die Königin hat förmlich ein Gelüst, sie einmal bei ihrer Windharfe zu sehen und wäre glücklich, sie in dem alten Tannenparke von Tempelheide sprechen zu dürfen!
Die Schwester Paulinens ist, wie wir wissen, Anna von Harder .... Beide, geborene Freiinnen von Marschalk, leben schon seit Jahren in gespannten Verhältnissen. Es ist Dies um so auffallender, als auch Beide gegenseitige Schwägerinnen sind: sie heirateten, freilich zu verschiedenen zeiten, zwei Brüder. Dennoch fand keine Beziehung zwischen ihnen statt. Ob Anna von Harder wirklich so ein edles Wesen war, wie man nach der einstimmigen Verehrung Derer, die bisher von ihr sprachen, schliessen sollte, müssen wir der künftigen Erzählung überlassen. Man kann nicht sagen, dass sich die Schwestern hassten. Sie lebten nur nicht füreinander, sie hielten sich gegenseitig für tot, und Anna von Harder pflegte, wenn man sie darum fragte, seufzend und tief erschüttert hinzuzufügen:
O! Wir haben Ursache dazu! ...
Paulinens Ehrgeiz war jetzt der, in einer merkwürdig aufgeregten, alle geistigen Kräfte in Anspruch nehmenden Zeit von wirkung und wahrem Einflusse zu sein. Andern und immer nur Andern die Wege ihrer Interessen zu bahnen, wurde ihr nachgerade zum Überdruss. Sie war viel genannt, viel gerühmt, aber auch viel geschmäht worden für Das, was sie kürzlich zu Gunsten der reinen Monarchie eingesetzt hatte. Und dennoch stand sie der eigentlichen Quelle der Ereignisse fern! Sie hatte auf allerhöchste Anerkennung, Teilnahme an den inneren Vorgängen der Politik gehofft und nichts an jener Stelle gefunden, wo allein die Ereignisse bestimmt wurden, nichts als einen kalten Dank für ihre warme Hingebung an die "gute Sache". Das war ihr denn doch zu wenig. Die Ministerien wechselten, die Kammern, kaum zusammengetreten, wurden wieder aufgelöst, da war nichts zu erfahren, nichts zu eröffnen, nicht einmal ein Salon von Notabilitäten .... Die alten geistigen Namen, die sie sonst fast jeden Abend bei sich versammelt hatte, waren erbleichte Sterne. Maler, Bildhauer, Dichter, Gelehrte – wer fragte nach ihnen in einer Zeit, wo nur Stimmen und nur Stimmen – Stimmen haben! ... Sie hatte sie auch nicht mehr einladen lassen, die grossen Männer von ehemals. Wer sprach von ihnen? Wer bewunderte ein Gedicht, wer ein Bild, wer eine astronomische Entdeckung? arme Begrabene! Von den toten konntet ihr nur auferstehen, wenn ihr die Raserei der politischen Mänaden mitmachtet und in den Demonstrationen des patriotischen Clubs eure Wiedergeburt feiertet! Armseliger Anblick eines mit Orden geschmückten berühmten Forschers der Wissenschaft ... im patriotischen Club lärmend, polternd, erhitzt neben einem Hoflieferanten, der sich durch den gemeinen Mut, die ausübende Polizei zu unterstützen, ausgezeichnet hatte, neben kleinen, leidenschaftlichen Geistern des Bureaus und der Kaserne, deren ganze Weisheit im Tumulte des patriotischen Zornfeuers aufprasselte! ... Dann kamen die Deputirten an die Reihe der Gunst, Menschen ... welchen die Zeit eine Bedeutung gab. Nur Wenige behielten sie, wenn sie nach dem Puppenspiele wieder in den Kasten der Verborgenheit zurückgelegt wurden .... In dieser Sphäre fühlte wohl Pauline den Puls der begebenheiten schlagen, aber dicht am Herzen wollte sie sein, da, von woher alle Arterien lebenskräftig strömten. Und dies Herz war nicht einmal in den Ministerien zu suchen, sondern es schlug nur Abends zwischen acht und zwölf Uhr in den sogenannten "kleinen Cirkeln", die sich um das junge Herrscherpaar versammeln durften.
Die kleinen Cirkel waren nicht nur die grösste Auszeichnung des Hofes, sondern auch ein Beweis seines intimsten Vertrauens. Hier trat nur ein, wer der königlichen Familie die Bürgschaft der tiefsten erkenntnis der Zeit gab. Die kleinen Cirkel regierten das Land, bestimmten die Richtung der auswärtigen Politik. Hier legten Gesandte ihre beichte ab, hier las man die Depeschen, die eben mit Kurieren oder dem Telegraphen eingelaufen waren. Hier trugen berühmte Gelehrte, die das besondere Vertrauen genossen, bei einer einfachen Tasse Tee ihre Ansichten über die Zeit vor oder erzählten, was sie auf Reisen neuerdings beobachtet hatten. Die kleinen Cirkel waren der Alpdruck der Ministerien. Selten, dass Einer von den Männern, die die Woge des Augenblicks dem hof als Minister zuwarf, hier Zutritt erhielt. Es gehörten dazu Eigenschaften, die nicht in der Kunde des staates und seiner Verhältnisse allein lagen. Man musste sozusagen auf den Ton des Herrscherpaars, besonders der jungen Königin, gestimmt sein. Wie Wenige waren Das von den trockenen Bureaukraten, den barschen Kriegern, den verschmitzten Rechtsgelehrten! Und doch fühlten sie Alle, dass in den kleinen Cirkeln die Parole des "Systems" ausgegeben wurde. Manches, was man hier wünschte, scheiterte vielleicht zum ersten male am Widerstande der Minister, zum zweiten male aber nicht mehr. Es gab tausend geheime Fäden, die plötzlich die scheinbar gesichertste Stellung von den kleinen Cirkeln aus umgarnt hatten und sie zum Falle brachten. So allmächtig ist in der Monarchie Das, was von einem Dutzend kluger und treuergebener Menschen – Sklaven als idee des Fürsten und seiner nächsten Umgebung treu aufgegriffen und mit heiligem Eifer fortgepflanzt wird!
Zu den Teilnehmern der kleinen Cirkel gehörten ausser dem General Voland von der Hahnenfeder, den man allgemein sozusagen für einen ideellen Goldmacher und sympatetischen Zauberer hielt, ausser einigen gestürzten Staatsmännern des alten Regiments, einigen vielbelesenen, aber urteilslosen Gelehrten, die man als Nachschlagewörterbücher und Dictionnaires de poche benutzte und wie eine bequeme Lesebibliotek gern immer gleich bei der Hand hatte, mehre Damen