, die Gattin eines der ersten Hofbeamten, die Schwiegertochter des Chefs aller Gerechtigkeit im land, eine Marschalk, eine Baronin Ried aus erster Ehe, brannte vor Begier, in diese Cirkel aufgenommen und, wenn Dies nicht, ihnen wenigstens wichtig zu werden. Das konnte sie seit lange um keinen Preis erreichen. Früher, als man das Herrscherpaar in der tonangebenden Gesellschaft umging und für beschränkt erklärte vom Standpunkte der Genialität, früher suchte sie eine Auszeichnung nicht, an der ihr jetzt Alles lag. Sie hätte sie aber auch schon damals nicht gefunden. Es gehörte eben zum Charakter der Bildung, die in den kleinen Cirkeln waltete, die Stoffe, aus denen Erscheinungen wie Pauline von Harder gefügt waren, gerade nicht zu verachten, wohl aber zu fürchten, zu vermeiden. Es war ein inneres tiefes Abgeneigtsein, was besonders die junge Monarchin gegen diese Richtung der freien Selbstbestimmung seiner Schicksale und wie die Lieblingswendungen einer schrankenlosen Leidenschaftlichkeit hiessen, beherrschte. Der Monarch liebte die Geschäfte und pflegte kleine wissenschaftliche und Sammlerneigungen, seine junge Gattin aber, im Bunde mit der etwas prüden und über den Monarchen mehr wie über seine Gemahlin wachenden Altenwyl, hielten einen grossen gewaltigen Schild vor ihn, um nichts an ihn heranzulassen, was irgendwie zu frivol in der Sprache der Zeit redete. Religiöse und sittliche Begriffe waren eben hier in einer sehr starken Steigerung auf eine fast schroffe Höhe getrieben, während wiederum eine gewisse kindliche, fast biblische Auffassung ihres schwierigen Lebensberufs diesem hohen Ehepaare das Gepräge naiver Einfachheit gab. Während der Adel, die Beamten, das Militair wild tobten und rasten, um sich nicht aus altergebrachten Ansprüchen entwurzeln zu lassen, sah das Monarchenpaar dem Kampfe der Zeit mit Schüchternheit zu, rief oft, als wäre ihm hier nur eine Gottesprüfung beschieden, die innere stimme des Gewissens in sich wach und wäre vielleicht nicht abgeneigt gewesen, gegen ein erträumtes schäferhaftes Arkadien, wo Wohltun und Liebe der einzige Beruf ihres Lebens hätte sein können, eine Zeitlang vom Trone zu steigen und ihn ... freilich dann auch keinem Nachfolger, sondern immerhin der Republik zu überlassen, bis man eines Tages sie oder ihre Kinder aus dem Arkadien irgend einer Verbannung glorreich wieder zurückberufen würde. Obgleich nun aber ihre Ehe mit Kindern nicht gesegnet war und Prinz Ottokar, ein gewaltiger Kriegesfürst, ihnen folgen sollte, so liessen sie sich doch von diesem zu keinem gefährlichen Entschlusse drängen, sondern wogen mit vieler Sicherheit Das ab, was zur Zeit noch ihnen, nicht ihm gehörte und was sie, nicht er zu verantworten hätten .... Ihre Hauptkraft lag in dem besonnenen verstand der Altenwyl und einem gewissen mystischen Glauben an die Inspirationen des vielfach angefeindeten und von den strengen Monarchisten sogar gehassten Generals Voland von der Hahnenfeder.

Für diesen Kreis war Pauline nun eine förmliche Idiosynkrasie. Man wusste zuviel des Zweideutigsten von ihr und ahnte dessen noch mehr, als man wusste oder wissen konnte. Schon eine Frau, die so gewaltig über einen beschränkten Mann, wie den geduldeten Intendanten der Schlösser und Hofgärten, emporragte, war in jenem Kreise anstössig, denn man liebte zwar das weibliche Übergewicht sehr, achtete aber äusserlich doch das schicklich Gleichartige in der Ehe und hielt auf Sitte und Gesetz. Von Verhältnissen, wie sie nicht sein sollten, galten Beispiele sogar schon für gefährlich. Man tadelte Paulinen vielleicht niemals, weil man überhaupt vor fertig ausgesprochenen Urteilen grosse Scheu hatte, aber der Trieb der Hinneigung fehlte. Pauline existirte natürlich für den Hof in Allem, was die allgemeineren Rechte der höhern Gesellschaft waren, sie fehlte nie auf der Liste der grossen Einladungen, aber sie nahm diese nicht an, weil sie eben für die kleinen Cirkel nicht existirte. Sie besuchte nie eine Cour, nie einen Hofball, nie ein Concert, wozu die leidenschaftliche Musikliebhaberei des Königs oft die Veranlassung gab ... sie wollte nur bei den kleinen Cirkeln sein, und da man sie dort nicht wünschte, so hasste sie eigentlich jene Personen, die es ertragen konnten, sie nicht zu sehen, sie nicht zu kennen! Sie hasste eigentlich in den Personen heimlich sogar dasselbe Princip, dessen Vergötterung sie in ihrer Überstürzung loyaler Demonstrationen öffentlich so angelegentlich betrieben hatte.

Ist es nicht empörend, rief sie nach der Abweisung der Flottwitz, dass ich mich nun zwei Monate lang vergebens angestrengt habe, die Aufmerksamkeit der kleinen Cirkel auch nur obenhin zu erregen? Ich habe Altäre gebaut, haushoch mit Blumen bestreut, habe Weihrauch angezündet, dass der ganze Staat wie eine Kirche nach dem Ambra der Liebe und des Vertrauens duftet und mit alledem hab' ich nur meine "Schuldigkeit" getan! Was stemmt sich mir entgegen? Bei dem Ankauf des Nachlasses der Hohenberg hofft' ich auf eine Annäherung. Ich fühlte, dass ich Misdeutungen zu vermeiden hatte und Das, was ich besitzen musste, um nicht neue Qualen zu erleben, nicht selbst ankaufen durfte. Ich bringe Hardern, auch gelegentlich die Trompetta dahin, die Damen am hof zu interessiren. Ich erlebe erst, dass aus einer von mir eingeleiteten idee für mich selbst eine förmliche Demütigung entsteht. Doch ich dachte: Lobt und preist nur die Fürstin, um die Verfasserin der "Amaranta" zu kränken! Ich habe doch meinen Plan! Allein der alte Feldmarschall in seiner Beschränkteit glaubte wirklich